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US-Häftlinge schreiben Gedichte, um im Knast nicht kaputt zu gehen

Wir haben mit ihnen gesprochen.
Von Lara Wiedeking
  • buchclub
    Foto: Lara Wiedeking

„Wenn du dem Rap den Beat nimmst, bleibt ein Gedicht“, darum findet Terrell Branham es überhaupt nicht widersprüchlich, wenn junge, männliche Gefängnisinsassen zu Stift und Papier greifen, um ihre Gefühle auszudrücken. Das Vorurteil der harten Jungs, die sich für Lyrik zu cool halten, wischt der 23-Jährige weg, auch wenn er auf den ersten Blick nicht wie ein feinsinniger Poet wirkt: Er hat seine Cornrows zurückgebunden, unter seinem rechten Auge hat er ein kleines Tattoo. Aber auf seinem blauen T-Shirt steht „Poet Ambassador“ – Gedichte-Botschafter.

 

An diesem flirrend heißen Sommerabend in Washington, DC, trifft sich Branham mit gut zehn anderen Mitgliedern des „Free Minds“-Buchclubs in einer Kirche, um die Gedichte zu lesen. Von jungen Männern, die derzeit im Gefängnis sitzen und über die Gedichte ihre Gefühle, Ängste und Sorgen ausdrücken – wie Terrell einst auch. „Free Minds“ motiviert junge Männer im Knast bei regelmäßigen Treffen, Bücher zu lesen und in der Gruppe zu besprechen, Gedichte zu schreiben, und so dem Teufelskreis des amerikanischen Justizsystems zu entfliehen.

In der Western Presbyterian Church auf der Virginia Avenue in Northwest Washington haben sich neben den regulären Mitgliedern des Buchclubs auch rund 30 freiwillige Unterstützer eingefunden. Auf den runden Tischen im Gemeindesaal liegt ein Stapel mit Gedichten, dazwischen verteilt Stifte. Die Anwesenden sollen die Gedichte lesen und ihre Gedanken dazu aufschreiben. Keine Deutschklausur-inspirierte Manöverkritik, sondern Anmerkungen zum Inhalt: Was man beim Lesen gedacht und gefühlt hat. Die kommentierten Gedichte werden dann ins Gefängnis an die Dichter zurückgeschickt.

 

In den Texten dreht es sich um Schmerz, das Gefühl allein zu sein, die Insassen verarbeiten ihre Erfahrungen. „Für mich waren die Gedichte eine Möglichkeit, zu kommunizieren“, erzählt James, der vor sechs Monaten entlassen wurde und jetzt auch außerhalb des Gefängnissen die Sitzungen von Free Minds besucht: „Sie wurden zu einer Art Tagebuch für meine Gefühle.“ Auch seine Gedichte wurden regelmäßig mit Anmerkungen zurückgeschickt: „Vielen Lesern habe ich durch meine Texte einen neuen Blickwinkel auf die Dinge gegeben, weil sie nicht die gleichen Erfahrungen im Leben gemacht haben, wie ich.“ Jetzt sitzt er an einem runden Tisch mit fünf freiwilligen Helfern und erzählt offen von seinen Erfahrungen im Knast.

 

Vieles läuft schief im amerikanischen Justizsystem, harte Strafen gibt es schon für kleinere Drogendelikte, die Wiedereingliederung gelingt so gut wie nie – das Justizsystem als kriminelle Karriereleiter. Auch an diesem Abend merkt man es: Jeder der anwesenden Poet-Ambassadors ist Afroamerikaner und kommt aus schwierigen Verhältnissen. Einige waren Analphabeten, so gut wie jeder hat schon früh Erfahrung mit Gewalt gemacht und Schießereien erlebt. Wären die Vorraussetzungen anders gewesen, hätten die junger Männer vielleicht Fußballturniere gewonnen und wären mit Stipendien aufs College gegangen, statt wegen Drogen, Raub oder anderen Straftaten im Gefängnis zu landen. 

 

Doch man sieht auch die vielen Freiwilligen, die sich unermüdlich dafür einsetzen, diesen Fehler auszubügeln. Indem sie leisten, was der Staat nicht kann, bei der Rückkehr in die Gesellschaft helfen, Bildung als Alternative in einem Land, das gut ein Viertel der weltweiten Gefängnisbevölkerung stellt. Für die Mitglieder von „Free Minds“ ist das Konzept aufgegangen.

 

Sie schickten mir Karten zum Geburtstag, von meiner Familie kam nichts

 

Terrell Branham arbeitet bei Free Minds, er steht mit den Insassen in Kontakt, die sich über jeden Brief freuen. Ein Gefühl, dass der 23-Jährige nachvollziehen kann. Mit 16 kam er ins Gefängnis und dort das erste Mal mit Free Minds in Kontakt, der Club hält in der Jugendstrafanstalt von Washington DC regelmäßige Treffen ab, es wird über Poesie gesprochen und Gedichte geschrieben. Mit 18 wurde Branham in die Strafanstalt für Erwachsene verlegt und war sich sicher, das war es mit dem Buchclub. Bis er plötzlich Post bekam: „Sie schickten mir Karten zum Geburtstag, Bücher zum lesen. Von meiner eigenen Familie kam nichts - aber Free Minds hat mich nicht vergessen“, erzählt Branham. Mit 21 wurde er entlassen: „Endlich konnte ich die ganzen Leute bei Free Minds persönlich und außerhalb des Gefängnisses kennenlernen, ich war ganz aufgeregt.“

 

Unter den 600 Mitgliedern, denen der Club in Washington, DC und den angrenzenden Orten in Virginia und Maryland hilft, sind nur drei Frauen. Warum? "Free Minds" hat sich auf jugendliche Straftäter spezialisiert, die wie Erwachsene verurteilt werden – ein Umstand, der laut der Program-Koordinatorin Mbachur Mbenga bei Frauen nur sehr selten vorkommt. Im Gefängnis nehmen die Frauen an separaten Veranstaltungen teil, sie sind in einem anderen Teil des Gefängnisses untergebracht. 

 

An diesem Abend ist noch ein Terrell in die Kirche gekommen, dessen Leben von Free Minds zum Positiven verändert wurde: Terrell Jackson kam 2007 wegen bewaffneten Überfalls für drei Jahre ins Gefängnis. Zu Free Minds ging er eigentlich nur, um sich die Zeit zu vertreiben und aus seiner Zelle rauszukommen. Jackson konnte damals weder lesen noch schreiben: „Sie haben mich gefördert, mir jedes Mal neue Worte zum lernen gegeben, haben mir Gedichte nahe gebracht - und irgendwann war ich endlich in der Lage, meine Gefühle ausdrücken. All den Schmerz, all den Groll.“ Besonders stolz ist er auf sein Gedicht "Reflection", für das er viel positive Rückmeldung bekommen hat Es beginnt mit den Zeilen:

 

Looking in the mirror and what do I see...

A reflection of myself staring at me

Unearthing imperfections that change with time

Was enraged in a cage now I'm free sunshine

Redemption for today seeking forgiveness on tomorrow

Wondering what I'm to do with the time that I've borrowed

 

Selbstbesinnung, aber auch die Weiterentwicklung in seinem Leben ist zurzeit für Terrell ein wichtiges Thema.

Seit zehn Jahren gehört Terrell Jackson zum Buchclub, regelmäßig geht er für Free Minds in Schulen und spricht offen über seine Erfahrungen im Gefängnis, seine Kindheit und Jugend: „Ich versuche, sie von der Straße wegzuholen, ihnen Alternativen aufzuzeigen.“ Aber er besucht auch Jugendstrafanstalten, spricht dort über sein Leben - und über Gedichte: „Die Zelle ist nicht das Ende ihres Lebens, es gibt Wege daraus, andere Möglichkeiten in der Welt. Und andere Möglichkeiten, seine Gefühle und seine Wut auszudrücken. Klar, dabei gibt es immer die, die nicht zuhören, aber gut 75 Prozent der Gruppe nimmt was mit.“

 

Neben den wöchentlichen „Write Nights“, bei denen Gedichte geschrieben und diskutiert werden, hilft Free Minds den jungen Männern, sich wieder in die Gesellschaft einzugliedern. Wie schreibe ich eine Bewerbung? Wie kleide ich mich für ein Bewerbungsgespräch? Sie vermitteln Praktika, damit die Männer relevante Erfahrungen für ihren Lebenslauf sammeln können.

 

Zu Beginn des Abends gibt es verschiedene Ankündigungen: Tara Libert, die Gründerin, stellt neue Mitglieder vor und sie ermutigt die jungen Männer, von positiven Entwicklungen zu erzählen, erfolgreichen Praktika zum Beispiel. Terrell Branham wird nach Kalifornien fliegen und an einem Workshop teilnehmen - es ist seine erste Reise in einem Flugzeug, er ist sehr aufgeregt. Der Applaus scheint ihm fast ein wenig unangenehm und hebt beschwichtigend die Hände. Als einer der Poet Ambassadors erzählt, er stünde kurz vor einer Festanstellung als Küchenhilfe, gibt es kein Halten mehr, die Gruppe jubelt und pfeift. Libert, eine energetische Frau mit kurzen Haaren, applaudiert am lautesten und jedesmal voller Stolz. Auch Terrell Jackson hat eine Ankündigung: Er hat sich mit seiner Freundin verlobt und wird demnächst heiraten.

 

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