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Jungs, warum wollt ihr keine Feministen sein?

Eine Frage, bei der es im Kern drum geht, wer eigentlich mit wem kämpfen darf.
Von Charlotte Haunhorst und Jakob Biazza
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    Foto: UlrikeA/photocase

Die Mädchenfrage:

 

Liebe Jungs,

 

50 prominente Männer hat die SZ vor kurzem zum Thema Feminismus angefragt. Muss man sich mal vorstellen. Das sind zwei Schulklassen. Ein kleines Passagierflugzeug. Mehr als vier Fußballmannschaften. Aber nur fünf von diesen 50 Männern haben sich getraut, öffentlich zu sagen, dass sie Feministen sind – oder zumindest so etwas Ähnliches.

Die Geschichte erschien bei „Die Recherche“, einem Projekt der Süddeutschen Zeitung, dieses Mal zum Thema Gleichberechtigung. Die Angefragten waren also vermutlich sensibilisiert und ihre Begründung, warum sie absagen müssten, lautete entsprechend nicht, dass sie Feminismus oder gar Frauen doof fänden. Es ginge eher um das Wort, hieß es oft: Feminist. Das wollte (fast) keiner sein.

 

Und das hat mich dann doch überrascht. Weil man sollte ja meinen, dass ein Wort nicht derart bedrohlich sein kann. Also klar, es gibt auch Frauen, die das F-Wort doof finden. Oft dann verknüpft mit Argumenten wie „Feministinnen sind kurzgeschorene Kampflesben“ oder „Feministinnen wollen die Geschlechter abschaffen.“ Aber wäre ich jetzt ein prominenter Mann und hätte die Chance, in der SZ mal zu sagen, warum Gleichberechtigung spitze oder von mir aus auch doof ist – würde ich mich doch nicht an einem Wort aufhängen, oder?

 

Der gute Einwand einer Kollegin zu dem Thema war, dass es noch einen anderen Grund geben könnte, dessentwegen ihr das F-Wort nicht mögt: Weil ihr Männer seid. Ihr könntet, so ihre Argumentation, vielleicht denken, dass sich nur Frauen berechtigterweise zu Feminismus äußern dürfen. Sie sind ja immerhin von der Ungleichbehandlung betroffen. Männer hingegen sind Teil des Problems.

 

Ich habe über diese Argumentation selbst nachgedacht und muss sagen: So ganz schlüssig erscheint mir das auch nicht. Denn klar, als Nicht-Transsexuelle kann ich auch schlecht sagen, dass ich weiß, wie sich Transsexualität anfühlt. Aber ich kann ja schon sagen, dass ich für Gleichberechtigung aller Menschen jedes Geschlechts bin. Und ähnlich ist es doch auch mit dem Feminismus, oder?

 

Erklärt das doch bitte mal. Was ist euer Problem mit dem Feministen-Dasein? Habt ihr da das Gefühl, ihr überschreitet eure Kompetenzen? Findet ihr Feminismus einfach ekelig? Oder habt ihr bloß eine Rechtschreibschwäche und wollt es deshalb nicht verwenden? Und falls das was an eurer Motivation ändert: Wir fänden das ja sexy, wenn sich mehr von euch zum Feminismus bekennen würden. Ihr müsst dafür auch keine albernen Pullover oder Latzhosen tragen, versprochen.

 

Die Jungsantwort:

  • jungsfrage text

Liebe Mädchen,

 

na wenn ich keine Latzhose tragen muss, bitte: „Hallo, ich bin Jakob und Feminist.“ Weil: Wenn es so einfach geht, sogar als nicht prominenter Mann „in der SZ mal zu sagen, warum Gleichberechtigung spitze ist“, dann: Count me in! Leichteste Übung.

 

Zack, gesagt. Zack, leider ein bisschen bescheuert gefühlt. Möglicherweise hätte ich auch nicht mitgemacht.

 

Nicht, weil ich Gleichberechtigung nicht spitze finde. Sondern weil der Ausspruch doch so viel mehr meint, als inhaltlich für Geschlechtergleichheit oder gegen Sexismus zu stehen. „Feminist sein“, das klingt zwar nach etwas Passivem – nach einem Zustand, oder einer Geisteshaltung. Aber tatsächlich fühlt es sich nach etwas hochgradig Aktivem an. Nach Kampf und Gegenwehr gegen ein erlittenes und immer noch weiter zu erleidendes Unrecht. Nach Barrikaden und Faust hoch gegen den Unterdrücker.

 

Und in dieser Ecke, da ist die Kollegin mit ihrem klugen Einwand relativ nah dran, habe ich tatsächlich das Gefühl, nix verloren zu haben. Allerdings nicht – da liegt ihr falsch –, weil ich denke, dazu nichts sagen zu dürfen. Oder zu können. Intellektuell-argumentativ haut das schon hin. Bock hab’ ich auch. An der Überzeugung, um das noch mal klar zu betonen, fehlt es nicht.

 

Aber da ist ein Gefühl. Und dieses Gefühl sagt mir, zu diesem ganz vordersten Kampf – und „Feminist sein“, das fühlt sich eben nach Frontlinie an – nicht eingeladen, und vielleicht sogar unerwünscht zu sein. Weil man das Unrecht selbst nicht erlebt hat. Und weil der Begriff bei uns, das merke ich aber auch erst, seit ich das hier schreibe, wahrscheinlich unbewusst tatsächlich mit Frau-sein verknüpft ist.

 

Die Grenzen zwischen Hilfe und Paternalismus verlaufen nicht immer klar

 

Ich bin mir sicher, der Vergleich hinkt irgendwo schrecklich, aber: Zu sagen „Ich bin Feminist“, das erscheint im ersten Moment ähnlich anmaßend, wie zu sagen „Ich bin Black Panther“. Oder „Ich bin Zapatist“ oder proletarischer Freiheitskämpfer. Ich habe das Gefühl, schwarz oder Mexikaner oder Proletarier sein zu müssen, um das überhaupt „sein“ zu können. Und so ist das beim Feminismus vermutlich auch. Weil Feminismus, als Bewegung, ja je nach Ausprägung eine durchaus sehr identitätsstiftende Angelegenheit sein kann. Ein „wir“. Und damit wohl auch ein „die“. Muss er ja auch sein. Woher sollte er sonst Kraft gewinnen?

 

Also, ja: Da ist tatsächlich eine Scheu (noch mal: keine Inhaltliche). Du hast ja selbst gesagt, dass auch einige von euch Probleme mit dem F-Wort haben. Und ich glaube, das liegt auch daran, dass das immer noch ein unheimlich vermintes Gebiet ist. Und wo keine Minen liegen, stehen Fettnäpfchen. Will sagen: Man kann da sehr viel falsch machen – und zwar auch recht grundsätzlich – und sich Dinge anmaßen, die enorme Wut erzeugen würden. Müsst ihr ja auch mal zugeben: 100 Prozent sicher, wie viel und welche Unterstützung ihr beim Kampf wollt, seid ihr selbst oft nicht. Die Grenzen zwischen Hilfe und Paternalismus verlaufen nicht immer klar. Für uns jedenfalls nicht. Und ich würde sagen, dass sie auch bei euch Einzelfallentscheidungen sind.

 

Und all das, darauf will ich wohl hinaus bei diesem Eiertanz, setzt sich zu einem ambivalenten, schwer zu greifenden Unwohlsein zusammen. "Ich bin Feminist" zu sagen, fühlt sich ein bisschen an, wie am Damentag in die Sauna zu gehen. So, jetzt wisst ihr's.

 

Heißt aber auch: Wenn wir das alles falsch verstehen, wenn wir also tatsächlich herzlich eingeladen sind (und ihr’s auch noch sexy findet …), reihen wir uns gleich viel entspannter ein. Oder sogar richtig energisch. Vorderste Front. Steine hoch gegen die ganzen überkommenen Idioten! Wir die Flasche, ihr die Lunte?

 

Bis gleich auf den Barrikaden,

eure Jungs

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