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Jungs, wollt ihr ein Haus bauen?

Klingt nämlich manchmal so, als gehörte das zu eurer Vorstellung von Männlichkeit.
Von Charlotte Haunhorst und Max Sprick
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    Foto: kallejipp / photocase

Die Mädchenfrage: 

Kürzlich erschien das neue Album der von mir hochgeschätzten Band „Die höchste Eisenbahn“. Darauf geht es, wie beim Vorgänger auch schon, viel um Entscheidungen, Beziehungen und das Gefühl des Verlorenseins – kurz, ums Erwachsenwerden.

Das wäre so weit nicht spektakulär, wäre mir beim Hören der Werke dieser Band nicht ein Aspekt besonders aufgefallen: Ständig besingen sie den Hausbau. Sei es als Horrorvision in „Raus aufs Land“ (Sie gießen Zement in all die Gruben / Die sie ausgehoben haben / Und keiner hat uns gewarnt /Dass sie uns damit begraben), als Zeichen des endgültig angekommen seins in „Woher denn?“ („Ihr plant mit Freunden ein Haus zu bauen“) oder als Selbstzweifel in „Wer bringt mich jetzt zu den anderen?“ (Kannst du dir glauben und dir vertrauen / wie lange du brauchst um es fertig zu bauen?). Nun ist „Die höchste Eisenbahn“ eine rein männlich besetzte Band und auch bei einer kurzen Recherche nach Songtexten fiel mir auf: Männer scheinen dieses Thema lieber zu besingen als Frauen. So wollten „Die Doofen“, also die Band von Wigald Boning und Olli Dittrich schon ein Haus aus Schweinskopfsülze bauen, Fettes Brot eines aus Holz, Herzen und Schnaps und auch Peter Fox fabulierte ja schon vor einigen Jahren vom „Haus am See“ – „Die höchste Eisenbahn“ übrigens auch in ihrem älteren Lied „Mira“, wo sich der Kreis dann definitiv wieder schließt.

 

Nun habe ich es eigentlich nicht so mit Aphorismen, aber der doofe Spruch „Ein Mann muss drei Dinge im Leben tun: ein Haus bauen, einen Sohn zeugen und einen Baum pflanzen“ ist natürlich auch mir bekannt. Und auch wenn eigentlich alles in mir sich diesem Gedankengang widersetzt, muss ich doch fragen: Kann es sein, dass ihr diesen Spruch doch ein wenig verinnerlicht habt? Denkt ihr, ein Mann muss als Zeichen des ultimativen Erwachsenseins tatsächlich ein Haus bauen? Und, solltet ihr das bejahen – warum? Spielen da vielleicht doch noch ganz archaische Triebe wie „Ich muss meiner Familie eine Höhle bauen damit sie den Winter überlebt“ eine Rolle? Oder haben Bands wie „Die höchste Eisenbahn“ einfach nur nicht die Zeichen der Zeit erkannt und ihr seid alle eigentlich ganz glücklich in euren 2-Zimmer-Wohnungen mit Staffelmiete und Arbeitszimmer in der Küche? Also Jungs, sagt mal – was ist das mit euch und dem Hausbau?

Die Jungsantwort:

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    Illustration: Katharina Bitzl

Liebe Mädchen,

 

zunächst ein Geständnis: Von der Band namens „Die höchste Eisenbahn“ habe ich noch nie was gehört. Also habe ich mir diese drei Hausbau-Songs eben mal reingezogen. War nicht so meins, sorry. Aber ich habe die Band dann mal gegoogelt und ein Interview gefunden, wo die Jungs sagen: „Wir sind ja keine Politiker mit einem Parteibuch und einem Programm. Wir wollen nicht irgendetwas Bestimmtes sagen.“ Klingt für mich ganz nach: Einer von denen hat halt ein Haus gebaut und diesen Prozess und die damit verbundenen Entscheidungen und Diskussionen in Songs verarbeitet. Keine höhere Message, stellvertretend für alle Jungs.  

 

Ich kenne niemanden, der ein Haus gebaut, oder sich wenigstens so eingehend damit beschäftigt hat, dass ich es mitbekommen hätte. Ok ok, abgesehen von meinen Großeltern. Die haben nach dem Krieg gebaut. Aber in meiner Generation? Oder in der meiner Eltern? Viele Haus- und Immobilien-Besitzer, ja. Aber keiner, der seine eigenen vier Wände gebaut hätte.  

 

Ein guter Kumpel erzählte mir neulich, dass er jetzt was zum Kauf suche. Eine Wohnung zwar und kein Haus, aber eben eigene vier Wände mit einem Dach drüber. Er hat mir wilde Rechnungen präsentiert, nach denen sich das „totaaaal“ lohnen würde. Ich solle lieber monatlich für etwas zahlen, das am Ende mir gehört, statt meinem Vermieter Geld in den Rachen zu werfen, hat mein Kumpel gesagt. Klang einleuchtend. Aber egal ob Wohnung oder Haus - wann ist schon dieses „Ende“?  

 

Weil ihr gefragt habt, Mädchen, habe ich mich gerade auch mal mit dem Thema Hausbau befasst. Wenn man im Umland von München eine eigene Höhle (kein Fertighaus, wenn schon, denn schon) für sich und seine Familie bauen will, kostet das schnell 750 000 Euro. Ohne Grundstück. Das Ende meines Baukredits würde ich in diesem Leben also nicht mehr mitbekommen.  

 

Während ich das schreibe, sitze ich in meiner Drei-Zimmer-WG am Küchentisch. Ich höre „Haus am See“ und träume von ebendiesem vor mich hin, statt weiter zu schreiben. Aber nur, weil ich das Haus am See halt ziemlich gut fände, und nicht, weil ich mir besonders männlich dabei vorkäme, es selbst zu bauen. Es geht dabei um das Ergebnis, nicht um den Weg dorthin. Kurz: Es wäre schon gut, sich so einen Hausbau leisten zu können und die Hütte so zu gestalten, wie man es am allerliebsten hätte. Aber wenn jemand anders bereits ein schönes Haus gebaut hat, in das wir ziehen können, ist es uns genauso recht. Ihr habt die Altbauten schon erwähnt – sind nicht 3,50 Meter hohe, stuckverzierte Decken mit knarzendem Parkettboden und hohen Doppeltüren viel charmanter als so ein steriler, minimalistischer Neubau?  

 

Es kann sein, dass ich mich irre, aber: Ich habe lange keinen animierten Werbe-Fuchs mehr gesehen, der mir sagt, auf welche schwäbischen Steine ich bauen könne. Früher war der hausbauende, starke Ernährer-Höhlenbau-Familienvater präsenter, er war das Rollenvorbild, das uns Werbung und Vorgängergeneration eintrichterten. Tief in uns drin, und deswegen vielleicht auch öfter noch Thema in Liedern, betrachten wir das also schon noch als was ziemlich Männliches. Aber eher im Sinne von: Wir Jungs können das alles selbst, wir bauen unserer Familie ein Haus selbst. Mit unseren Händen, unserem Blut und Schweiß. Aber, sind wir ehrlich, das klingt so gestrig wie der nächste doofe Aphorismus „Schaffe schaffe Häusle bauen“. Man mag es kaum glauben, aber wir sind inzwischen weit genug, dieses Rollenbild als altertümlich entlarvt zu haben.  

 

Ich glaube also, wir sind da sehr viel weiter – also: realistischer – als die „Die höchste Eisenbahn“ mit ihrem Singen und Schmachten. Mehr steckt da echt nicht dahinter. Und überhaupt. Ihr fordert doch immer Gleichberechtigung. Mal eine Gegenfrage: Warum baut ihr denn nicht für eure Familie eine Höhle zum Überwintern? Ich habe tatsächlich auch keine weibliche Besingung dieses Themas gefunden.

Mehr Zukunftsfragen: 

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