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"Wenn Politiker nur noch Satire machen, müssen wir Satiriker wohl Politik machen"

Nico Semsrott spricht über seinen Wahlspot für die Spaßpartei "Die Partei" - und über den Zustand unseres politischen Systems.
Interview von Lara Thiede

Der Kabarettist Nico Semsrott führt zur Bundestagswahl 2017 die Berliner Landesliste der Partei "Die Partei" als Spitzenkandidat an. Gerade versucht Semsrott, selbsternannter Demotivationstrainer, mit einem Video vor allem die Nichtwähler Deutschlands zu mobilisieren. Wir haben mit ihm darüber gesprochen, was er vom Nichtwählen wirklich hält, warum für ihn die FDP die eigentliche Spaßpartei ist und was er machen würde, wenn er in den Bundestag einzöge. 

jetzt: Was meinst du: Warum wählen viele Menschen nicht?

Nico Semsrott: Über die Nichtwähler gibt es so gut wie keine Studien. Ich denke mal, es ist eine sehr breite, differenzierte Bevölkerungsgruppe: Es gibt Leute, die sind zu faul, aber auch solche, die politisch zu interessiert sind. Die interessieren sich also – im Gegensatz zu Angela Merkel – wirklich für Politik; und weil sie damit so alleine sind, wissen sie einfach nicht, wen sie wählen sollen. Daneben gibt es sicher auch die Überforderten, die drei Jobs haben und einfach keine Zeit finden. Und am Ende haben wir auch noch die Kernzielgruppe der Partei: Für uns ist es ein großes Problem, dass die Wahlbüros schon um 18 Uhr schließen. Da sind viele unserer potentiellen Wähler noch nicht einmal aufgestanden.

 

Wie bist du auf die Idee gekommen, dass Nichtwähler und „die Partei“ sich gegenseitig helfen können?  

Ich kenne es selbst, unmotiviert zu sein und gerade beim Anblick dieses Bundestagswahlkampfes das Gefühl zu haben, dass keine Partei meine Interessen vertritt. Das ist der unpolitischste Wahlkampf, den ich seit Langem gesehen habe. Für mich war es deshalb nur naheliegend, die größte Gruppe der Wahlberechtigten für die Partei direkt anzusprechen: die Nichtwähler. Eigentlich frage ich mich eher, warum die anderen Parteien nicht auf diese Idee kommen. 

 

Hältst du die vielen Nichtwähler für ein Problem?

Ja klar. Wenn viele Menschen nicht wählen, bedeutet das gleichzeitig, dass Parteien wie die AfD und die FDP Chancen haben, in den Bundestag einzuziehen. Und das ist natürlich katastrophal. Ich habe jetzt auch schon einige Male das Feedback bekommen, dass was die Partei macht, destruktiv wäre. Aber ich finde AfD und FDP aus dem Bundestag raushalten zu wollen, ist sehr konstruktiv.

 

Du nennst hier die FDP in einem Atemzug mit der AfD. Warum glaubst du, sind genau diese beiden Parteien eine Gefahr für Deutschland?

Weil beide mit sehr unterschiedlichen Ideologien Politik gegen den Menschen und gegen Zusammenhalt machen. Bei der AfD ist der Gegner das Fremde, bei der FDP sind es die Armen. Das kann für unsere Gesellschaft nicht gesund sein.

 

Du hantierst im Video auch viel mit Zahlen und Statistiken. Normalerweise ist „die Partei“ nicht für so viel echten Inhalt bekannt. Ist dir das Thema „Nichtwählen“ besonders ernst?

Es ist mir sehr ernst. Davon hängt unser aller Wohlbefinden ab. Ob wir glauben, dass wir eine Gesellschaft sind oder nicht. Das System, in dem wir leben, entscheidet auch, wie wir leben. Deswegen sollte jeder von seinem Recht Gebrauch machen, das System mitzuformen.

 

Du beschreibst dich ja als Demotivationstrainer und Pessimisten. Passt Demotivation denn damit zusammen, dass du Politik machst? Müsstest du nicht resignieren bei all den schlechten Aussichten?

Ach, ich finde das passt absolut zusammen. Ich kann Menschen ja auch demotivieren, nicht nicht zu wählen. Und eigentlich sollte das auch klappen mit so einem Wahlspot, wenn ich mir die der anderen Parteien nochmal im Vergleich anschaue: Ich fand meinen bisher tatsächlich am schlüssigsten (lacht).  Denn es geht mir wirklich so: Ich gucke mir die anderen Inhalte an und frage mich die ganze Zeit: Meinen die das ernst?

 

Die anderen sind deiner Meinung nach also quasi die eigentlichen Spaßparteien?

Ja, denn die Grenze zwischen Satire und Realität ist so aufgeweicht, dass ich mir denke: Wenn Politiker nur noch Satire machen, müssen wir Satiriker eben Politik machen. Dazu muss ich auch klarstellen: Die Partei meint es im Gegensatz zu den anderen Parteien verdammt ernst. Ich würde sagen, keiner meint es so ernst wie wir. Ich denke da zum Beispiel an Christian Lindner. Er setzt sich für Privatisierung ein, nutzt dafür aber seine Partei, die selbst vom Staat subventioniert wird. Das ist doch ein Widerspruch. Das ist doch Satire. Ich finde, so gute Satiriker wie Christian Lindner haben dann in der Politik doch nichts zu suchen.

 

Warum sollten Nichtwähler für die Partei stimmen? Was hätten sie davon?

Politik mit menschlichem Antlitz.

 

Was würde es konkret für Deutschland bedeuten, wenn du tatsächlich in den Bundestag gewählt werden würdest? Was würdest du mit deinem Mandat tun?

Meine erste Reaktion wäre, dass sich die Wähler da wohl einen Scherz erlaubt haben. Das käme schon sehr überraschend. Dann würde ich mich wahrscheinlich vor allem dem Thema widmen, dass wir in einer unfassbar ungerechten Gesellschaft leben. Das Vermögen ist in Deutschland dermaßen schlecht verteilt, dass ich mir denke: Wenn die anderen Parteien das nicht hinbekommen, ist es vielleicht tatsächlich die Aufgabe von Satirikern oder besser „der Partei“, sich dem anzunehmen. Ich hatte ja vorhin Christian Lindner als Satiriker bezeichnet, da möchte ich uns gerade nicht mehr so nennen.

 

Im Video liegst du in deinem Bett. Wirst du dich selbst hochquälen, wenn es an die Wahl geht?

Ich hab schon per Briefwahl gewählt. Das ist meiner Meinung nach die optimale Lösung für Menschen, die sonst aus Bequemlichkeit nicht wählen würden.

 

Hast du dabei denn dann wirklich die Partei gewählt?

Auf diese Frage antwortet man ja nicht direkt. Aber ich formuliere es so: Ich gehe da mit dem Slogan der Partei: „Ich weiß nicht, wen ich wählen soll: die Partei.“ Alleine durch diesen Spruch fühle ich mich von der Partei gut vertreten.  

 

 

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