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Die Roboter von Amazonien

Work hard. Have fun. Make history: Die Arbeitsphilosophie von Amazon klingt wie ein Song von David Guetta. Die Realität sieht anders aus, sagt Jean-Baptiste Malet. Der 26-Jährige hat sich als Arbeiter ins Amazon-Versandlager von Montélimar geschleust.
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„Work hard. Have fun. Make history" – das klingt doch eigentlich ganz gut.
Jean-Baptiste Malet: Dieser Slogan ist in allen Amazon-Lagerhallen der Welt plakatiert. Er ist geradezu symbolisch für das totalitäre Arbeitssystem, das Amazon errichtet hat. Er soll die Vorstellung von einem Arbeitgeber wecken, bei dem man zwar ordentlich schuften muss, der einen aber auch aufblühen lässt und zu historischen Taten beflügelt. In Wirklichkeit schafft das nur eine neue Form des Kollektivismus. Vor Arbeitsbeginn feuern die Manager die Arbeiter in euphorischen Reden an, „sich selbst zu übertreffen". Sie sollen „Top Performer" werden, denen dann alle applaudieren müssen. Und all das, obwohl es sich um eine anstrengende, unangenehme, unqualifizierte Arbeit handelt, die man nur sehr schwer länger als fünf Jahre durchhält. Viele der Amazon-Mitarbeiter sind körperlich ausgelaugt, vom Ingenieur bis zum Lagerarbeiter.

Und worin besteht dann das „Have fun"?
Darin, dass den Mitarbeitern Bonbons und Schokolade angeboten werden. Manchmal werden auch Tombolas veranstaltet, oder die Angestellten sollen verkleidet zur Arbeit kommen. Absurd. Doch neben diesem „Zuckerbrot" fehlt nie die Peitsche: Ihre Produktivität wird gespeichert. Und sie erhalten schriftliche Mahnungen, wenn sie sich nicht mehr steigern. Sie werden vorgeladen und müssen über ihre vermeintliche Langsamkeit Rechenschaft ablegen – oder gleich ihre Sachen packen. Da bringen auch diese Momente künstlicher guter Laune nichts.

„Die Vorgabe lautete: Arbeite schneller als am Tag zuvor."


Sie haben sich über eine Zeitarbeitsfirma bei Amazon einstellen lassen. Wie sah Ihr Arbeitsalltag dort aus?
Es gibt dort zwei Arten von Jobs: Die „Picker" sammeln die verschiedenen Produkte ein, die die „Packer" dann einpacken. Ich habe als Picker in der Nachtschicht gearbeitet, von 21.30 Uhr bis 4.50 Uhr bin ich oft mehr als zwanzig Kilometer gelaufen. Mein Stundenlohn lag bei 9,72 Euro brutto. Vor jeder Schicht kündigten die Manager die Produktivitätsziele an, im Schnitt sollte ich zwischen 120 und 130 Artikel pro Stunde erreichen. Die Vorgabe lautete: Arbeite schneller als am Tag zuvor.

Wie wird das überprüft?
Die Arbeiter werden ständig überwacht – durch einen kleinen Scancomputer, mit dem sie die Waren einlesen und die Standorte der Artikel abfragen. Die Maschine hängt an einem WLAN-Netzwerk und teilt dem Chef die exakte Position jedes Arbeiters mit. Auch der Arbeitsrhythmus und die Produktivität werden sekundengenau aufgezeichnet.

Nach dem Motto: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.
Genau. Und weil jeder Amazon-Mitarbeiter als potenzieller Dieb gilt, wird er jedes Mal durchsucht, wenn er die Lagerhalle betritt oder verlässt. Das kann bis zu vierzig Minuten dauern und geht von der Freizeit der Angestellten ab.

Warum wissen wir denn so wenig über die Arbeitsbedingungen?
Amazon France weigert sich, mit der investigativen Presse zu kommunizieren. Das Unternehmen schweigt über zahlreiche Arbeitsunfälle und verweigert Besuche von Journalisten auf dem Firmengelände. Die Fabrikhallen liegen meistens weit abseits, versteckt vor den Augen der Internetkunden und geschützt durch Stacheldrahtzäune wie etwa in Bad Hersfeld in Hessen. Die Leute, die ich an den Werktoren in Montélimar befragen wollte, waren alle verängstigt und wollten nicht mit mir reden.

Verängstigt?
Laut Firmenordnung gilt für die Arbeiter die absolute Schweigepflicht. Dabei haben sie keinerlei Zugang zu irgendwelchen Betriebsgeheimnissen. Was sie verschweigen sollen, sind die Unerträglichkeit und die Härte der Arbeit. Mehrere Artikel im französischen Arbeitsgesetzbuch zeigen, dass Amazons Forderungen an seine Mitarbeiter illegal und unbegründet sind. Eine solche Schweigepflicht darf nur zum Schutz von Firmengeheimnissen angewendet werden – nicht zur Verschleierung schlechter Arbeitsbedingungen.

Deshalb haben Sie sich entschieden, selbst dort anzuheuern?
Ja, weil ich finde, dass der Internetnutzer das Recht und die Pflicht hat zu wissen, wie seine Bestellungen bearbeitet werden und worin das Geheimnis von Amazons Effizienz besteht. Und welchen Preis sie hat.

 „Denunziation wird bei Amazon gefördert und belohnt."


Wie wirken sich die Arbeitsbedingungen auf das Verhältnis unter Kollegen aus?
Man begegnet nicht mehr wirklich Kollegen, sondern abgestumpften Robotern, die aussehen wie Menschen. Amazon verwendet das sogenannte 5S-Management in seinen Lagern. Dieses System stammt aus Japan und lässt sich auf Deutsch mit 5A übersetzen: Aufräumen, Aussortieren, Anordnungen befolgen, Arbeitsplatz sauber halten – und „Anomalien signalisieren". Das kann ein Karton sein, der einen Eingang verstopft – aber auch zwei Kollegen, die die Regeln missachten. Denunziation wird bei Amazon gefördert und belohnt. Sie ist ein Mittel, um in der Hierarchie aufzusteigen. Das vergiftet das Klima unter den Arbeitern total, die meisten meiner Kollegen haben richtig schmerzhafte Erfahrungen gemacht. Manche wurden von ihren Mitarbeitern verraten, weil sie während der Arbeit geredet haben, und stehen seither unter besonderer Beobachtung. Sie wissen bis heute nicht, wer sie angeschwärzt hat.


Manche Politiker sagen: Immerhin schafft Amazon Arbeitsplätze.
Das ist ein Trugschluss. Jedes Mal, wenn Amazon bei einer Lagereröffnung lokal Stellen „schafft", zerstört das Unternehmen gleichzeitig unzählige Arbeitsplätze im traditionellen Handel der Umgebung. Meine Studien zeigen, dass Amazon für dieselbe Anzahl an verkauften Büchern 18-mal weniger Arbeiter braucht als ein unabhängiges Buchgeschäft. Das ist vor allem schlimm für die Buchläden, aber diese Konkurrenz trifft den ganzen Einzelhandel – all die Geschäfte, die nicht nur Geldquellen für Arbeitnehmer sind, die Steuern zahlen, die Innenstädte beleben und vor allem soziale Kontakte möglich machen. Und keine Roboter beschäftigen.

Was zeichnet für Sie einen guten Arbeitgeber aus?
Ein guter Arbeitgeber geht auf die Bedürfnisse seiner Mitarbeiter ein, lässt sie Kollegen sein und nimmt sie nicht aus. Er etabliert keine Systeme, in denen Denunziation gefördert wird und der Einzelne in der Masse untergeht. Amazon ist nicht an einer humanen und sozialen Wirtschaft interessiert oder am Respekt gegenüber seinen Arbeitnehmern. Es geht nur um den maximalen Profit – auch wenn man dafür die menschliche Würde des Arbeitnehmers opfern muss.

Welche Auswirkungen wird es haben, wenn Amazon nichts an seinen Arbeitsbedingungen ändert?
Ich bin kein Hellseher, aber ich glaube, dass die Gewerkschaften sich immer mehr wehren werden. In Deutschland hat ver.di gezeigt, dass es möglich ist, viele Menschen dafür zu mobilisieren. Sie haben erkannt, welchen psychologischen Krieg Amazon führt, und widersetzen sich konsequent mit Arbeitsniederlegungen. Amazon hört seinen Arbeitern nur zu, wenn sie streiken. So wie es aussieht, wird dies das einzige Kampfmittel sein – zumindest solange die Internetkunden dort noch einkaufen.
 

Text: fabienne-hurst - Illustrationen: Paul Grabowski

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