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Jungs, sind eure Bärte nur Spielzeug?

Oder was soll sonst der Hype um Bartpflegeprodukte?
Von Nadja Schlüter und Christian Helten
  • medchenfrage barte foto arthurbraunstein photocase
    Foto: Arthurbraunstein / photocase.de

Die Mädchenfrage:

 

Na, ihr Zwirbler? Jaha, erwischt! Ihr macht das den ganzen Tag: euch da im Gesicht anfassen und dran rumzwirbeln und drin rumkraulen und durchstreicheln. Weil ihr ja jetzt alle (immer noch) Bart tragt. Wirklich alle. Ich träume jede Nacht von einer Rasur-Petition, die ich von möglichst vielen Menschen unterzeichnen lassen möchte, damit sich einige von euch endlich, endlich ihre Bart-Fragmente abrasieren. Nicht jeder kann Bart tragen, aber jeder macht’s. Es kann also nicht immer was mit gutem Aussehen zu tun haben, weil: Sieht eben oft nicht gut aus. Es muss andere Gründe haben. Das Zwirbeln und Kraulen und Streicheln wahrscheinlich. Und dann noch Folgendes, vermuten wir:

 

Es ploppen grade überall diese Läden auf. Bartpflege-Läden mit Bartpflege-Utensilien. Ihr geht da rein und schnuppert an den Sachen und kauft hübsche Dosen, in denen irgendwelche Creme ist, oder Tiegelchen mit Öl drin, und dann schmiert ihr euch das Zeug in den Bart. Wenn ihr viel Bart habt, trimmt ihr ihn, sodass er oben kurz ist und unten lang und das nächste Mal andersrum. Wenn ihr wenig habt, probiert ihr rum, was ihr mit euren Bart-Fragmenten an unterschiedlichen Styles hinkriegt. Als hätte man euch ein paar kaputte Bauklötzchen gegeben, über die ihr euch aber trotzdem freut und mit denen ihr spielt.

Womit ich auch schon zum Punkt komme: das Spielen. Euer Bart scheint mehr zu sein als Accessoire, also nicht nur zum Angucken und Schmücken da zu sein, sondern auch zum Anfassen und zum Wasreinschmieren, was ja völlig und absolut sinnlos ist. Niemand braucht Bart-Öl, das wisst ihr doch auch! Ihr macht sinnlosen Kram mit eurem Bart!

 

Und darum hier die ernst gemeinte, allerletzte Frage zum Bart: Ihr behauptet ja gerne, er wäre eine Art modisches Kleidungsstück – aber ist er am Ende nicht doch bloß ein Spielzeug? So eine Mischung aus Kuscheltier, Frisierpuppe und Chemiebaukasten? Oder schätzen wir euch da völlig falsch ein und das alles, was ihr da macht, hat einen tieferen Sinn, der euer Selbstbewusstsein stärkt und eure Gehirnzellen vermehrt oder so? Erklärt mal!

Die Jungsantwort:

 

Beginnen wir diese Antwort doch am besten mit einem Blick in mein Badschränkchen. Darin liegt ein Kamm. Es ist der erste und einzige Kamm, den ich je besessen habe, und ich habe ihn mir vor etwa einem Jahr gekauft. Mit meinem Haupthaar hatte die Anschaffung nichts zu tun. Ich habe mir nie die Haare gekämmt. Als aber nicht mehr zu leugnen war, dass das, was da in meinem Gesicht wächst, als Vollbart bezeichnet werden muss, merkte ich, dass es diesem Vollbart vielleicht gut täte, ihn ein bisschen zu pflegen. Auch Barthaare können sich verknoten, und wenn sie eine gewisse Länge erreicht haben, kann man da nicht mehr einfach mit dem Langhaarschneider durchfräsen. Dann braucht man eine Schere. Und eben einen Kamm, mit dem man den Bartüberhang an der Oberlippe ordnen kann, um ihn dann gleichmäßig auf eine Länge zu bringen, die mit dem gelegentlichen Löffeln von Suppe kompatibel ist.

 

Das ist schon Teil eins der Antwort: Ein Großteil unserer Bartpflege ist nicht sinnlos, wie du behauptest. Sondern notwendig. Das kannst du nicht wissen, weil du keinen Bart hast, aber es ist eigentlich ganz simpel und ungefähr so: Ihr habt Brüste, und die sind mit einem BH angenehmer herumzutragen, und ihr habt lange Haare, in die ihr Spitzen-Pflegespülungen einmassiert, damit sie schön sind. Wir haben Bärte, und die sind schöner und angenehmer herumzutragen, wenn man sie kämmt und stutzt.

 

Zweiter Blick in den Badschrank: Da steht auch ein Bartöl. Das habe ich gekauft, nachdem ich irgendwann mal “Bartkamm” gegoogelt hatte, um zu schauen, ob es da nicht vielleicht ein besser geeignetes Exemplar gibt als mein Billo-Plastikteil aus dem Drogeriemarkt. Dabei stieß ich auf Webshops, die den von dir beschriebenen Läden artverwandt sind: riesige Konsum-Universen mit Bartkämmen, -ölen, -shampoos und -pomaden und natürlich allem erdenklichen Rasurkram.

 

Das braucht doch alles kein Mensch, dachte ich. Dann las und dachte ich kurz nach, und einiges erschien mir plötzlich logisch. Zum Beispiel, dass man Barthaare anders behandelt als Kopfhaare. Sie sind nun mal deutlich krauseliger und störrischer. Oder, dass die Haut unter dem Bart vielleicht auch deshalb manchmal juckt, weil sie da unten niemals mit irgendeiner Creme in Berührung kommt. Und dass es vielleicht besser ist, diesen Mangel nicht mit dem Inhalt des blauen Niveatöpfchens zu beheben, das unseren Bart in eine weiß glänzende Speckschwarte verwandeln würde, sondern zum Beispiel mit einem für diesen Zweck gemachten Öl.

Ich glaube, dass mein Bart in den zehn Tagen Camping-Urlaub ohne Bartöl deutlich mehr nach Zausel-Waldschrat aussah als sonst. Kann sein, dass ich mir das von den Bartladenbesitzern habe einreden lassen. Aber selbst wenn das alles nur schlaues Marketing ist: Es wäre mir egal. Denn – und das ist jetzt Teil zwei der Antwort – ein bisschen was ist natürlich schon dran an deiner Spielzeugtheorie. 

Der Bart ist für uns schon das natürliche Terrain, um uns ein bisschen auszutoben. Wir haben nicht so viele Variationsmöglichkeiten wie ihr. Wir lackieren uns keine Nägel, wir schminken uns nicht – sondern greifen eben auf die spärlichen Möglichkeiten zurück, die uns bleiben: die Haare, die aus unserem Kinn sprießen.

 

Außerdem haben wir durchaus Freude dran, in unserem Gesicht herumzufuhrwerken und da alles in Ordnung zu halten. Das Sich-was-Gutes-Tun macht auch uns Spaß, und wenn wir ganz ehrlich sind, sind wir schon lange ein bisschen neidisch auf eure ganzen Vitamin-Augencremes, eure supersmoothen Peeling-Körnchen, eure Avocado-Sonstwas-Masken und Haarspitzen-Pflegespülungen (By the way: Ihr wisst auch, dass das meiste davon keiner braucht, und kauft es trotzdem). All das wollen wir dann aber doch nicht benutzen, weil immer noch die altbackene Meinung vorherrscht, dass es euer Monopol ist, sich Sachen ins Gesicht zu schmieren. Männer sollen auf ihr Äußeres achten und gepflegt sein, müssen dabei aber so tun, als passierte das beiläufig und ohne Pflegeprodukte. Es mag falsch und dumm sein: Aber der Typ, der in der Kabine nach dem Fußballspiel drei Cremetöpfchen auspackt, wird verarscht.

Bei der Bartpflege können wir ohne allzu große Hemmungen unser Pflege- und Sich-Gutes-tun-Defizit ausgleichen, in einer Ecke, in der ihr – und das spielt glaube ich auch eine Rolle – nicht mitreden könnt. In der ihr nicht besserwisserisch lächeln könnt, wenn wir etwas falsch machen. Weil ihr keine Ahnung habt.

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