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Warum wählen meine Freunde den Front National?

Unser Autor besucht das Dorf seiner Verwandten in Frankreich. Seine Freunde von früher wählen heute rechts. Warum?
Von Jean-Marie Magro
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    Foto: Jean-Marie Magro

Aups ist ein Dorf mit etwa 2000 Einwohnern im Süden Frankreichs, im Var. Einmal über den Col de la Bigue, einen kleinen Berg am Dorfausgang, schon fährt man geradeaus auf den Lac de Sainte-Croix und die Schluchten des Verdon zu. Olivenbäume und gelbes Gestein durchziehen die hügelige Landschaft.

 

Dieser Teil Frankreichs wird oft als das Nest des rechtsnationalistischen Front National bezeichnet. Für mich ist er meine andere Heimat. Meine Großeltern, Tante, Onkel und Cousins kommen von hier. Ich habe hier Freunde, seit ich klein bin. Wir haben nie über Politik gesprochen. Aber jetzt kann ich das Thema einfach nicht mehr ignorieren. Seit einigen Monaten lese ich auf Facebook „Hilferufe“ meiner französischen Bekannten. Die Regierung tue zu viel für Ausländer und zu wenig für die Franzosen. Dieses "Volk voller Schafe“ brauche „endlich mal wieder einen guten Hirten".

Vor eineinhalb Jahren, bei den Regionalwahlen, holte Marion Maréchal-Le Pen, Nichte von Marine und Enkelin meines Namensvetters Jean-Marie, in Aups gut die Hälfte der Stimmen. Die Nummer eins bei den Jungwählern ist der Front National. Auch ich muss also solche Leute kennen. Und ich will wissen: Warum wählen sie rechtsextrem?

 

Es geht mir nicht darum, ein Urteil zu fällen. Ich bin keine Instanz, der so etwas zusteht. Es geht mir darum, die Menschen aus meiner zweiten Heimat zu verstehen.

 

Leider ist es gar nicht leicht, dort Leute zu finden, die über ihre politische Meinung sprechen wollen – auch, wenn man früher befreundet war. Entweder antworten sie mir "Ich kenne mich nicht aus, ich will nichts Falsches sagen", oder sie ignorieren mich einfach.

 

Doch es gibt gute Freunde, die mir helfen. Adrien ist so ein Freund. Ich habe ihn beim Boules-Spielen kennengelernt, als ich 14 oder 15 war. Adrien ist zwei Jahre älter, etwa so groß wie ich und hat helle, blaue Augen. Adrien wollte zur Armee, also nannte ich ihn immer "Sergent". Adrien nennt mich „poulet, was auf Deutsch „Huhn“ heißt. Das ist hier sehr liebevoll gemeint.

 

Nachdem mein Großvater gestorben war, war es Adrien, der mich vom Bahnhof abholte und mich die 40 Kilometer von Les Arcs nach Aups fuhr. Obwohl er wusste, dass ich es mir leisten konnte, verbat er mir, ihm für die Fahrt Geld zu geben. "T’es mon ami", du bist mein Freund.

 

Adrien sieht in Frankreich einen Klassenkampf zwischen Arm und Reich. Schuld daran? Europa

 

Adrien lebt mit Aurore zusammen. Sie wollten schon vor zwei Jahren heiraten. Doch es fehlt. An Geld, nicht an Liebe. Ich hatte angeboten, ihm etwas zu leihen, doch er wollte nicht. "Kein Problem, poulet, wir verschieben es einfach. Wir kriegen das schon hin." "Bist du sicher?" "Sei unbesorgt, wenn es so weit ist, bist du eingeladen", sagte er ruhig.

 

Adrien wird bei den Präsidentschaftswahlen für Marine Le Pen stimmen.

 

Adrien hat nicht studiert, sondern direkt nach der Schule angefangen zu arbeiten. Er hangelte sich von einem befristeten Vertrag in den nächsten. Gerade arbeitet er bei einer Supermarktkette. Er ist nie viel gereist, von welchem Geld auch? Vor fünf Jahren wählte er François Hollande, weil er die Nase voll von Nicolas Sarkozy hatte. Jetzt ist er noch enttäuschter als damals: „Ich arbeite 35 Stunden in der Woche und habe Ende des Monats 900 Euro. Und ich frage mich ernsthaft, ob die mit 900 Euro auskommen könnten. François Fillon trägt Maßanzüge im Wert von 10.000 und Uhren im Wert von 20.000 Euro. Ich trage eine Uhr für fünf Euro und T-Shirts, die zehn Euro kosten“, sagt er, nicht in einem cholerischen, sondern in einem sehr gefassten Ton.

 

Er sieht in Frankreich einen Klassenkampf zwischen Arm und Reich, zwischen angeblichen Volksvertretern, die nur an ihre eigene Brieftasche dächten, und Menschen, die für den Mindestlohn arbeiten und dies auch noch auf Zeit. Schuld daran? Europa. „Wir brauchen unsere eigene Währung und unsere Unabhängigkeit zurück. Unsere französischen Unternehmen müssen wieder nach Frankreich zurückkommen und uns in Würde arbeiten lassen. Es muss endlich wieder an die Franzosen gedacht werden.“

 

Seine Analyse bewegt mich. Europa war für mich immer mehr als Euro und Schengen. Europa steht für mich für die Versöhnung zwischen Feinden, zwischen Deutschland und Frankreich. Eine Deutsche, die mit einem Franzosen ein Kind hat, ist heute selbstverständlich. Vor der Europäischen Einigung war es das nicht. Ohne Europa gäbe es mich vielleicht nicht.

 

Adrien erzählt mir, dass viele seiner Freunde FN wählen. Sie alle wollten es dem System zeigen. „Ich finde bestimmt welche, mit denen du sprechen kannst.“ Doch es wird sich niemand finden. 

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      Foto: Jean-Marie Magro

Ich gehe ins Dorfzentrum zum Grand Café du Cours. Es ist das größte und wahrscheinlich meistbesuchte Café in Aups. Hier treffe ich Théo, einen 18-jährigen Zweimeterriesen mit Schuhgröße 49. Er kommt mit ein wenig Verspätung, weil er keinen Parkplatz gefunden hatte.

 

Théo ist vielleicht das größte Talent des Boules-Sports, das Aups in den vergangenen Jahrzehnten hervorgebracht hat. Seine Begabung war nie das Feinmotorische, das Ästhetische, sondern das Brachiale. Schon mit sieben war Théo wie eine Abrissbirne, die sämtliche gegnerische Kugeln aus dem Spiel räumte. Glaubt er auch, dass Frankreich seine Zukunft außerhalb Europas suchen muss?

 

„Das Projekt von Marine Le Pen, dass wir zum Franc zurückkehren und die EU verlassen, finde ich zu radikal. Wir sind gut in Europa aufgehoben“, sagt er. Doch er fügt hinzu: „Ich hätte gerne, dass Frankreich wieder eine ‚Grande Nation’ wird. Ich meine damit eine große Nation auf europäischer Ebene, die Entscheidungen fällt. Sodass wir stolz darauf sein können, Franzosen zu sein.“ Le Pen wählt er nicht, die Sehnsucht nach einem großen Frankreich ist dennoch da.

 

Théo fiel im vergangenen Jahr durchs Abitur. Dieses Mal möchte er sich zusammenreißen und danach Naturwissenschaften in Nizza studieren. In Frankreich sieht er das Problem, dass es sich für viele Leute gar nicht lohnt, arbeiten zu gehen: „Es stimmt, dass wir den Leuten, die nicht arbeiten, zu viel geben. Man nehme das Arbeitslosengeld und so weiter. Diese Menschen bekommen genauso viel Geld wie andere, die eine Arbeit haben. Warum sollte ich also in der Früh aufstehen?“

 

Immer der gleiche Reflex: Die Politik müsse wieder mehr für Frankreich tun

 

Ähnlich antwortet Simon. Er ist 28 und der eingefleischteste Olympique-Marseille-Fan, den man sich vorstellen kann. Er tippt Ergebnisse von Fußballspielen auf der ganzen Welt und verdient sich damit hin und wieder ein paar Euro dazu. Simon kommt von einem Zeitvertrag in den anderen, wie Adrien. Seine Hose ist mit weißer Farbe beschmiert. Zurzeit hilft er einem Freund beim Malern.

 

Simon ist sehr nervös, als er mit mir über Politik spricht. Angesprochen darauf, ob zu viel für Arbeitslose getan werde, sagt er:„Jeder kann für einige Monate oder ein Jahr auf Arbeitssuche sein. Das kann passieren. Doch einige profitieren von diesem System.“

 

Simon möchte niemandem wehtun, ist sehr auf Ausgleich bedacht. Trotzdem kommen zwischendurch immer wieder Spitzen hervor, an denen man merkt, was Sache ist: „Wir müssen in Europa bleiben. Es stimmt allerdings, dass es einige Verlagerungen ins Ausland gibt, zum Beispiel in der Automobilindustrie. Also auf der einen Seite bin ich für Europa, aber es wäre gut, wenn wir versuchen, in Frankreich zu produzieren statt im Ausland.“

 

Die Reflexe, sind immer die gleichen. Es müsse wieder mehr für die Franzosen getan werden. Die Franzosen wollen ihre Würde zurück. Insofern hat Marine Le Pen, egal ob sie Präsidentin wird oder nicht, einen Sieg eingefahren: Sie hat mit ihrem Slogan "La France d’abord", „Frankreich zuerst“, einen Wunsch ausgedrückt, den hier viele haben. Ob rechtsextrem oder nicht.

Und wenn sie doch gewinnt? Selbst die, die sie nicht wählen werden, sagen mir unter der Hand: Na und? Sie wird eh nichts anders machen als alle anderen vor ihr. Am Abend lädt mich Adrien zu sich nach Hause ein, um Fußball zu schauen, es läuft das Spiel Frankreich gegen Spanien. Seine Wohnung liegt im dritten Stock eines einfachen, abgelebten Hauses im Herzen des Dorfes. Einen Briefkasten gibt es nicht, stattdessen steht ein Holzstuhl im Eingang. Ein Zettel klebt auf der Lehne, auf dem steht: „Courriel“, Post. Der Putz fällt hier nicht von der Decke, er hat sich schon abgelöst.

 

Neben Adriens Verlobter Aurora ist auch sein Freund Jonathan, genannt Jona, in der Wohnung. Er führt Umfragen innerhalb von Unternehmen durch. Was hält Jona vom politischen Personal in Frankreich? „Das sind Leute, die zum großen Teil nur die Politik kennen. Sie haben zehn Jahre Studium oder Schule hinter sich, werden dann Anwalt, arbeiten in Büros und reden über Dinge, von denen sie nichts verstehen.“

 

Doch Jona kommt zu einem anderen Schluss. Er will auf keinen Fall FN wählen. „Tel père, tel fille“, wie der Vater so die Tochter, sagt er. Adrien schüttelt mit dem Kopf, nimmt die Schutzkappe meiner Kamera, zieht sie über sein rechtes Auge und sagt: „Ich hasse Ausländer“, in einer etwas überbetonten Jean-Marie-Le-Pen-Parodie, natürlich nicht ernst gemeint. Marines Vater war früher wegen einer Augenklappe berühmt, die vor allem die Kinder erschreckte.

 

Marine Le Pen gibt einfache Antworten auf extrem komplizierte Fragen

 

Ich frage die beiden, ob sie für die Zeit nach der Wahl irgendeine Hoffnung verspüren.

 

Jona: „Ich habe den Eindruck, es wird sowieso alles gleichbleiben.“

 

Adrien: „Ich bin nicht einmal von der Kandidatin überzeugt, der ich meine Stimme geben werde. Doch wir haben die Rechte ausprobiert, wir haben die Linke ausprobiert. Also warum nicht mal etwas anderes?“ Er zögert, dann sagt er: „Frankreich ist verloren. Ich glaube, als die Revolution losging, war es genau so: Es fängt wieder an. Es gibt eine Elite, die sich über das Volk stellt. Und jetzt, das ist mein Eindruck, reicht es dem Volk. Es hat die Nase voll. Bald wird etwas explodieren.“

 

Jona: „Das wäre gut.“

 

Adrien: „Glaubst du auch?“

 

Jona: „Ja, das wäre gut. Das würde einiges wieder in Ordnung bringen.“

 

Ich glaube, nein, ich bin mir sicher, Adrien geht es nicht um die Überzeugungen des Front National. Klar, er sagt auch mal einen Satz wie: „Wenn ich im Supermarkt arbeite, habe ich manchmal den Eindruck, wir würden in der saudi-arabischen Republik Frankreich leben.“ Gewiss sagt er, dass er keine Wirtschaftsflüchtlinge aufnehmen will, sondern nur „wirkliche“ Flüchtlinge, die vor Krieg fliehen. Doch das sind Symptome. Es sind die einfachen Antworten, die Marine Le Pen auf wahnsinnig komplizierte Fragen gibt. Hinter all diesen Äußerungen von Adrien steckt ein Hilferuf: Ihr habt uns vergessen, wo seid ihr? Marine Le Pen hat keine Lösung für sein Problem. Doch ihre Hetze gibt ihm Gelegenheit, seine Wut zu entladen. Das ist meine Sicht der Dinge. Meine Geschichte aus Aups. Sie ist traurig, sehr traurig.

 

Es läuft die 68. Spielminute. Elfmeter für Spanien. David Silva schießt ein zum eins zu null. Adrien freut sich. Er ist Halbspanier, sein Vorfahren flohen vor Franco. „Ist das nicht wahnsinnig europäisch, dass du dich für beide Länder freust?“, frage ich ihn. Er muss lachen und lange überlegen. Dann sagt er: „Ja, das ist es.“

 

Redet so jemand, der aufgegeben hat?

 

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