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„Eine Partei ist kein iPhone“

Till Reiners hat ein Experiment gewagt: Um herauszufinden, was junge Wähler wollen, hat er eine eigene Partei gegründet.
Interview von Dorian Steinhoff
  • cover till reiners mathias becker
    Foto: Mathias Becker

jetzt: Till, du hast Re:set gegründet, eine Partei, die Inhalte junger Wähler zwischen 18 und 35 vertreten soll. Hat sich dadurch dein Blick auf Politiker verändert?

Till Reiners: Ich habe alle Formen von Wahlkampf mitgemacht. Ich stand auf dem Marktplatz, habe Flyer verteilt und mich dabei gefühlt, als würde ich jemandem Staubsauger andrehen. Ich habe Haustür-Wahlkampf gemacht und bin offenem Hass begegnet. Es sei jedem angediehen, der Politiker pauschal scheiße findet, sich einmal bewusst zu machen, was das für eine Arbeit ist, die diese Leute leisten. Ich unterstelle allen Idealismus, anders kann man das meiner Meinung nach nicht schaffen. Das ist mir sehr klar geworden.

Klingt, als sei es nicht gerade leicht, eine Partei zu gründen...

Eine Partei zu gründen ist relativ einfach. Man braucht drei Gründungsmitglieder und ein Grundsatzprogramm. Eine Partei bei einer Wahl antreten zu lassen ist schon schwieriger. Wenn man in allen Bundesländern auf dem Wahlzettel stehen möchte, muss man ungefähr 27.000 Unterstützerunterschriften sammeln. So viele haben wir nicht bekommen. Unsere Parteigründung war vor allem ein Experiment, das herausfinden wollte: Wie funktioniert eigentlich Politik?

 

Ihr habt von Anfang an einen sehr partizipativen Ansatz verfolgt. Wie habt ihr euer Programm entwickelt?

Wir haben sehr wenig vorformuliert. Nur drei Dinge: Jeder kann mitmachen, kein Rassismus, Bekenntnis zum Grundgesetz – wirklich nur ein Grundgerüst. Dann sind wir rumgefahren und haben junge Leute gefragt: Interessiert ihr euch für Politik? Fühlt ihr euch von den Parteien gehört? Was sind eure Themen? Dabei haben wir versucht, möglichst verschiedene Stimmen einzufangen. Eine Mehrheit antwortete: Ja, interessiert sind wir, aber wir fühlen uns von den Parteien nicht angesprochen. Das ist natürlich nicht repräsentativ, aber insgesamt war das Interesse größer, als ich erwartet hatte. 

 

Und was waren die Themen?

Vor allem Bildung. Viele kamen gerade aus der Schule, das Thema war für sie einfach sehr präsent. Die Probleme auf diesem Sektor übrigens auch. Soziale Selektion zum Beispiel. Ein anderes Thema, auf das wir häufig gestoßen sind, war soziale Gerechtigkeit. Migration und Flüchtlinge war nur für zwei versprengte Jugendliche in Bitterfeld wichtig, kam aber ansonsten nicht vor. Insgesamt orientierten sich die Themen sehr nah an der Lebenswelt der Jugendlichen.

 

Woran liegt es, dass sich trotzdem viel weniger junge Menschen in Parteien engagieren als ältere?

Ich glaube, viele junge Menschen sind relativ monothematisch orientiert. Sie haben ihre ein, zwei Themen, die sie gerne besprechen würden, die ihnen wirklich am Herzen liegen, müssen aber bei den etablierten Parteien immer das ganze Programm mittragen, und darauf haben viele keine Lust mehr.

 

Liegt das daran, dass in allen anderen Konsumbereichen das perfekt individualisierte Angebot rund um die Uhr verfügbar ist?

Ja, eine Partei ist kein iPhone. Das ist das Problem.

 

Aber es ist doch eine Grundvoraussetzung für einen pluralistischen, demokratischen Diskurs, dass Parteien für verschiedene Standpunkte ein Gefäß bilden.

Ja, ohne Kompromissfähigkeit gibt es in unserem System keinen politischen Fortschritt. Ich glaube, diese Kompromissfähigkeit kommt vielen Leute abhanden. Deshalb steigt die Attraktivität von sogenannten Single-Issue-Bewegungen, also von Gruppen, die sich beispielsweise nur für Streifeneichhörnchen einsetzen. Die Grünen, die im Zweifelsfall auch einen Kriegseinsatz mittragen, geraten dadurch unter Druck.

 

Was habt ihr gemacht, als ihr eure Themenschwerpunkte erarbeitet hattet?

Wir haben Parteien besucht und gefragt: Wie funktioniert der Wahlkampf, was macht ihr eigentlich für junge Leute? Wir wollten rausfinden, was wir uns von denen abgucken können.

Was ist hängengeblieben?

Je mehr Einblick ich bekommen habe, umso klarer wurde mir, welchen Zwängen Politiker unterworfen sind. Sie würden ständig um den heißen Brei herumreden, ist zum Beispiel ein häufig formulierter Vorwurf. Aber wenn man einfordert, Klartext zu reden, meint man immer nur sich selbst. Klartext für sich. Wenn ich als Politiker eine klare Position vertrete, dann verliere ich alle, die diese Position für sich anders vertreten, und habe keine Wähler mehr. In der Konsequenz läuft man Gefahr, lauter politische Eintagsfliegen zu produzieren.

 

Ging dir das auch so?

Ja, nachdem wir gefragt hatten, was junge Leute interessiert, mussten wir daraus als Partei ein umfassendes Weltbild zimmern. Man muss auf einmal selbst Kohärenz erschaffen. Dabei war die Frage, die wir uns stellen mussten: Wie groß ist unser Wählerpotential und wie schaffen wir es, wie man so sagt, möglichst viele von diesen potenziellen Wählern abzuholen. Das steht im Gegensatz zu dem Anspruch, eine klare Position zu formulieren. Das ist das Spannungsfeld, auf dem wir uns auch bewegt haben.  

Kann das überhaupt funktionieren?

Wenn man der Typ dafür ist, Kompromisse zu finden und in einer Gemeinschaft Dinge auszuhandeln, dann auf jeden Fall. Ich habe Jungpolitiker aller Parteien getroffen. Die wirkten nicht totunglücklich. Die hatten ihren Platz in ihrer Partei gefunden, obwohl sie alle zugegeben haben, dass es schwer für sie ist.

 

Euer Experiment bestand nicht nur aus der Parteigründung, sondern auch darin, diese öffentlich zu begleiten. Gibt es einen Zwang, Politik medial verwertbar zu machen?

Ja, es wird immer in Hinblick auf Verwertbarkeit gedacht. Ich habe mich mit Leuten getroffen, die digitalen Wahlkampf machen. Sie haben alle unterstrichen, wie wichtig es ist, im Wahlkampf bestimmte Formen anzusprechen. Stichwort: Shared Pics. Lustige, coole Bilder, die möglichst prägnant die eigene Position zusammenfassen. Ein Social-Media-Berater hat auch eingeräumt, dass diese Praxis mitunter zur Verflachung von Politik führt. Zu Zwei-Minuten-Antworten für Probleme, die wesentlich komplexer sind, als man sie in so kurzer Zeit darstellen kann. Daraus folgt eine Politik, die nur noch Gefühle anspricht und affektuelle Bindungen erzeugt.

 

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