Partner von

Respekt, Volker Beck

Warum der Grünen-Politiker in seinem Scheitern eine Qualität zeigt, die leider vielen Menschen fehlt.
Von Patrick Wehner
  • bildschirmfoto 2016 03 03 um 14 55 51
    Foto: dpa; Bearb.: Daniela Rudolf

Ich finde es nicht schlimm, wenn ein Politiker Drogen nimmt. Oder mit Drogen erwischt wird. Wer von der CDU kokst, wer von der CSU sich den letzten Rest Rückgrat wegsäuft. Wer sich von den Linken Opium auf den Joint träufelt. Das alles geht mich nichts an. Unter zwei Voraussetzungen: Sie haben niemandem dabei geschadet (strenggenommen scheidet Koks da von vorneherein schon mal aus). Und sie haben davor nicht das gepredigt, woran sie sich selbst nicht halten. Sich selbst und andere geblendet. Dann soll das stumpfe Beil der Empörung auf sie niederfallen, die Bild ihre Häme verschütten und der Mob hysterisch applaudieren. Mir egal.

Bei Volker Beck ist das allerdings anders. Er hat vielleicht Drogen genommen. Möglichweise Crystal Meth. Wie wir alle aus unzähligen Dokus auf Youtube wissen, in denen gepixelte Menschen, die Ronny, aber auch Konstantin heißen, von ihrer elenden Sucht erzählen, ist das richtig fieser Dreck. Er pusht dich, gibt dir Kraft und Selbstvertrauen. Er macht dich sofort süchtig und am Ende zu einem mickrigen Häufchen Mensch, das den geliebten Fernseher seiner Oma verkauft. Wissen wir. Und Volker Beck weiß das sicher auch. 

 

Aber im Unterschied zu Menschen, die ihre Doktortitel wie eine Monstranz vor sich hertragen, die sie sich nur erschlichen haben, oder Texte von Lobbyisten ohne Kennzeichnung in Gesetzestexte einbringen und später in gut bezahlten Aufsichtsratsjobs sitzen, gaukelt uns Beck in diesem Fall nichts vor. 

 

Im Gegenteil. Er hat sogar ein sehr erstaunliches Statement verfasst: „(...)Ich habe immer eine liberale Drogenpolitik vertreten. Zu den gegen mich erhobenen Vorwürfen wird mein Anwalt zu gegebener Zeit eine Erklärung gegenüber der Staatsanwaltschaft abgeben. Ich werde mich dazu öffentlich nicht einlassen.“

 

Sieht man sich das genau an, steht da: Ja, ich habe was gemacht, was nach geltender Gesetzessprechung illegal ist. Aber wisst ihr was? Das weiß ich bereits – und halte es für falsch. Er wirkt wie einer, dessen Gewissen rein ist. Der zwar merkt, dass er einen Fehler gemacht hat. Aber keinen, der nach seiner inneren Überzeugung einer ist. Sondern einer, der ihm von anderen vorgehalten wird. Er rechtfertigt sich einfach nicht für seinen privaten Konsum. Das ist eine Qualität, die nicht jeder hat. Und die man Haltung nennen könnte. Er steht zu dem, was er in der Vergangenheit sagte. Beck hat immer wieder die kontrollierte Abgabe weicher Drogen (zu denen Crystal allerdings nicht gehört) gefordert und sich dafür ausgesprochen, Konsumenten generell nicht strafrechtlich zu verfolgen. Das ist schon ein anderes Glaubwürdigkeits-Kaliber als eine Bundesbildungsministerin, die große Teile ihrer Doktorarbeit abschreibt –  und, als das alles rauskommt,  auch noch gegen die Aberkennung ihres Titels kämpft. Anstatt zu sagen: Ja, scheiße, ist halt jetzt so. 

 

Becks Haltung ist respektabel. Er übernimmt die Verantwortung für sein Tun, in dem er von seinen Ämtern zurücktritt, wie er auf seiner Homepage schreibt. Aber er entschuldigt sich eben nicht dafür.  Er kriecht nicht zu Kreuze. So wie Michael Hartmann von der SPD, der vor zwei Jahren zugegeben hatte, Crystal Meth genommen zu haben, um "leistungsfähiger" zu werden. Beck wirft sich, zumindest bislang, nicht in den Staub. Er gibt sich nicht als reuiger Sünder, verspricht nicht schnell Läuterung, die entweder eh nur schlecht geschauspielert wäre – oder heißen würde, dass er schon seit längerer Zeit die Kontrolle über sein Leben verloren hatte. Möglicherweise ist das ja auch so, vielleicht ist ihm schon länger alles entglitten. Ich weiß es nicht, ich kenne Volker Beck nicht persönlich. Möglichweise ist Becks Erklärung auch nur die verblendete Argumentation von jemandem, der süchtig ist und sich das nicht eingestehen will.

 

Möglichweise haben wir aber auch falsche Erwartungen an Politiker im Allgemeinen. Dass einer oder eine, die zwölf Stunden in Ausschüssen sitzt, sich dazwischen mit Mails rumschlägt, Intrigen verhindert oder spinnt, rund um die Uhr bereit sein muss, auf jeden Twitter-Furz zu  reagieren, der versucht,  Überzeugungen durchzusetzen, das ganz ohne chemische Hilfsmittel macht? Könnte man erwarten. Genau so wie man erwarten kann, dass es in der Katholischen Kirche keine Kriminalität gibt. 

 

 

Weitere Texte findest du hier: 

Zur Startseite

Die besten Geschichten von jetzt -

täglichen Newsletter bestellen

oder auf WhatsApp abonnieren