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Mies aufgelegt. Heute stört Techno-DJ Dr. Motte auf einer Techno-Party

In dieser Rubrik erzählen die besten DJs von ihren schlimmsten Nächten. Diesmal verzweifelt ein Star-Aufleger an den Auswüchsen seiner eigenen Szene.
jonathan-fischer


Es gibt Momente, da mag man sich schämen, ein Techno-DJ zu sein. Weil man die richtige Musik am falschen Ort spielt. Beziehungsweise feststellen muss, dass all die coole Geschichten, die man zu Techno so im Kopf hat, der ganze Glamour einer Musik, die aus dem Disco-Untergrund entstanden war, in schwulen schwarzen Clubs in Chicago und Detroit gehärtet wurde und durch die mutigen Experimente afroamerikanischer DJs wie Derrick May oder Juan Atkins den Funk in die Postmoderne katapultierte, anderswo nicht mehr wert ist als: Dong dong dong! Möglichst laut, möglichst schnell und bitte schön pfeilgerade! Und wehe der DJ glaubt dass Techno ein Eigenleben hat. Dann wird ihm der richtige Beat eben vorgehüpft....

So erging es mir 1997 in Hannover. Ich war es gewohnt im Berliner Tresor und anderen Clubs rund um die Welt vor einem Publikum aufzulegen, das Techno als Freiheit schätzte. Ein Medium ohne Dogma, in dem von beatlosem Ambient bis Drum'nBass-Stakkato alles erlaubt war. Der Ausdruck einer urbanen Widerständigkeit: Vom Tanzstil bis zur Kleidung. Nun aber stand ich auf dem DJ-Pult und blickte auf eine Szene wie aus einem Kindergeburtstag: Die meisten Jugendlichen mit weißen Handschuhen, 70er-Jahre-Sonnenbrillen und Trillerpfeifen im Mund. Flokati-Stulpen. Karierte Kappen. Und dazwischen das Leuchten neonfarbener Schnuller. Irgendwer hatte diese Dinge wohl mal zu Techno-Mode erklärt. Aber mussten wirklich alle das Gleiche tragen? Um dann lediglich gelangweilt herumzustehen? Die 300 zahlenden Gäste in der Hanomag-Halle, einer riesigen einstigen U- Bootwerft, die über zehn mal so viele Leute fasst, wirkten jedenfalls ziemlich verloren.

Der Veranstalter, ein 19-jähriger Party-Novize, hatte von seinen Eltern das Geld geliehen, um unter anderem mich und Aphex Twin für einen Groß-Rave zu buchen und musste nun feststellen, dass offensichtlich kaum jemand in seiner Stadt die DJs überhaupt kannte. In Berlin hätten die selben Namen wohl eine vieltausendköpfige Schar Eingeweihter ganz ohne weiße Handschuhe- gezogen. Hier aber legte BrokenBeats-Gott Aphex Twin vor verständnislosen Gesichtern auf. War denn nicht Techno-Abend? Als mein Kollege vom DJ-Pult backstage taumelte, und sofort auf seiner Liege einschlief, schwor ich mir: Du drückst nochmal auf den Adrenalinpegel. Jagst deine Emotionen durch die Maschine. Das war es doch, was mich an Techno immer erfüllte. Meinen Einstieg wählte ich mit Bedacht: Dreiphase feat Dr.Motte Der Klang der Familie, ein Stück, das 1992 deutschen Techno auf die weltweite Landkarte gesetzt hatte. Null Reaktion.

Hatten die das etwa noch nie gehört? Ich schob meine liebsten funky Techno-Maxis nach, feuerte mit 130 Beats per Minute in die Halle. Zu langsam! Gelangweilt hingen die Provinz-Raver am Bartresen, kippten jede Menge Leberkleister um wenigstens die Dampframme im eigenen Kopf zu hören. Irgendwann hatten sie sich tatsächlich soweit: Immer mehr weiße Handschuh-Typen enterten die Tanzfläche, und tanzten nein! - nicht zu meiner Musik. Ihr Rhythmus war schneller, ein nervöses Hüpfen, das sich asymmetrisch zu den Beats verhielt, wie ein Moire-Muster über den Mix legte. DJ-Kunst hin oder her: Ich war vollkommen irrelevant für ihre Party geworden. Und wenn ich mich auf das Wippen der Neon-Schnuller konzentrierte, dann hörte ich auch, was sie hörten: Dong, dong dong!

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