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Jungs, warum seid ihr manchmal sexistisch?

Eigentlich gehört ihr doch zu den Guten. Oder?
Von Christina Waechter und Jakob Biazza
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    Bild: .marqs/photocase.com, Bearbeitung: Veronika Günther

Liebe Jungs,

 

diese Frage beinhaltet ein absolutes Novum: Sie zitiert einen Country-Song – und noch dazu einen wirklich schlimmen von Brad Paisley, feat. LL Cool J. Er heißt "Accidental Racist" und handelt davon, dass Brad Paisley Lynyrd Skynryd Fan und aus dem Süden ist und deshalb halt so ein T-Shirt mit der Südstaatenflagge drauf trägt. Und jetzt macht er sich Gedanken, ob er damit irgendwie aus Versehen rassistisch war zu dem schwarzen Kellner, der ihn gerade eben bediente. Was man sich eben so fragt, als stolzer und ein wenig tumber Südstaatenbewohner. So weit, so schlimm.

Und damit komme ich jetzt zu meiner Frage. Ich habe nämlich den Eindruck, dass es in unserer eigentlich sehr aufgeklärten und gender-gemainstreamten Generation doch immer wieder so Momente gibt, wo ihr Jungs „Accidental Sexist“ seid. Beziehungsweise: Vielleicht seid ihr es ja gar nicht so aus Versehen, sondern tatsächlich ganz absichtlich? Und ich rede jetzt nicht von wandelnden Herrenwitzen, a la Rainer Brüderle. Sondern von ganz normalen, eigentlich extrem schlauen und coolen Jungs wie euch. Die aber dann doch bisweilen Aktionen bringen, die mich verwirren.

 

  • Wenn sie sich zum Beispiel irrsinnig über die Anwesenheit anderer Jungs freuen, einfach weil sie Jungs sind. Und das auf eine so wahnsinnig laute und spezielle Weise, die einen glauben lässt, sie hätten die Anwesenheit von uns Mädchen gerade mal eben so ertragen.
  • Wenn sie einfach mal so eben irgendeinen saudummen sexistischen Spruch bringen und sich dann gemeinsam so sehr über ihren Mut freuen, den in unserer Anwesenheit gebracht zu haben.
  • Wenn sie Männer, die „nur“ Töchter und keine Söhne haben, als „Büchsenmacher“ bezeichnen.
  • Wenn (eigentlich ziemlich schlaue) Männer allen Ernstes sagen, dass ein Hauptkriterium für ihre Partnerwahl das Aussehen der Frau ist.

 

Das wäre jetzt mal eine kleine Auswahl von Momenten, die mich sprach- und ziemlich ratlos zurücklassen. Ich fühle mich dann immer ein bisschen wie der Manager von „Spinal Tap“, als er seinen Band-Jungs erklären muss, was der Unterschied zwischen „sexy“ und „sexistisch“ ist. 

Weil ich mich ernsthaft fragen muss, ob ich mich in euch getäuscht habe. Oder ob ich irgendeinen Witz nicht mitbekomme? Ob ich zu leicht getriggert werde? Ob ich mich nicht so haben soll? Ob ihr auf dem Sexismus-Ohr vielleicht ein wenig schlecht hört?

 

Ich kann mir vorstellen, dass ihr manchmal einfach Lust habt, die Sau rauszulassen. So wie man manchmal auch verbotene Schimpfwörter benutzen muss, um sich einer seelenhygienischen Behandlung zu unterziehen. Vielleicht ist es ja auch irre anstrengend für euch, immer korrekt zu handeln und zu reden. Aber manchmal denke ich, es könnte tatsächlich auch eine Strategie sein, eure Jahrtausende dauernde Vorherrschaft noch ein klein wenig weiter zu spinnen.

 

Eure Mädchen

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    Illustration: Katharina Bitzl

Liebe Mädchen,

 

dann von mir auch gleich mal ein Zitat von einem, der hier sonst nicht oft vorkommt: Gerhard Polt. Bei dem lässt eine seiner Bühnenfiguren gerne mal den Blick über Bayern schweifen und das Ergebnis klingt dann in kleineren Abwandlungen immer ungefähr so:  "Schneebedeckte Berge, grüne Wiesen, Kuhglockengebimmel, ein weißblauer Himmel ... Da kann man jetzt sagen, was man will – ein Neger passt da einfach nicht rein.“

 

Jetzt können wir uns hoffentlich drauf einigen, dass Polt kein Rassist ist, sondern eben einer, der – auch so ein Ausspruch, der hier nicht oft steht – „dem Volk aufs Maul schaut“. Und das dann auf der Bühne ausstellt. Und zwar, eben daraus gewinnt das ja seine Kraft, gerade nicht zugespitzt oder gebrochen oder kommentiert. Er sagt es, wie er es gehört hat. Oder wie man sich zumindest gut vorstellen kann, dass es jemand sagt.

 

Dieser Jemand ist der Rassist. Möglicherweise auch accidentially, aber diese Diskussion würde hier jetzt zu weit führen.

 

Lieber schnell also zu jemanden, um den es hier öfter geht: uns. Und dabei erst mal zu einem heftigen Widerspruch. Ihr versteht da nämlich tatsächlich was sehr falsch! Wenn wir nämlich „einfach mal so eben irgendeinen saudummen sexistischen Spruch bringen“ – vor allem in eurer Anwesenheit – und uns dann „gemeinsam so sehr über unseren Mut freuen, den in eurer Anwesenheit gebracht zu haben“ (worunter ja auch das aggressiv-tumbe Wort „Büchsenmacher“ fällt), dann sind wir eben NICHT die Ausversehen-Sexisten. Wir sind dann Polt. Wir haben gehört oder können uns gut vorstellen zu hören, wie jemand so etwas sagt. Und diesen Menschen stellen wir aus. Ungebrochen. Unkommentiert. Aber mit einer tiefen Abscheu, die wir in Humorförmchen umgießen.

 

Das ist ein Kampf gegen die, die wirklich so reden, und ich bin jetzt einfach mal zickig genug, um hier zu sagen: Wenn ihr uns das nicht abnehmt, dann seid ihr nicht mehr meine Freundinnen. In echt!

 

Die, die so reden und das wirklich ernst meinen, erkennt ihr übrigens unter anderem daran, dass das Hauptkriterium für ihre Partnerwahl das Aussehen der Frau ist – und sie, wenn sie das erzählen, eine gewisse Form von Stolz in der Stimme haben. Oder von gewollter Provokation. Und auch da will ich nicht glauben, dass das wir sind. Weil: Wenn’s so wäre, wären wir wenigstens schlau genug, das anders zu formulieren …

 

So, und jetzt bleibt diese Freude über andere Jungs. Und bei der fühle ich mich tatsächlich ertappt. Das kenne ich schon. Da ist ein Unterschied. So ein Buddy-Ding, das man mit Mädchen oft nicht hat. Auf Keule und Keule. Und jetzt, wo du das sagst, wird mir schon auch bewusst, dass euch das – unbewusst – ausschließt.

 

Aber pass auf, ich hab’ eine Idee woran das liegt: An der Anziehung und der Distanz. Die sind doch beide wichtig – für sich und für einander. Für uns – aber doch auch für euch! Und auf Keule und Keule, das fühlt sich entweder schnell übergriffig an, oder es tötet die Erotik, für die mir gerade ums Verrecken kein besseres Wort einfallen will. Und auf die Gefahr hin, dass ich damit ein weiteres Zitat für die Liste oben liefere: Eigentlich wollt ihr doch auch nicht unsere Buddys sein, oder? Jedenfalls nicht auf die Art, wie wir’s untereinander sind. Das wäre doch ein bisschen traurig, oder?

 

Will alles sagen: Ich glaube, ihr sorgt euch da gerade ein bisschen zu sehr. Wir sind ziemlich okay. Ehrlich.

 

Ciao, Püppi,

eure Jungs

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