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Wir beichten unsere Leitkultur-Sünden

Dürfen wir trotzdem in Deutschland bleiben, Herr de Maizière?
Aus der jetzt-Redaktion
  • leitkultur verstoeße jetzt
    kallejipp / photocase.de

Mit seinen Thesen zur vermeintlichen "Leitkultur" will Thomas de Maizière mal wieder ein für alle mal festlegen, was deutsch ist und was nicht. Und wer das Recht hat, sich als "Deutscher" zu bezeichnen. Uns haben die Thesen nachdenklich gemacht – schließlich brechen wir sämtliche Maizière-Gebote ständig.

Daher wollen wir hier öffentlich Buße tun, unsere "Leitkultur"-Sünden der vergangenen Tage darlegen und dabei inständig um Verzeihung im Innenministerium bitten!

 

Thomas de Maizière: "Wir sagen unseren Namen. Wir geben uns zur Begrüßung die Hand. 'Gesicht zeigen' – das ist Ausdruck unseres demokratischen Miteinanders. Wir zeigen unser Gesicht. Wir sind nicht Burka."

 

  • Heute den Arbeitskollegen in der S-Bahn ignoriert, weil ich ihn nicht mag. Gesicht weggedreht, natürlich erst recht nicht die Hand geschüttelt. Gelobe Besserung!
  • Dienstagmorgen in der jetzt-Redaktion: Niemand schüttelt sich die Hand. Und das in einer DEUTSCHEN Zeitung.
  • Ich habe am Wochenende eine verschleierte Frau in der S-Bahn gesehen und es war für mich nicht von Bedeutung. Da muss ich dringend umdenken!
  • Ich habe morgens den Schal wegen Regen und schlechter Laune vors Gesicht gezogen. Ein Fauxpas.

 

"Wir sehen Bildung und Erziehung als Wert und nicht allein als Instrument. Schüler lernen - manchmal zu ihrem Unverständnis - auch das, was sie im späteren Berufsleben wenig brauchen. Allgemeinbildung hat einen Wert für sich."

 

  • Gestern wieder die verschwendete Lebenszeit im Latein-Zwangsunterricht bereut und den Wunsch verspürt, lieber eine lebendige, europäische Sprache gelernt zu haben. Aber naja, Allgemeinbildung hat ja einen deutschen Wert für sich.

  • Beim Lesen eines Textes über die aktuelle Lage in Afghanistan dann allerdings darüber gerätselt, wie weit es eigentlich um die Allgemeinbildung deutscher Innenminister steht, die das Land als “hinreichend sicher” bezeichnen. Aber nur ganz kurz!

  • Den Freund mit den Worten “I bims!” begrüßt und mich danach geschämt. Aber gut, "Wir sind nicht Burka" ist ja auch eher so Internet-Sprech.

 

"Wir sehen Leistung als etwas an, auf das jeder Einzelne stolz sein kann. Überall: Im Sport, in der Gesellschaft, in der Wissenschaft, in der Politik oder in der Wirtschaft. Wir fordern Leistung.  Der Leistungsgedanke hat unser Land stark gemacht."

 

  • Beim Klassentreffen über Verweise wegen “Leistungsverweigerung im Unterricht” geredet. Die galten als ultimativ cool.
  • Und über  die Teilnehmerurkunden bei den Bundesjugendspielen. Wir haben unser Land damals schwach gemacht!
  • Es war mir egal, als der FC Bayern am Wochenende Deutscher Meister geworden ist. Das muss sich ändern!
  • Zum Monatsanfang wieder gemerkt, dass ich mir meine Miete nicht leisten kann. Ich sollte mehr leisten!

 

"Wir sind Erben unserer Geschichte, mit all ihren Höhen und Tiefen. Unsere Vergangenheit prägt unsere Gegenwart und unsere Kultur. Für uns ist sie ein Ringen um die Deutsche Einheit in Freiheit und Frieden mit unseren Nachbarn, das Zusammenwachsen der Länder zu einem föderalen Staat, das Ringen um Freiheit und das Bekenntnis zu den tiefsten Tiefen unserer Geschichte. Dazu gehört auch ein besonderes Verhältnis zum Existenzrecht Israels."

 

  • Mich gefragt, ob das Innenministerium Günther Grass als Gegner der Wiedervereinigung abgeschoben hätte. Ich finde nun: unbedingt!

 

"Wir sind Kulturnation. Kaum ein Land ist so geprägt von Kultur und Philosophie wie Deutschland. Wir haben unser eigenes Verständnis vom Stellenwert der Kultur in unserer Gesellschaft. Es ist selbstverständlich, dass bei einem politischen Festakt oder bei einem Schuljubiläum Musik gespielt wird. Jeder Landkreis ist stolz auf seine Musikschule."

 

  • Vorhin "Musikschulen im Landkreis" gegoogelt. Kannte ich bisher noch keine. Sind bestimmt ganz toll!
  • Als junger Vater habe ich mir schon oft gewünscht, dass bei schulischen Festivitäten weniger Musik gespielt würde. Ich werde mich nun dafür einsetzen, dass nun beim Sportfest weiterhin Helene Fischer in Endlosschleife läuft!
  • Am Samstagabend kurz ZDF eingeschaltet. Es lief “Der Quiz-Champion” mit Johannes B. Kerner, und als Promis waren Bully Herbig, Wigald Boning und Franzi van Almsick eingeladen. Große Kultur! Große Nation!
  • Festgestellt: Kein deutsches Publikum kann auf die Zwei klatschen. KEINES. Darauf bin ich stolz.
  • Bei diesem Punkt hatte ich direkt einen Ohrwurm von "Menschen Leben Tanzen Welt".

 

"Ich habe meinen Bruder ausgelacht, weil er seine Seitenspiegel am Auto mit der Deutschlandflagge beklebt hat. Kommt nie wieder vor!"

 

"In unserem Land ist Religion Kitt und nicht Keil der Gesellschaft.  Kirchliche Feiertage prägen den Rhythmus unserer Jahre. Unser Land ist christlich geprägt. Und die Grundlage dafür ist der unbedingte Vorrang des Rechts über alle religiösen Regeln im staatlichen und gesellschaftlichen Zusammenleben."

 

  • Am Sonntag nicht in der Kirche gewesen. Wie jeden Sonntag – bis jetzt!

  • Ich habe mich heimlich gefreut, dass der 1. Mai kein “stiller Feiertag” ist. Tanzverbote an katholischen Feiertagen finde ich ansonsten schwer in Ordnung, schließlich ist der unbedingte Vorrang des Rechts über alle religiösen... Moment mal!?

  • Schon wieder mit den evangelischen Schwiegereltern gestritten, weil sie so auf den Katholiken rumgehackt haben (und ich gehöre zu den “Bösen”) und nicht aufhören konnten, von Luther zu reden. Mehr Kitt!

  • Gemerkt, dass ich immer Mariä Empfängnis, Mariä Himmelfahrt und Mariä Lichtmess durcheinander bringe. Kann auch keinen einzigen Propheten auswendig. Gott, steh' mir bei!

"Für uns sind Respekt und Toleranz wichtig. Wir akzeptieren unterschiedliche Lebensformen und wer dies ablehnt, stellt sich außerhalb eines großen Konsenses."

 

  • Entweder habe ich diesen Punkt komplett falsch verstanden. Oder der Innenminister, der Sätze wie “Wir sind nicht Burka” in eine große Zeitung drucken lässt. Bestimmt ich.

 

"Wir sind aufgeklärte Patrioten. Ein aufgeklärter Patriot liebt sein Land und hasst nicht andere. Ja, wir hatten Probleme mit unserem Patriotismus. Mal wurde er zum Nationalismus, mal trauten sich viele nicht, sich zu Deutschland zu bekennen. All das ist vorbei, vor allem in der jüngeren Generation. Unsere Nationalfahne und unsere Nationalhymne sind selbstverständlicher Teil unseres Patriotismus."

 

  • Ich habe meinen Bruder ausgelacht, weil er seine Seitenspiegel am Auto mit der Deutschlandflagge beklebt hat. Kommt nie wieder vor!

  • Am Sonntag beim Familientreffen mit dem Pegida-Cousin diskutiert und mich schändlicherweise gefragt, ob “all das” wirklich so “vorbei” ist. Nun akzeptiere ich seine Haltung als selbstverständlichen Teil eines aufgeklärten Patriotismus.

  • Mich bei der Urlaubsplanung gefragt, ob ich in Schweden ein schöneres Leben hätte. Welch unfassbar unpatriotischer Gedanke!

 

"Wir sind Teil des Westens.  Die NATO schützt unsere Freiheit. Sie verbindet uns mit den USA, unserem wichtigsten außereuropäischen Freund und Partner. Als Deutsche sind wir immer auch Europäer. Deutsche Interessen sind oft am besten durch Europa zu vertreten und zu verwirklichen. Umgekehrt wird Europa ohne ein starkes Deutschland nicht gedeihen. Wir sind vielleicht das europäischste Land in Europa - kein Land hat mehr Nachbarn als Deutschland."

 

  • Gestern Abend anlässlich der Säbelrasselei von Trump gegenüber Nordkorea und dem Iran  überlegt, ob wir unserem wichtigsten außereuropäischen Freund, der gerade ein ganz klein bisschen am Rad dreht, wirklich um jeden Preis beistehen müssen.

  • Als ich das vom “Westen” gelesen habe, musste ich innerlich den “Nie ohne Seife waschen”-Spruch aufsagen, um zu wissen, wo Westen ist.

  • Die letzten drei von  mir gelesenen Artikel zu Europa betonten, wie sehr Deutschland von Europa profitiert, auch auf Kosten anderer Länder. Da ist bestimmt nichts dran.

  • Kurzes Quiz unter biodeutschen Bekannten gestartet: Wer weiß, wofür "NATO" steht? Das Ergebnis war sehr undeutsch. Antrag auf Abschiebung ist raus.

 

"Wir haben ein gemeinsames kollektives Gedächtnis für Orte und Erinnerungen. Das Brandenburger Tor und der 9. November sind zum Beispiel ein Teil solcher kollektiven Erinnerungen. Oder auch der Gewinn der Fußballweltmeisterschaften. Regionales kommt hinzu: Karneval, Volksfeste. Landsmannschaftliche Mentalitäten, die am Klang der Sprache jeder erkennt, gehören zu uns und prägen unser Land."

 

  • Trachtenträger und Marktplatz-Säufer wie am 1. Mai gehen mir manchmal hart auf die Nerven. Dabei drücken sie doch nur ihre Liebe zum Brauchtum aus!

  • Beim Wort “Landsmannschaft” musste ich an kotzende Verbindungsfritzen denken. Patriotismus in Reinform!

  • Am Samstag die bierpissenden Besucher des Münchner Frühlingsfests in meinem Innenhof verflucht. Vermutet, dass sich deren Erinnerungen stark von meinen unterscheiden. Naja, wenigstens mögen wir alle Bier, oder?

 

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