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"Der Mainstream hat in München eine Monopolstellung"

Sagt der Musiker Sebastian Schnitzenbaumer. Deshalb will er die Stadt verklagen. Ein Anruf.
Von Jakob Biazza
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    Foto: privat

Sebastian Schnitzenbaumer will München verklagen. Auf Schadensersatz. Sinngemäße Begründung: Durch die Überbetonung von Faktoren wie Wiesn, FC Bayern oder dem eigenen Wohlstand vermitteln Stadt und Bewohner ein Bild nach außen, das es Künstlern sehr schwer macht, mit moderner, alternativer Popmusik über die Stadtgrenzen hinaus glaubwürdig zu sein. Der Gesellschafter beim Label Schamoni Musik, der unter dem Künstlernamen Belp selbst Musik macht, hat damit gerade eine größere Debatte ausgelöst. Andere Künstler und Kulturschaffende haben verhältnismäßig heftig protestiert. Die Gegenreaktion darauf gab es auch schon. Spannend. Zeit also, den Mann noch mal ausführlich zu sprechen.

jetzt: Sebastian, reden wir denn jetzt über eine echte Klage, oder über was Symbolisches?

Sebastian Schnitzenbaumer: Beides. Aktuell haben wir erst mal viel Debatte ausgelöst und das ist schon mal gut. Aber die Klage ist technisch möglich, das ist ja das Spannende an der Sache. Und ich meine das schon ernst.

 

Und was stünde in dieser Klage?

Es braucht einen Tatbestand. Und der muss sinngemäß lauten, dass ich beweisen kann, dass ich ein Produkt nicht verkauft habe, weil es diesen Makel hat. Ich müsste zeigen, dass es von Konsumenten nicht geprüft wird, weil es aus München kommt.

 

Und wie willst du diesen Makel belegen?

Es braucht eine Zeugenaussage. Jemand muss glaubwürdig sagen, dass ihm ein Produkt gefallen hätte, dass er es möglicherweise sogar gekauft hätte, aber dass er es sich gar nicht erst angeschaut hat, weil es aus München kommt. Dann kann man auf entgangenen Gewinn und damit Schadensersatz argumentieren. Tatsächlich wird man das dann eher verlieren. Aber angenommen dürfte die Klage werden. Formal ablehnen lässt sie sich nicht. So weit zumindest unser Stand.

 

Wer berät dich da?

Zwei Anwälte. Das hat also schon Substanz.

 

Tatsächlich.

Ja, ja. Der spannende Punkt ist ja folgender: Wenn du in einer kleinen Stadt lebst, oder besser noch: in einem Dorf, dann würde das natürlich nicht funktionieren. Da ist sonst auch nichts und es braucht eine Form von Konkurrenz mit anderen kulturellen Faktoren, damit das Eintritt, was meiner Klage zugrunde liegt.

 

Nämlich?

Eine absolute Dominanz eines bestimmten Stadtbildes in der Außenwirkung. Und damit eine Wettbewerbsverzerrung.

 

Das musst du genauer erklären.

In München hat man zum Beispiel die Wiesn mit ihrem gigantischen Umsatz. Und auch der restliche Image-Pool – BMW, Siemens, die CSU – ist in dieser Stadt so unglaublich finanzstark und so extrem laut, dass die ganze alternative Szene von den Marketingausgaben im Vergleich im Promillebereich liegt. Die reale Distribution der Stadt, das, was sie an Menschen und Lebensstilen und Ausrichtungen in sich trägt, ist im Vergleich dazu aber ganz anders. Auch da ist die alternative Szene natürlich nicht riesig. Aber wir reden hier wohl schon eher über zehn bis 20 Prozent – ein paar Hunderttausend Leute, die mit dem Mainstream nicht ganz einverstanden sind. Und die haben eben eine Marketing-Power, die im Vergleich zu den anderen Akteuren marginal ist. Und da kann man meiner Meinung nach durchaus von Wettbewerbsverzerrung reden. Von Monopolentwicklungen vielleicht sogar.

 

Der Mainstream hat in München Monopolstellung?

Ja. Man kann da mit dem Kartellrecht argumentieren und sagen: Hier sind Akteure am Werk, die uns aktiv – mit Geld – die Grundlage entziehen, weil sie ein Image dominieren. Bewusst. 

 

Ist die Herkunft in der Szene denn wirklich so bestimmend?

Meiner Meinung nach ist München im besten Fall neutral, aber eigentlich hemmend, wenn du alternative Kultur anbieten willst, ja. Städte wie London oder Berlin liefern dir im Vergleich immer noch ein bisschen zusätzlichen Sprit. Imagetechnisch.

 

"Ich möchte mich dafür nicht entschuldigen."

 

Kannst du verstehen, dass andere Künstler sich angegriffen fühlen? Es schwingt ja schon der Vorwurf mit, dass eine Form von Sell-Out stattgefunden haben muss, wenn man trotz München erfolgreich ist.

Ja klar. Die überspitze Provokation ist schon bewusst gewählt. Das ist kalkuliert. Aber sie war trotzdem so gemeint – ich möchte mich dafür nicht entschuldigen. Aber es geht doch genau darum: Dass man sich darauf meldet und verteidigt, ist eine unglaubliche Gelegenheit, das Bild der Stadt bundesweit zurechtzurücken und neu zu verhandeln. Und das passiert gerade. Medien aus anderen Teilen des Landes berichten darüber, die sind neugierig. Den Konflikt nach außen zu tragen, ist für mich da tatsächlich eine Lösung. Das Problem zu verschweigen nicht.

 

Muss der Vorwurf denn nicht in die andere Richtung gehen? Es sind doch diejenigen die Idioten, die ein Album wirklich nicht anhören, weil es aus irgendeiner Stadt kommt.

Ich gebe dir recht: Das ist ein super Gedanke und ein valides Argument …

… danke …

... aber es ist zu einfach. Ich selbst reagiere auf derartige Vorwürfe zum Beispiel, in dem ich sie weitertreibe: „Klar, ich komme aus München, ich bin reich und oberflächlich, mache flache Kunst und wähle CSU.“ Man kann damit spielen und den Leuten ihre Ignoranz zurückschmeißen. Das funktioniert schon. Aber die Problematik ist, dass dieser Austausch, wenn er überhaupt stattfindet, meistens nicht hier stattfindet. Menschen kommen von außerhalb zu selten nach München, um in der alternativen Kultur zu feiern oder zu arbeiten. Um sie kennenzulernen. Warum auch? München hat in der Beziehung nichts anzubieten.

 

Mit Verlaub: Das negiert doch alles, was hier von den sehr guten Labels, Künstlern und Veranstaltern gemacht wird.

Nein, weil es um die Wahrnehmung geht. Selbstverständlich gibt es großartige Sachen hier. Aber sie werden da draußen nicht wahrgenommen, weil das andere Bild von München sie erdrückt.

 

Ziemliche Opferrolle, in die du diese Künstler damit stellst.

Noch mal: Natürlich setzen sich gute Produkte durch. Das, was hier passiert, hat seine Qualität. Und das wird auch aufgenommen. Aber: Es hat es schwerer. Die Auseinandersetzung findet erst statt, wenn wir rausgehen und Konzerte spielen und in direkten Kontakt mit Menschen treten – wenn wir die medialen Bilder also überwinden. Vorher ist da die beschriebene Ablehnung. Und die stellt eben eine wirtschaftliche Hemmung mit einem Faktor X dar.

 

Den man nicht messen kann. Wir reden also über ein sehr subjektives Empfinden.

Nein, nein, nein. Das sagen schon viele. Genug, damit Messbarkeit theoretisch möglich wäre. Man müsste nur sehr viel Aufwand betreiben, um das festzuzurren. In anderen Wirtschaftsbereichen macht man so etwas ja auch. Aber in der Kunst- und Kulturszene fehlen da oft die Mittel. Und das Interesse.

 

Was soll die Stadt also tun?

Die Stadt selbst kann gar nicht so viel tun. Mir geht es auch nicht um irgendeine neue Förderung oder Ähnliches, mit der die alternative Szene dann irgendwie begünstigt werden soll. Die Stadt muss aber wissen, dass etwas falsch läuft. Dass die Balance in der Außenwirkung nicht stimmt. Und dass das für die langfristige Planung – bei Fragen, wie wir leben wollen, welchen Mix an Lebensstilen wir uns wünschen – geradegezogen gehört. Das geht weit über einzelne Mechanismen hinaus. Das ist eine Aufgabe, für die es die ganze Gesellschaft – von Kultur über Wirtschaft bis Politik – braucht.

 

Wir reden von einem Wandel in der Geisteshaltung der gesamten Stadt?

Richtig. Und vor allem bei den Leuten, die das aktuelle Bild fördern.

 

Der FC Bayern muss sich und seine Außendarstellung also verändern?

Das ist nicht so absurd, wie du es darstellst. Eine Firma wie Siemens oder BMW hat ein Interesse dran, Mitarbeiter auch mit dem Lebenskomfort der Stadt für sich zu gewinnen. Dazu gehört auch ein vielschichtiges Kulturangebot. Sonst bekommt man eine Schlaf- und Arbeitsstadt wie Stuttgart. Es geht also – noch eine Stufe drüber – um die Frage: Steht an erster Stelle die Wirtschaft oder die Gesellschaft?

 

Ist es denn überhaupt Aufgabe einer Stadt, Pate für seine Kunst stehen zu können?

So weit würde ich nicht gehen. Aber es ist sicher nicht Aufgabe einer Stadt, sie zu hemmen. Und noch mal: Wichtig ist, dass bei einer Stadt dieser Größe die Unterschiedlichkeit der Lebensentwürfe proportional nach außen abgebildet wird. Wenn eine Stadt zehn bis 20 Prozent Subkultur hat, sollen auch zehn bis 20 Prozent außerhalb wahrgenommen werden. Und das ist bei München nicht der Fall. Im innerdeutschen Diskurs. Im europäischen Ausland nehmen sie deine Kunst viel unvoreingenommener wahr.

 

 

Münchner Mainstream – aus Germering:

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