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Jungs, wieso mögt ihr es nicht, wenn wir Trends folgen?

Was ist denn euer Problem mit Mom-Jeans, Jumpsuits und Birkenstocks?
Von Mercedes Lauenstein und Jakob Biazza
  • maedchenfrage
    Foto: photocase.de/a-l-y-s-s-a.

Die Mädchenfrage

 

Liebe Jungs,

 

ich habe so lange geirrt. All die Jahre dachte ich, das Problem seien die Klamotten selbst gewesen: die Karottenhosen einfach zu oll, zu sehr Grundschullehrerinnenstyle, ihr wisst schon: mum I’d rather not like to fuck-mäßig. Die Chinos zu unvorteilhaft am Hintern geschnitten. Die flatternden, bunt gemusterten Haremshosen zu sehr 1001 Nacht-Kitsch. Die Plateausandalen zu sehr Tic-Tac-Toe-Trash. Geblümte Blusen zu sehr Oma, Jumpsuit zu sehr Babystrampler, Dutt auf dem Kopf zu sehr Tante-Emma-Laden-Besitzerin, Marlene-Hosen albern, Schlaghosen zu sehr 70s, Logosweater zu prollig…

 

Dann merkte ich: Das Problem seid ihr. 

Sobald es um spontane modische Eskapaden unsererseits geht, verwandelt ihr euch aus dem Stand in den kulturpessimistischen Opa, der will, dass alles beim Alten bleibt. Ihr seid enttarnt. Ihr kommt einfach nicht drauf klar, wenn wir en vogue sind. Eine Umfrage im Bekanntenkreis hat es ergeben: Bis auf einige wenige extrem modebegeisterte und ästhetisch höchst sensible männliche Wesen, lehnt ihr Trends kategorisch ab, völlig egal welche. Ihr seid mit euren Vorbehalten gegen unsere lustigen neuen It-Pieces eben nicht die gutmeinenden, zeitlosen Stilberater, die uns vor modischen Fehltritten warnen wollen, wenn ihr sagt: „Was hast du denn da an? Soll das ein Witz sein? Das sieht ja aus wie Minnie Maus in der Klapse!“ 

 

Nein, ihr sagt solche Sachen einfach grundsätzlich, wenn wir etwas tragen, an das euer alltägliches Stil-Empfinden sich noch nicht gewöhnt hat. Was hat es damit auf sich? Macht euch das Neue denn wirklich eine solche Angst? 

 

Weil die Erfahrung zeigt ja auch: Hält sich eine Mode nur lang genug auf dem Markt, schließt ihr eines Tages euren Frieden damit und vergesst, dass ihr sie einmal abgelehnt hattet. Als ideales Beispiel muss man da ja nur die Skinny Jeans heranziehen – bei ihrem Einzug in den Modemainstream von euch schallend verlacht, tragt ihr sie heute sogar selbst und das mittlerweile auch schon seit Jahren.

 

Es kann sich da also nur um eine sehr irrationale, aus den Tiefen eurer männlichen DANN stammende Furcht handeln. Nur: Wovor denn eigentlich?

 

Raus damit.

 

Vielen Dank im Voraus,

eure Mädchen

 
  • jungsfrage text
    Illustration: Katharina Bitzl

Die Jungsantwort:

 

Liebe Mädchen,

 

nein, nein: Euer erster Impuls hatte – wie es sich für erste Impulse gehört – schon viel Wahres. Ihr, beziehungsweise eure mitunter grotesken modischen Hasenhaken, seid und sind schon schuld daran, dass wir hin und wieder Altes, Vertrautes – und damit Bewährtes – bewahren wollen. Dazu gleich mehr.

 

Denn wir sind natürlich auch ein bisschen schuld. Beziehungsweise ließe sich jetzt vielleicht sogar diskutieren, ob „Schuld“ es trifft. Wir sind – finde ich – nämlich eher Opfer eines Mechanismus’, der bei uns anders wirkt als bei euch. Es geht um die Frage, was Mode signalisiert. Denn dass sie immer etwas signalisiert, darin sind wir uns wohl noch einig.

 

Wer behauptet, er wolle mit seiner Kleidung nichts aussagen, der lügt. Sogar dann, wenn er selbst ganz fest dran glaubt. Man kann schließlich nicht nichts aussagen mit dem, was man (selbstgewählt) trägt. Selbst das uninspirierteste Klamottenensemble – mit geschlossenen Augen oder Abzählreimern aus dem seit zehn Jahren nicht mehr neu bestückten Schrank gefummelt – sagt noch: Mir sind Äußerlichkeiten nicht wichtig, innere Werte zählen mehr, ihr seid alle oberflächliche Konsumknechte und ich habe eine höhere Form des Seins erlangt. Oder so.

 

So, und damit kommt der Knackpunkt, aufgepasst: Wie tief interpretiert man so ein Outfit jetzt? Was sagt es aus, über seinen Träger, also hier: seine Trägerin. Was will sie der Welt über sich signalisieren? Und da unterscheiden wir uns. Glaube ich. Wir schätzen die Tragweite anders, vermutlich bedeutender, ein als ihr.

 

Wir wissen um die Metaebene von Kleidung – deshalb fragen wir uns, was es heißt, wenn ihr rumlauft wie eure eigenen Mütter.

 

Ich spekuliere mal: Ihr seht, wie Cara Delevingne oder Margaret Qualley Mom-Jeans, Latzhosen, Birkenstocks, Outdoorkleidung, Jumpsuits, Dutt, Schlaghosen oder Logo-Sweater tragen und denkt euch: Ui, fancy. Bisschen crazy. Irgendwie mutig aber auch. Befremdet mich schon minimal, aber eigentlich hab’ ich, weil ich ja modisch interessiert bin, schon länger damit geliebäugelt, das zu tragen. Bequem wirkt es auch. Und jetzt ist es durch diese Premium-Ikonen ja quasi legitimiert. Man „darf“ das jetzt tragen. Und wenn man es trägt, signalisiert man: Ich weiß, was angesagt ist – wahrscheinlich sogar ein bisschen früher als ihr.

 

Wir wiederum sind zwar auch mit einem rudimentären Interpretationsrüstzeug ausgerüstet, was Mode betrifft: Wir wissen wohl, dass Krawatten die Penisverlängerungen des Versicherungsmaklers sind. Und dass Highheels natürlich lange Beine machen, dazu aber vor allem Hilflosigkeit signalisieren (wenn jetzt ein Bär kommt, kann ich nicht weglaufen, deshalb brauche ich einen starken Mann, der mich dann beschützt) und deshalb so gut funktionieren. Wir wissen also um die Metaebene von Kleidung. Aber wir wissen zum Beispiel eher nicht, wer diese Margaret Qualley ist. Und warum sie so cool ist.

 

Wir sehen also, dass ihr jetzt Mom-Jeans tragt und diese unheilvollen Kork-Sandalen, oder Outdoor-Kleidung oder Logo-Sweater und fürchten, dass ihr jetzt plötzlich auch aufhört, euch unter den Achseln zu rasieren, Liegefahrräder kauft oder auf der Straße gelegentlich grundlos anderen Passanten mit „Was guckst du so, du Opfer?!“ anblafft. Dass es also eine tiefergehende Bedeutung hat. Wie bei uns. Wenn wir nämlich zum Beispiel Baggys getragen haben, oder Surfer-Shorts, oder Tweed-Sakkos, dann sollte das schon zumindest ein bisschen zeigen, dass wir Straße, Hang-Loose oder FAZ-Feuilleton-Fans sind.

 

Das ist also der eine Teil der Antwort. Angst, dass in neuer Kleidung auch ein neuer Mensch steckt. Einer, den wir noch nicht kennen. Und vielleicht auch gar nicht mögen – wer weiß.

 

Birkenstocks sind was für Bio-Imker

 

Der zweite Teil, der hat mit dem Nachjagen von Trends zu tun. Wir lehnen den ein bisschen mehr ab als ihr. Oder zumindest das Tempo, mit dem ihr es tut. Und wir können das – in der Theorie – auch sehr gut begründen: Ich will jetzt nicht unbedingt sagen, dass Menschen, die immer haben und machen, was angesagt ist, automatisch Mitläufer sind. Aber ich würde mich so weit aus dem Fenster lehnen, zu sagen, dass ihnen möglicherweise ein wirklich eigener Stil fehlen KÖNNTE – der sich ja auch durch eine gewisse Konstanz auszeichnet. Durch Momente grundsätzlicher Entscheidungen: Birkenstocks sind was für Bio-Imker. Latzhosen durfte nur Peter Lustig anhaben. Outdoor-Kleidung braucht man beim Wandern – und auch da vielleicht besser wohldosiert. Wer eine Fubu-Jacke trägt, hat sie vorher am Honzi jemandem „abgezogen“. Und so weiter.

 

Fundamentale Wahrheiten sind das für uns. Und die ad hoc umzudeuten („Rumzulaufen wie die eigene Mutter, als sie Schwanger das Kinderzimmer gestrichen hat, ist jetzt plötzlich hip – wtf?!“), das erscheint uns wankelmütig. Ein bisschen opfermäßig vielleicht sogar und in jedem Fall aber wenig eigenständig. Denn was ist Stil denn, wenn nicht etwas Objektives, Allgemeingültiges, das diese schluckaufartig aufkommenden Mode-Momente nicht braucht? So sehen wir das – zumindest, wenn wir uns für Stil interessieren.

 

So, und dann kommt – danke für eure Geduld – die Versöhnung. Der Punkt, den ihr ja auch beschreibt, an dem wir die Skinny-Jeans an euch gut finden (was auch meinen kann, dass sie uns nicht mehr explizit auffällt). Der Hintergrund ist da denkbar banal: Gewohnheit. Wir haben eine Hose, Schuhform, Frisur, Bedruckung dann einfach oft genug gesehen – in der Welt, vor allem aber an euch. Und gemerkt, dass ein neuer Pulli noch keinen neuen neuen Menschen macht. Dass es das hier auch gibt: Alter Mensch in neuen Schlauchhosen. Und – das ist aber dann schon wirklich advanced shit –, dass Mode und Stil nur gut bleiben, wenn sie sich wandeln.

 

Das funktioniert allerdings, finden wir, wenn es ein bisschen langsamer, bedächtiger und besser ausgewählt passiert. Da könntet ihr also, wenn ihr den Bruch für uns leichter machen wolltet, etwas mehr Rücksicht nehmen. Wenn nicht, dann macht halt so weiter wie bisher. Hat ja auch immer funktioniert.

 

 

Hier fragen die Jungs:

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