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„Viele denken, ich sei aus meiner Heimat geflohen“

Doaa kommt aus Ägypten, macht einen Freiwilligendienst in Deutschland – und muss das regelmäßig erklären.
Von Friederike Oertel
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    Foto: Dooa Ahmed

Wenn Doaa Ahmed  durch den Prenzlauer Berg läuft, halten die Leute sie oft für eine Geflüchtete. Doaa trägt Kopftuch, sieht irgendwie arabisch aus – und damit fangen für viele auch die Vorurteile an. Doch Doaa ist nicht vor Krieg und Zerstörung geflohen. Sie arbeitet am Ballhaus Ost, einem Theater der Freien Szene in Berlin.

 

Für die Recherche zu einem Stück musste sie neulich Menschen auf der Straße ansprechen. „Viele sind überrascht, dass ich ‚ganz normal‘ auf Deutsch rede und antworte“, sagt sie und lacht. Manchmal erhält Doaa auch hartnäckig Antworten auf Englisch. „Wenn ich dann noch erzähle, dass ich hier einen Freiwilligendienst mache, sind sie komplett verwirrt.“

 

Doaa, 27, kommt aus Kairo und lebt seit zwei Monaten in Berlin. Sie ist ein quirliger, lebensfroher Mensch. In Ägypten arbeitet sie als Deutschlehrerin, hat vorher Germanistik und Deutsch als Fremdsprache studiert. Nun ist sie Freiwillige im Prenzlauer Berg. „Incoming“ ist ein Teil des Austauschprogramms von „kulturweit“, mit dem internationale Freiwillige wie Doaa nach Deutschland kommen sollen. Bislang nämlich funktionierte das Ganze leider vor allem in der Nord-Süd-Richtung: Während mit „kulturweit“ seit 2009 bereits 3277 Deutsche für sechs oder zwölf Monate im Ausland waren, geht das Reverse-Programm dieses Jahr erst in seine zweite Runde. Momentan sind neun junge Ägypterinnen und Tunesierinnen für drei Monate zu Gast in der Bundesrepublik.

 

„Viele denken, einen Freiwilligendienst machen nur junge Europäer in Entwicklungs- oder Schwellenländern. Und andersherum, dass Menschen aus Entwicklungs- und Schwellenländern Bedürftige seien“, sagt Doaa. Dass sie als Ägypterin einen Freiwilligendienst in Deutschland macht, muss sie überall erklären.

 

Von ähnlichen Erfahrungen berichtet auch die 24-jährige Aya Khalaf, die ebenfalls aus Ägypten kommt und am Kleist-Museum in Frankfurt an der Oder arbeitet. „Zunächst denken die Leute, ich sei aus meiner Heimat geflohen – und sind dann total überrascht, wenn ich von meiner Arbeit erzähle und dass ich so gut Deutsch spreche“, sagt Aya. Und Doaa fügt hinzu: „Viele glauben, der Freiwilligendienst sei nur ein Sprungbrett, um in Deutschland bleiben zu können“. Sie schüttelt den Kopf und lacht. „Es gefällt mir in Deutschland, aber ich würde hier nicht leben wollen. Meine Heimat ist Ägypten und wird es immer bleiben. Das glaubt mir hier nur keiner“. Noch befremdlicher findet sie es, wenn die Ungläubigkeit dann in Bewunderung umschlage: „Als ob ich wahnsinnig mutig oder tapfer sei“.

 

„In Ägypten haben wir ein überzogen gutes Bild von eurem Land“

 

Der Austausch hilft, das Bild gerade zu rücken. Auf beiden Seiten und in beide Richtungen: In Deutschland lernen die Menschen, dass nicht jeder Nordafrikaner als Flüchtling nach Europa kommt – und schon gar nicht jeder bleiben will. Oder, dass Doaa und Aya ihre Kopftücher freiwillig tragen und diese für sie nichts mit Unterdrückung zu tun haben – auch das müssen sie immer wieder erklären. Auf der anderen Seite erfahren die beiden Ägypterinnen, dass es auch hier in der Bundesrepublik viele Probleme gibt – und bringen ein differenzierteres Deutschlandbild nach Hause. „In Ägypten haben wir ein überzogen gutes Bild von eurem Land“, sagt Doaa. „Viele glauben, es sei das Paradies. Dass es hier auch Rassismus gibt und jede Menge bürokratische Hürden im Asylverfahren, das wissen die wenigsten“.

 

Anna Veigel, Leiterin des Freiwilligendienstes, kennt diese Erfahrungen alle. Seit acht Jahren macht sie den Job bereits. „Das Ziel des Freiwilligendienstes ist, dass alle Beteiligten etwas lernen“, sagt sie. In der Begegnung sollen Ängste und Vorurteile abgebaut werden. Auf beiden Seiten. Insofern gibt es keine Unterschiede zwischen deutschen und internationalen Freiwilligen. Im Ballhaus Ost bedeutet der Freiwilligendienst neben Mails lesen, Texte transkribieren und Proben begleiten vor allem eins: Austausch. Doaa schaut sich die Produktionen an, unterhält sich mit den Schauspielern, nimmt am Alltag teil und bringt eigene Erfahrungen und Ideen ein. „Ich habe noch nie so viel über Deutschland gelernt, wie in den letzten zwei Monaten“.

Damit macht Doaa in Berlin ganz ähnliche Erfahrungen, wie viele junge Deutsche, die für einen Freiwilliges Soziales Jahr ins Ausland gehen. Auch Doaa musste ihren Eltern erst klarmachen, warum der Freiwilligendienst eine Riesenchance für sie ist. Diese machten sich anfangs Sorgen um ihre Tochter, denn in den ägyptischen Medien lasen sie, dass es in Deutschland wieder vermehrt zu Attacken auf Einwanderer und Menschen mit Migrationshintergrund kommt, dass Flüchtlingsunterkünfte angezündet werden. Letztlich haben sie aber doch nachgegeben. Unter einer Bedingung: Doaa muss sich regelmäßig melden.

 

Dabei half wahrscheinlich auch, dass Doaa nicht zum ersten Mal in Deutschland ist. Bereits 2014 war sie für ein Auslandssemester in Leipzig, 2015 für ein Praktikum im Bundestag. Seit ihrem letzten Besuch habe sich die Stimmung jedoch verändert, sagt sie. Noch vor wenigen Jahren sei sie nicht so misstrauisch beäugt worden, es gäbe mehr Vorurteile. „Ich habe das Wahlprogramm der AfD gelesen, das ist schon krass. Ginge es nach denen, sollte ich überhaupt nicht hier sein. Ich bin Muslima, Araberin und dunkelhäutig – also alles, was sie ablehnen“.

 

Gerade deshalb ist es wichtiger denn je, dass der Freiwilligendienst keine Einbahnstraße bleibt. Noch ist es ein Privileg, dass vor allem jungen Europäern vorbehalten ist. „Meine Idealvorstellung geht dahin, dass das Verhältnis irgendwann ausgeglichen ist“, sagte Anna Veigel. Auch wenn das noch in weiter Ferne liegt: Wenn Doaa zurück nach Ägypten kommt, wird sie –  genauso wie viele junge Deutsche nach ihrem Auslandsaufenthalt – nicht nur von ihren besseren Sprachkenntnissen profitieren, sondern auch von ihrem exotischen Alltag in Deutschland erzählen.

 

 

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