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"Die meisten Transmenschen in Deutschland sind unsichtbar"

Nyke Slawik will das ändern und könnte bald als erste Transfrau in ein Landesparlament gewählt werden.
Interview: Quentin Lichtblau
  • nyke slawik portrait
    Foto: Grüne Jugend NRW

Noch ist Nyke Slawik (22) politische Geschäftsführerin der Grünen Jugend in Nordrhein-Westfalen. Bei den kommenden Landtagswahlen in NRW könnte sie allerdings als erste Transfrau ins Parlament in Düsseldorf einziehen – am vergangenen Wochenende wurde sie auf Platz 29 der Landesliste gewählt. Mit uns hat sie über die Vor- und Nachteile ihrer Vorreiterrolle gesprochen.

 jetzt.de: Findest du es gut oder auch etwas befremdlich, dass du wegen deines Trans-Seins gerade viel Aufmerksamkeit bekommst, zum Beispiel in diesem Interview?

Nyke Slawik: Einerseits ist die große Aufmerksamkeit natürlich ungewohnt und neu für mich. Auf der anderen Seite aber finde ich sie gut und wichtig, weil gerade in Deutschland die meisten Transmenschen nach wie vor vollkommen unsichtbar und schlecht repräsentiert sind. In den politischen Netzwerken findet man sie kaum, auch nicht in denjenigen, die sich für ihre Rechte einsetzen. Außerdem sehe ich die momentane mediale Aufmerksamkeit als Chance, dass Trans-Themen nicht länger aus dieser sensationslüsternen "Wann-hast-du-dein-Geschlecht-umgewandelt"-Perspektive behandelt werden.

 

Warum sind denn bisher so wenige Transmenschen politisch aktiv?

Wer sich als Transmensch in die Öffentlichkeit stellt, muss natürlich auch sehr viel Transphobie aushalten können, das habe ich in den vergangenen Tagen wieder feststellen müssen. Außerdem haben die meisten einen jahrelangen persönlichen Kampf um Dinge wie die Änderung ihres Namens oder ihres Geschlechtseintrages hinter sich. Danach wollen sie einfach gerne für sich und glücklich sein. Da fehlt dann oft die Puste, um auch noch für größere gesellschaftliche Veränderungen zu kämpfen.

War das deine Motivation, in die Politik zu gehen?

Engagiert habe ich mich erstmals zum geplanten Ausstieg aus dem Atomausstieg. Als schwarz-gelb 2009 die Mehrheit erhalten bekam, hat sich das für mich in vielen Bereichen wie eine Rolle rückwärts angefühlt. Damals, so mit 16 und 17, war ich aber auch gerade in meiner Transitionsphase und bekam die nach wie vor vorhandene institutionalisierte Diskriminierung gegenüber Transmenschen zu spüren. Und jetzt, wo ich meinen privaten Kampf hinter mir habe, kann ich mich diesen Problemen auf politischer Ebene widmen.

 

"Die hohen Hürden für Transmenschen widersprechen dem Recht auf Selbstbestimmung"

 

Wo findet diese institutionalisierte Diskriminierung statt?

Zum Beispiel im Transsexuellengesetz: Es sieht zwar vor, dass Menschen ihr Geschlecht und ihren Namen anpassen dürfen. Dabei gibt es aber sehr strenge Auflagen. Bis 2011 musste man noch dauerhaft fortpflanzungsunfähig sein und sich einer geschlechtsangleichenden Operation unterziehen, um seinen Geschlechtseintrag ändern zu können. Diese Regeln wurden Gott sei Dank vom Bundesverfassungsgericht gekippt, weil sie unvereinbar mit dem Recht auf freie Persönlichkeitsentfaltung und körperliche Unversehrtheit waren. Was man allerdings immer noch braucht, sind zwei unabhängige psychatrische Gutachten: Man muss nachweisen können, dass das Bestreben, in einem anderen Geschlecht zu leben schon seit mehreren Jahren besteht – und dass sich an diesem Wunsch auch nichts mehr ändern wird. Diese hohen Hürden für Transmenschen widersprechen meiner Meinung nach dem Recht auf Selbstbestimmung. Sie spiegeln die Auffassung wieder, dass Zweigeschlechtlichkeit nach wie vor ein Naturgesetz ist. Den Menschen, die dort nicht hineinpassen, werden weiterhin unnötige Schwierigkeiten gemacht.

 

Engagierst du dich bei den Grünen eigentlich auch in anderen Bereichen?

Den Grünen bin ich schon bewusst wegen ihrer progressiven Haltung in gesellschaftspolitischen Fragen beigtreten und natürlich liegen da meine Kernkompetenzen. ich stimme aber auch in anderen politischen Bereichen mit den Inhalten der Grünen überein. Sozial- und europapolitisch, gerade auch angesichts des momentanen Aufstiegs der AfD, bin ich in Gesprächen und beim Verfassen von Anträgen involviert. Viele Menschen in diesem Land fühlen sich gerade abgehängt, darauf müssen die etablierten Parteien soziale Antworten finden.

 

Wirst du dann von Außen thematisch auf dein Trans-Sein reduziert?

Natürlich werde ich vor allem darüber wahrgenommen, weil ich eben einer der wenigen Menschen im politischen Betrieb bin, die einen offenen Umgang mit ihrer Trans-Identität pflegen. Viele setzen in diesem Bereich natürlich auch Hoffnungen in mich. Aber in der Grünen Jugend kann ich mich durchaus auch in anderen Feldern profilieren.

 

In der Berliner CDU gibt es gerade Diskussionen um Sexismus und den gängigen Vorwurf, dass sich Frauen ihre Position mit unlauteren Mitteln erschlichen hätten. Hast du als Transfrau im Politikbetrieb denn auch schon negative Erfahrungen gemacht?

Offene Transphobie habe ich in der Politik noch nicht erlebt. Ich bekomme aber oft den Vorwurf zu hören, ich würde mich nur über meine Transidentität profilieren und hätte darüber hinaus wenig Inhaltliches zu bieten. Oder dass ich nur wegen meines Sonderstatus als Transfrau auf der Landesliste stünde. Was ich auch immer wieder erlebe ist, dass  Leute sagen: Wir haben doch schon so viel erreicht bei der Gleichstellung und queeren Themen, können wir's nicht langsam mal gut sein lassen? Diese Kritik stammt aber meist auch von genau den Leuten, die sich mit der bestehenden Diskriminierung und möglichen Lösungsansätzen am wenigsten auskennen.

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