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Pixel auf der Haut

Der Berliner Künstler Martin Backes hat eine Maske für den modebewussten Paranoiker entworfen, die gleichzeitig ein Statement in der Debatte um Datenschutz und Anonymität ist.
christian-helten
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Die Privatsphäre im Netz ist ein unerschöpfliches Diskussionsthema, vor allem, wenn es darum geht, dass im Netz Bilder von Menschen zu sehen sind, die das vielleicht gar nicht wollen. Der Aufschrei war groß, als bekannt wurde, dass Facebook eine Art Gesichtserkennung einführen will. Als Google seinen Dienst Street View in Betrieb nahm, diskutierte Deutschland wochenlang darüber, ob und wie viel Privates dort zu sehen sein darf. Mieter und Hausbesitzer ließen ihre Domizile verpixeln, Nummernschilder und Gesichter machte Google pauschal unkenntlich. Wer sich auf Street View durch die Straßen bewegt, läuft so durch eine teilverpixelte Welt, die manchmal etwas seltsam aussieht mit ihren Geistermenschen und –Häusern.

Immerhin, bislang ist man verpixelten Mitbürgern nur im Netz begegnet. Jetzt aber könnte es passieren, dass einem so ein Gesichtsloser auch auf offener Straße über den Weg läuft. Der Berliner Künstler Martin Backes verkauft Masken mit dem Namen „Pixelhead“. Wer sie aufsetzt, anonymisiert sich im realen Leben, wird zu einem grob verpixelten Niemand. Der Anblick verstört, weil das zensierte Gesicht als optischer Eindruck nur aus der Netzrealität bekannt ist und in dem ungewohnten Kontext auf der Straße seltsam deplaziert wirkt.

Martin Backes hat den Pixelhead im Dezember 2010 für eine Ausstellung entworfen. Street View war seit Herbst online, eine Terrorwarnung in der Vorweihnachtszeit hatte gerade wieder Debatten darüber ausgelöst, wie viel der Staat von seinen Bürgern wissen soll und wie sehr er sie überwachen darf. Auf beides nahm Backes mit seiner Stoff-Skulptur Bezug. „Zum einen ging es darum, wie wir mit der Digitalisierung und Medialisierung unserer Welt umgehen, wie wir uns im Netz und im öffentlichen Raum bewegen. Zum anderen um Formen staatlicher Überwachung und Kontrolle.“ Erst vor Kurzem wurde bekannt, dass ein Sicherheitsdienstleister im Auftrag von US-Geheimdiensten offenbar jahrelang an einem Programm zur Personenüberwachung bastelte. Backes spricht von computergestützter Verbrecherjagd und Entwicklungen wie das INDECT-Projekt, mit dem die EU bestehende Überwachungstechnologien zu einem Instrument verbinden will, sodass die Bevölkerung möglichst lückenlos überwacht werden kann. „Das sind Dinge, die von Utopien wie die aus dem Film ‚Minority Report’ gar nicht so weit entfernt sind“, sagt Backes.

Aus dem Einzelstück ist jetzt ein Produkt geworden, Backes hat die Maske ist in limitierter Auflage von 333 Stück neu produziert und verkauft sie über seine Webseite. Ursprünglich war das gar nicht sein Plan. „Aber nach der Ausstellung wurde der Pixelhead über viele Blogs verbreitet, und ich bekam mindestens 100 E-Mails von Leuten, die sich die Maske tatsächlich aufsetzen wollten.“ Er experimentierte mit verschiedenen Stoffen, schließlich entschied er sich für einen, aus dem sonst Badeanzüge hergestellt werden. „Kein anderer Stoff hatte diese glänzende Fotoästhetik.“ Und noch eine Änderung hatte er zu machen: Der Pixelkopf ist nämlich gar nicht wirklich ein Niemand. Die Maske hat Martin Backes aus dem Foto einer realen Person erstellt. Könnte man an einem Rädchen drehen und die Konturen zurückholen, würde man diese Person erkennen: Man sähe den Bundesinnenminister. Als Backes den ersten Pixelhead herstellte, hieß der allerdings noch Thomas de Maizière und nicht Hans-Peter Friedrich.



Text: christian-helten - Fotos: Martin Backes

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