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Jungs, was ist das mit dem "Sackeln"?

Und vor allem: Sollten wir das auch machen?
Von Tami Holderried und Friedemann Karig
  • sackeln jetzt
    Illustration: Lucia Götz, Foto: gb-photodesign.de / photocase.de

Liebe Jungs,

 

es gibt ja so Dinge, um die wir euch echt beneiden. Das klassische Beispiel ist bestimmt das Im-Stehen-Pinkeln. Unzählige Male haben wir uns schon gewünscht, das zu können: Bei Festivals, auf der Wiesn, im Stau auf der Autobahn oder am Badesee, wo keine Toilette weit und breit in Sicht ist. Jetzt haben wir aber eine Sache entdeckt, bei der wir uns nicht sicher sind, ob wir das auch gerne machen wollen. Aber der Reihe nach:

Am Sonntagabend las ich zum ersten Mal von „Pussy-Slapping“ – keine Ahnung, wie dieser Trend bisher an mir vorbeigehen konnte, aber „Pussy-Slapping“ ist scheinbar gerade DAS Ding auf Schulhöfen weltweit.

 

Was nach BDSM klingt, kommt auch eigentlich aus dieser Nische: Sanfte Schläge auf den Venushügel, die Schamlippen oder die Klitoris einer Frau sollen stimulierend wirken. Anscheinend hat es das „Pussy-Slapping“ aber nun, genau wie der Choker, aus der Fetisch-Nische auf die Schulhöfe und in die Snapchat-Kanäle geschafft. Irgendwie scheint es ein großer Spaß zu sein, sich gegenseitig mit einem festen Klaps auf die Intimzone zu überrumpeln. Auf Youtube gibt es einige Video-Compilations, vor allem aus dem englisch-sprachigen Raum (aber ganz ehrlich, daher kommt ja irgendwie jeder heiße Scheiß), in denen zu sehen ist, wie sich Mädchen gegenseitig „slappen“, wobei nach dem ersten Moment des Schmerzes sofort tosendes Gelächter einsetzt. Das, was im US-Wahlkampf (Trump: „Grab her by the pussy“) noch als sexistisch und frauenfeindlich kritisiert wurde, tun junge Mädchen einander also jetzt gegenseitig an. Wird es dadurch weniger demütigend? Wir bezweifeln das, aber darum soll es hier nicht gehen.

 

Soweit, so ungut. Irgendwie dachten wir, dass das Thema eben ein klassischer, bekloppter Trend ist, der sich aber nie so richtig durchsetzen wird – so wie Schuhe, die beim Laufen leuchten. Doch dann haben wir uns mit euch unterhalten, liebe Jungs. Und gemerkt, dass das für euch überhaupt nichts Neues ist.

 

„Pussy Slapping“ heißt bei euch nämlich „Sackeln“ – und ist scheinbar ein uralter Brauch, den kleine Jungs schon in der Grundschule erlernen. Wir sind völlig perplex – was ist da die letzten Jahre bloß an uns vorbeigegangen? Ihr haut euch gegenseitig in die Eier und findet das lustig? Warum? Worum geht es dabei? Könnt ihr das irgendwie empfehlen? Oder ist das etwas, das wir euch lieber nicht nachmachen sollten?

 

Deshalb, liebe Jungs, erklärt doch bitte mal: Was hat es mit dem „Sackeln“ auf sich?

 

Eure Mädchen

Die Jungsantwort:

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Liebe Mädchen,

 

nun, wo anfangen? Am besten ganz unten, haha. Also, ganz von vorne.  

 

Es gibt viele Dinge, die (kleine) Jungs tun, und die große Jungs dann später am liebsten totschweigen würden. So auch das „Sackeln“ (süddeutsch für: dem anderen ohne Verletzungs-Absicht in die Genitalien hauen). Keine Ahnung, wie das oberhalb des Mains heißt, und ich habe jetzt echt keine Lust eine Facebook-Umfrage zu starten. Wichtigere Frage: Wie funktioniert dieser Extremitätensport genau?

 

Logischerweise recht simpel: Man versucht in das Gemächt eines Mitmannes zu hauen. Nicht zu fest, weil die Schmerzen halt brutal sind. Aber heftig genug, dass es AUF KEINEN Fall als zärtliche, gar sexuelle Berührung gelten könnte. Das tut man überraschend aus dem Hinterhalt, oder im Pulk reihum, alle gegen alle oder auch alle gegen einen. Jeder nicht völlig abgebrühte Erdbewohner hat einen starken Reflex, sich sofort zusammenzukrümmen und seine Körpermitte zu schützen, sobald jemand eine schnelle Bewegung gen Südpol macht. Diese Angst nutzt man für Antäuschen, schnell folgende Watschen-Arschtritt-Kombinationen und sonstige Fisimatenten. Am Ende stehen mehrere, theoretisch intelligenzbenagte männliche Wesen gebückt im Kreis und lachen oder weinen ein bisschen, je nachdem. 

Harald Schmidt verfügt über große Sackel-Erfahrung

Harald Schmidt (für die Jüngeren: das ist ein Jan Böhmermann ohne Hashtag) verfügt über große Sackel-Erfahrung. Als Ministrant war er viel auf katholischen Jugendfreizeiten, und den morgendlichen Gang zum Waschsaal beherrschte die Angst, jemand könnte ihn „sackeln“. Also schlich er in vorauseilend gekrümmter Haltung, die eine Hand schützend am Schritt, in der anderen den Waschbeutel, und wenn jemand jemanden erfolgreich in die Eier gehauen hatte, brüllten beide: „DU SCHWULE SAU!“  

Ihr merkt, da passt nicht viel zusammen, das waren keine Glanzstunden. Aber sich gegenseitig ein bisschen foppen, freundschaftlich, auch körperlich, auch in die Weichteile, mit so einem klitzekleinen bisschen Homo-Erotik dazu, um mal zu testen, was das so auslöst, alleine schon, weil es irgendwie irre verboten, aber trotzdem sehr präsent war, das da unten… nun, die meisten von uns haben das mal ausgelebt. Ist ja jetzt auch nicht weiter schlimm. Grenzen sind ja da, um sie zu testen.

 

Nur: Wenn ihr beziehungsweise eure kleinen Schwestern das nun auch machen – und das kein Kurz-Vor-Sommerloch-Quatsch ist – dann wissen wir nicht so genau, ob wir uns jetzt freuen sollen oder sorgen. Freuen, weil Pussy Slapping nahelegt, dass wir doch nicht so viel dümmer sind in dieser Reifekrise namens Pubertät. Und dass ihr heute einfach macht, worauf ihr Bock habt, auch wenn es aus unserer Sicht etwas männlich-dümmlich ist. Oder sorgen, dass ihr jetzt als nächstes auch Menschen aus lauter Spaß auf Facebook fertigmacht (bisher ein Privileg von „Trollen“, die überwältigend oft männlich sind) oder Bierdosen ext und danach wettrülpst oder was wir sonst bisher an beschämenden Verhalten monopolisiert hatten.

 

Eins versprechen wir euch jedenfalls: Den Unterschied zwischen freundschaftlichem Sackeln oder eurem wie auch immer motivierten Pussy Slapping und rein motorisch verwandter, aber eben immer inakzeptabler sexueller Belästigung – den verstehen wir heute alle gleich.

 

Eure Jungs

 

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