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Jungs, warum wollt ihr uns so gerne die Welt erklären?

Und merkt ihr eigentlich, dass wir das mit euch überhaupt nicht machen?
Von Miriam Pontius und Quentin Lichtblau
  • ma dchenfrage
    Illustration: Federico Delfrati

Liebe Jungs,

 

niemand kann auf jedem Gebiet ein Experte sein. Von manchen Sachen habe ich – das gebe ich ehrlich zu – absolut keine Ahnung. Von Technik zum Beispiel. Teilweise, weil es mich nicht interessiert, teilweise, weil ich gemerkt habe, dass man im Alltag vieles nicht unbedingt verstehen muss, um es benutzen zu können. Autos etwa. Bisher bin ich immer ganz gut damit gefahren (haha, Wortwitz), meine Hände ans Steuer zu legen und nur loszulassen, um im richtigen Moment den Schalthebel zu betätigen.

 

Aber ich muss nicht wissen, was genau im Motor passiert, wenn ich auf die Kupplung trete, oder? Mein maschinenbegeisterter Freund weist mich bei gemeinsamen Spaziergängen trotzdem gerne darauf hin, wenn ein Auto mit Turbolader vorbeifährt. Inzwischen kann ich die Geräusche verschiedener effizienzsteigernder Verfahren für Verbrennungsmotoren nachmachen.

 

Bitte nicht falsch verstehen, das soll keine Beschwerde werden. Es geht hier nicht um das herablassende Mansplaining, das manche Männer verwenden, um Frauen kleinzuhalten. Sondern um das liebevolle „Guck mal, das weiß ich!“ Ich bin ja ein wissbegieriger Mensch, zu dem die Physiklehrer ab der Mittelstufe emotional einfach nicht mehr durchgedrungen sind. Neuerdings habe ich eine Faszination für das reibungslose Zusammenwirken hunderter unwahrscheinlicher Vorgänge wiederentdeckt, die zu einem fahrenden Auto führen. Und die rührt von den technischen Erläuterungen meines männlichen Wegbegleiters her.

Umgekehrt kann ich mir aber nicht vorstellen, dass ich ihm etwas aus meinem Kompetenzbereich erkläre. Malerei etwa. In einer Kunstausstellung würde ich nie anfangen, die Pyramidal-Komposition zu beschreiben oder den Einfluss des Künstlers über seine Lebenszeit hinaus zu erläutern. Dabei würde ich mir irgendwie komisch vorkommen. So lehrerhaft.

 

Ihr aber blüht richtig auf, wenn ihr uns etwas erklärt. Da ist ein Funkeln in euren Augen und eine Begeisterung in eurer Stimme, wenn ihr ein Mysterium für uns lüftet. Und das freut uns dann. Weil wir euch mit dem Zuhören etwas Gutes tun und ihr so unglaublich viel Spaß daran zu haben scheint. Gleichzeitig erweitern wir unseren Erfahrungsschatz.

 

Woher aber kommt diese Erklärungsfreude? Ist sie ein Rudiment aus vergangenen Epochen, in denen der Ehemann grundsätzlich älter war und damit automatisch die Rolle des Belehrenden ausfüllte? Oder hat das gar nichts mit dem Alter zu tun? Denn inzwischen sind wir ja häufig gleich oder zumindest ähnlich alt, wenn wir uns entscheiden, ein Paar sein zu wollen. Was also freut euch daran, uns die Welt zu erklären? Wollt ihr uns beeindrucken? Wollt ihr gebraucht werden? Habt ihr Angst, wir könnten davonlaufen, wenn wir bemerken, dass unser Wissensreservoir genauso groß ist wie eures? Oder fällt euch das gar nicht auf, dass wir euch weniger erklären als umgekehrt?

 

Diesmal fragen wir sogar direkt danach: Liebe Jungs, erklärt uns das doch bitte mal.

 

Eure Mädchen

  • 35996879923799372 jungsfrage text full
    Illustration: Katharina Bitzl

Liebe Mädchen,

 

da ihr hier ja auch förmlich bittet, etwas von uns erklärt zu bekommen, wird mir persönlich die Problemlage nicht ganz bewusst. Wie du ja selbst schreibst: Wir erklären, ihr freut euch. Alles gut, oder nicht? Nicht ganz.

 

Kommen wir zunächst mal zu dieser speziellen Erklärbär-Magie: Es macht tatsächlich großen Spaß, euch mit unserem unendlichen Wissen und mit weltpolitischer Voraussicht die globalen Zusammenhänge näherbringen zu dürfen. Wenn wir merken: Hier wird mal meine Expertise gebraucht, hier habe ich eine konkrete Idee von dieser ach so komplexen Welt, und sei es auch nur für ein paar smart klingende Punchlines. In Zeiten, in denen das klügste, was viele unserer Generationsgenossen zustande bringen, ein „WTF was’ nur los mit der Welt!?11“ ist, tut es einfach gut zu merken, dass man gerade mal eine konkrete Ahnung hat. Und dass ihr euch das anhört und uns dafür schätzt.

Ebenso kann es sicherlich guttun, euch fachmännisch-physiklehrerartig die Funktionsweise eines Turboladers zu erklären. Wobei ich hier passen muss ­– ich denke dabei an eine Mischung aus Gabelstapler und Space-Shuttle. Ich würde mir durchaus wünschen, mich von einer kompetenten Physikerin korrigieren zu lassen.

 

Und hier liegt, glaube ich, auch das Problem: Unsere Begeisterung für das Erklären ist alles andere als eine Einbahnstraße, um mal bei schlechten Autofahrermotiven zu bleiben. Bei mir hat sich zum Beispiel mal ein Freund ausgeheult, nachdem seine neue Freundin – vor der Beziehung war sie eine glühende Verehrerin des betrunkenen Kapitalismus-Diskurses – plötzlich jeden seiner Vorträge nur noch mit still-anerkennendem „Ja, da hast du sicher recht“-Kopfnicken begleitete.

 

Dieser seltsame Wandel und deine eigenen Skrupel, deinem Freund Pyramidal-Kompositionen zu erläutern, sind sauschade. Natürlich sind wir Jungs für diese Zurückhaltung auch mitverantwortlich, wir unterbrechen euch öfter und neigen vermutlich auch eher zum sonoren Klugscheißen, das keinem Zuhörer wirklich Spaß macht. Aber bitte, wenn wir etwas nicht verstehen, falsch liegen, keine Ahnung haben oder ihr sonst irgendeinen Drang zur großen Rede verspürt: Erklärt uns erstmal alles, was euch einfällt! Was spricht dagegen? In welcher Welt ist denn bitte Intelligenz ein Grund zum Davonlaufen?

 

Ich halte das für alles andere als oberlehrerinnenhaft. Handelt es sich um ein Gebiet, von dem ich auch eine Ahnung habe, kann ich ja mitreden. Und wenn nicht, dann lernen auch wir Jungs gerne dazu. Frauen, die heutzutage die Meinung und den Wissenstand des Partners automatisch oberhalb des eigenen ansiedeln und deswegen nie ihr eigenes Wissen anbringen oder auch nur in eine Diskussion einsteigen, sind mir suspekt.

 

Insofern könnt ihr hier vielleicht von uns lernen (wobei das auch wieder herablassend klingt): Labert mal ordentlich einen auf, immer und überall! Unterbrochen werdet ihr ja leider oft genug.

 

Eure Jungs

 

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