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Rap Rendezvous. Wir hören Platten mit Raptile

Einmal im Monat plaudern wir mit einem Vertreter aus dem HipHop-Kosmos über aktuelle Rap-Veröffentlichungen. Heute mit Raptile über die Neuerscheinungen von Blumentopf, Kanye West und anderen.
daniel-schieferdecker
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Um den gebürtigen Münchner Rapper Raptile war es eine ganze Zeit lang ruhig. Denn nachdem er in Deutschland mit Singles wie „Make Y’all Bounce“ feat. Xibit, „Da Unbeatables“ feat. Valezka und „Fight Back“ einige Erfolge verbuchen konnte, hat es den deutsch-äthiopischen Rapper ins HipHop-Mutterland verschlagen, von wo aus er sich musikalisch neue Möglichkeiten erarbeitet und Kontakte geknüpft hat. Zusammen mit Lionezz und Viper hat er dort die Urban-Pop-Gruppe Follow Your Instinct (Foto) gegründet, die bereits mit Bands wie den Black Eyed Peas verglichen wurde.

http://www.youtube.com/watch?v=9FR-1UUyK2g

„No Matter What They Say“

Zusammen mit Samu von Sunrise Avenue und einem Beat von Just Blaze haben sie vor kurzem die Single „No Matter What They Say“ veröffentlicht.


Aber jetzt geht es los mit dem Rap Review Rendezvous und:

Marteria, Yasha & Miss Platnum – "Lila Wolken EP"

 

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jetzt.de: Die Single „Lila Wolken“ ist direkt auf Platz 1 der deutschen Charts eingestiegen. Aus deiner Sicht verständlich oder eher überraschend?
Raptile: Die Eins ist sicherlich für alle Beteiligten überraschend gewesen. Aber das ist ein super Track, ganz hervorragend produziert! Der Erfolg ist damit absolut verdient.

Freust du dich als Rapper darüber, wenn die Szene so einen Erfolg verbuchen kann?
Ich freue mich vor allem darüber, wenn geile Musik auf den oberen Chart-Rängen steht. Und das war hier der Fall.

 

 

Wie sehr fühlst du dich überhaupt der hiesigen Szene zugehörig? Du hattest ja immer schon eine leichte Außenseiterstellung inne.
Ja, das stimmt, und diese Außenseiterstellung habe ich sicherlich immer noch – zumal ich schon seit sechs Jahren in Florida lebe und mit der deutschen Szene in dieser Zeit kaum noch etwas zu tun hatte. Mein Sound hat sich mittlerweile verändert, ist etwas poppiger geworden, und das passt heute vermutlich noch weniger zur hiesigen HipHop-Szene als früher.

Die „Lila Wolken“-EP ist in der relativ kurzen Zeit von vier Wochen entstanden. Hörst du einer Platte an, wie lange daran gearbeitet wurde?
Das ist schwierig. Es gibt aber einen hörbaren Qualitätsunterschied zwischen „Lila Wolken“ und den anderen vier Tracks auf der EP – ob deshalb aber weniger lang daran gearbeitet wurde, darüber kann ich nur spekulieren.

Klingt die EP für dich „typisch Berlin“? Kannst du als gebürtiger Münchner etwas damit anfangen?
Ob die Platte nach Berlin klingt, kann ich nicht sagen. Dafür bin ich schon zu lange aus Deutschland weg, um das beurteilen zu können. Aber eigentlich empfinde ich Berlin als viel zu vielseitig, um da so etwas wie einen typischen Berlin-Sound ausmachen zu können.


Blumentopf – "Nieder mit der Gbr"

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Im Gegensatz dazu: Wie sehr repräsentieren die Jungs vom Blumentopf den Münchner Vibe? Schon sehr. Alleine, wie die Jungs reden und auf Teilen des Albums ihr Leben als Münchner aufs Korn nehmen.

Besteht Kontakt zwischen euch?
Ja, klar. Die Jungs haben die Platte bei meinem besten Freund im Studio aufgenommen, und ich habe sie dort häufiger getroffen. Das Album war mir daher bereits bekannt.

Gibt es denn so etwas wie regionales Konkurrenzdenken oder freust du dich lediglich darüber, wenn Rapper aus deiner Stadt was reißen?
Von meiner Seite gibt es da überhaupt kein Konkurrenzdenken – zumal ich auf einer ganz anderen Baustelle unterwegs bin. Ich freue mich darüber, dass die Jungs mit der Platte Top Ten gegangen sind. Das war aber zu erwarten, weil die sich über die Jahre eine supertreue Fan-Base aufgebaut haben.

Das ist bei dir anders, oder?
Ja, leider. Ist aber logisch: Ich habe in Europa seit knapp sechs Jahren nichts mehr veröffentlicht und stattdessen versucht, mich an die amerikanischen Infrastrukturen zu gewöhnen, Leute kennenzulernen. Treue Fans bekommt man jedoch nur durch konstante Releases, und das war bei mir einfach nicht der Fall. Insofern fange ich gerade wieder bei Null an.

 


Der Albumtitel „Nieder mit der GbR“ richtet sich gegen den Umstand, dass das Leben als Berufsmusiker eben nicht nur schöne Kreativ-, sondern auch unschöne Business-Seiten hat, die man nicht überhand werden lassen darf. Wie bekommst du das Verhältnis zwischen beiden Seiten gewuppt?
Das ist für jeden Künstler schwierig, denn am Ende des Tages muss man eben auch seine Miete bezahlen können – wie in jedem anderen Job auch.

Der Track „Ich bin dann mal weg“ wurde, nicht zuletzt durch das Pohlmann-Feature, kalkuliert als Radio-Single konzipiert. Vor 20 Jahren wäre die Szene deshalb auf die Barrikaden gegangen und hätte „Ausverkauf!“ geschrien. Wie stehst du dazu?
Wichtig ist: Man darf sich von niemandem vorschreiben lassen, wie die Musik zu klingen hat. Blumentopf haben sicherlich bewusst die Features mit Pohlmann, den Sportfreunden Stiller und dem Spider-Murphy-Gang-Sänger gemacht, aber man hat eben nicht den Eindruck, dass sie sich deshalb verbogen haben – das ist das Entscheidende.




Homeboy Sandman – "First Of A Living Breed"

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Die Beats auf dem Album sind minimalistisch produziert: Ein paar Samples, ein simpler Loop, ein Beat drunter – fertig. Gefällt dir diese Reduziertheit oder magst du es lieber etwas pompöser? Ich persönlich mag es lieber etwas voller, dicker, brachialer. Wenn du, wie Homeboy Sandman, mit einer so reduzierten Instrumentierung arbeitest, musst du zumindest eine spezielle Stimme besitzen, mit der du punkten kannst – und die hat Homeboy Sandman leider nicht. Um es ganz böse zu formulieren: Ich bin beim Sandmann fast eingeschlafen. Zu der Platte habe ich überhaupt keinen Zugang gefunden.

Kannst du das konkretisieren?
Ich bin musikalisch mit Leuten wie Common, Mos Def und Talib Kweli sozialisiert worden, und mit denen kann sich der Sandman, auch fünfzehn Jahre danach, einfach nicht messen. Ich finde, mit den heutigen Möglichkeiten müsste für einen Rapper heute mehr drin sein. Da sind meine Ansprüche als Musikliebhaber einfach höher als das, was Homeboy Sandman hier abliefert. Und wenn du in Sachen Sound nicht mithalten kannst, dann musst du mich zumindest lyrisch wegballern – aber auch das hat er nicht geschafft.


Du bist Deutscher, in München aufgewachsen, hast aber immer schon auf englisch gerappt. Damit hast du dich immer den Vergleichen mit Muttersprachlern stellen müssen – ein sehr schwieriges Unterfangen, für das du immer schon viel Kritik hast einstecken müssen.
Ja, das stimmt. Ich bin immer mit Leuten wie Busta Rhymes, DMX oder Ludacris verglichen worden, und gegen die kannst du in Sachen Technik und Sprachvermögen als Deutscher natürlich nicht ankommen. Das heißt aber nicht, dass ich deswegen nicht in der Lage bin, einen besseren Song zu machen als die genannten Künstler. Das sind zwei paar Schuhe. Zumal ich als Rapper zwar auch gerne ein bisschen herumstyle und schöne Vergleiche bringen möchte, aber noch nie das Ziel hatte, der beste Rapper der Welt zu werden. Mir ging es immer in erster Linie um den Song.


Brother Ali – "Mourning In America, Dreaming in Color"

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Wie hat dir die Platte gefallen?
Brother Ali ist technisch sicherlich besser und reifer als der Sandman, aber so richtig meins ist das auch nicht. Ali kann in Sachen Beats und Technik ebenfalls nicht mit den ganz Großen mithalten. Aber „Mourning In America“ ist auf jeden Fall ein homogenes Album, das ganz angenehm zu hören ist.

Inhaltlich geht es auf dem Album vor allem um die Auseinandersetzung mit den politischen Missständen in Alis Heimatland Amerika. Gelungen?
Ich habe das Gefühl, Ali möchte in erster Linie meckern, ohne aber wirkliche Alternativen aufzuzeigen. Das ist mir zu halbherzig. Auf der einen Seite sagt er, im Leben sei alles voll schwer, auf der anderen Seite sei aber auch alles möglich. Da frage ich mich dann: Was denn nun? Entscheide dich doch mal für eine Seite.

Polit-Rap wird häufig als etwas sperrig empfunden. Wie empfindest du das auf dem Album?
Als Rapper kannst du doch sowieso nichts ändern. Bevor man darüber rappt, sollte man lieber gleich in die Politik gehen und da sein Glück versuchen. Aber ich will keinen Polit-Rap hören. Ich bin intelligent genug um zu sehen, was da vor sich geht und was nicht. Dafür brauche ich keinen Rapper, der mir das erzählt.

http://www.youtube.com/watch?v=dKHsGh-y8d8[/link] 

Dann würdest du also auch Chuck D widersprechen, der ja vor vielen Jahren mal die These aufgestellt hat, Rap wäre das CNN der schwarzen Bevölkerung Amerikas.
Bei Chuck D war das etwas anderes. Der hatte insgesamt noch mehr Power. Aber Brother Ali ist nicht gerade derjenige, der wahnsinnig viele Menschen erreicht.

Diesen Status musste sich Chuck D mit Public Enemy aber auch erst erarbeiten. Das wurde ihm ja nicht in die Wiege gelegt.
Vielleicht hast du Recht. Aber bei Public Enemy hatte das ganze ja auch noch diesen Rassismus-Aspekt, was für viele Leute in Amerika eben ein ganz konkretes Problem ist. Dadurch fühlen die sich mehr angesprochen, als wenn man nur allgemein etwas daherlabert.

Aber Brother Ali ist Moslem, der mit seinen Raps auch in Moscheen predigt. Da gibt es vielleicht keine Rassismus-Komponente, aber dafür einen religiösen Aspekt, der für viele Menschen genauso viel Relevanz hat.
Ja, mag sein. Vielleicht stecke ich in der Materie auch einfach nicht tief genug drin. Mir persönlich sagt es auf jeden Fall nicht zu. Mir fehlt da das Identifikationspotenzial.   V.A. – "Kanye West presents Good Music Cruel Summer" 

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Wie findest du die Platte?
Bombe! Die ist ich richtig gut! Kanye West hat da nur gute Leute draufgepackt. Ich bin ja zum Beispiel ein riesengroßer Fan von Pusha T, der momentan wirklich alles killt. Der war ja immer schon cool, hat sich in Sachen Delivery aber noch mal ganz krass weiterentwickelt. Auch Big Sean ist super. Kanye West ist einfach ein Genie.

Du findest du Tracks also einzeln gelungen. Wie beurteilst du die Zusammenstellung?
Top! Da steht jeder Song genau an der richtigen Stelle. Ich liebe auch diese ellenlangen Angeber-Tracks, bei denen es zu keiner Zeit darum ging, eine Radiosingle zu machen, sondern einfach nur auf die Kacke zu hauen. Das finde ich total sympathisch, gerade von jemandem wie Kanye West.

 http://www.youtube.com/watch?v=7hLEW2Eqkwo  

Und die Auswahl der Leute? Da stehen ja Street- neben vermeintlichen Conscious-Rappern.
Genau das finde ich ja so gut! Die Platte transportiert eine angenehme Mischung aus Backpack- und Gangsta-Rap. Die hat das Soundbild der Kanye-West-Alben, aber den Swagger der Gangsta-Abteilung. Und diese Kombination ist total spannend. Best of both worlds!
 


 
Raptiles aktuelle Album-Top-4:  

V.A. – "Kanye West presents Good Music Cruel Summer"
Siehe oben.  

Jay-Z & Kanye West – "Watch The Throne"
Ich habe eine Weile gebraucht, bis ich Gefallen an dem Album gefunden habe, aber irgendwann hat mich die Platte gekriegt. Ich glaube, ich bin irgendwann vom amerikanischen Radio gebrainwasht worden, wo die Album-Singles rauf- und runtergespielt wurden.  

Nicki Minaj – "Pink Friday"
Die Platte ist einfach total stimmig und ausgewogen. Jeder Song ist ein Hammer. Zudem kann Nicki Minaj singen und rappt auch noch super. Die kann sowohl geile Rap- als auch geile Pop-Nummern machen. Mehr kann man von einem Artist nicht erwarten.  

Drake – "Thank Me Later"
Der Typ ist einfach krass. Seine Songs haben alle einen wahnsinnigen Vibe und sehr gute Lyrics. Da passt alles.    

+++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++Raptiles

Alltime-Album-Top-10:  

Black Star – "Black Star"
Unglauliche Kombination: Talib Kweli and Mos Def waren zu dieser Zeit einfach unschlagbar. Da hat alles gepasst – von den Beats zu den Rhymes zu den Songs. Classic!!!

Clipse – "Lord Willin'"
Bombastisches Album. Hier besteht ebenfalls eine perfekte Chemie zwischen den MCs und auch den Produzenten. Die Neptunes hatten damals eben auch den „Incredible New Sound“.

DMX – "...And Then There Was X"
Als das Ding kam, war ich so geflasht – unglaublich. Was für eine Leidenschaft und Delivery er hat ist killer!

Bahamadia – "Kollage"
Meiner Meinung nach „the most underrated female MC in the game“. Dieses Album ist eine absolute Bombe. Ihre stimme ist Hammer und die Songs haben einen unglaublichen Vibe.

Jay Z – "Blueprint"
Dazu muss ich nicht viel sagen, oder?!

Outkast – "ATLiens"
Mit diesem Album verbinde ich eine sehr schöne Zeit in meinem Leben, die Songs haben mich damals überall hin begleitet. Outkast sind legendär und dieses Album ein absoluter Klassiker: Beats and Rhymestyles undeniable! Zu Recht eine der erfolgreichsten Gruppen weltweit.

Snoop Dogg – "Doggystyle"
Was soll man dazu sagen, ihr wisst Bescheid. Ich habe kürzlich erst mit Snoop gearbeitet und ein Video gedreht (der Song erscheint auch auf dem anstehenden „Follow Your Instinct“-Album) – er ist einfach DER BOSS, eine Ikone. Mit ihm zu arbeiten war einer der besten Tage meines Lebens!

Wu-Tang Clan – "Enter The Wu-Tang (36 Chambers)"
Mehr Underground-Sound als Wu kann man nicht machen. Trotzdem hatten alle Tracks eine Magie, die auch zum Crossover geführt hat. Ein absoluter HipHop-Meilenstein!

Redman – "Muddy Waters"
Redman ist mein absoluter Favorite-MC. Immer wenn ich damals Redman gehört habe, wollte ich selbst rappen. Für mich ist er der frühere Ludacris mit einer unglaublichen Delivery und super Humor.

Mos Def – "Black On Both Sides"
Zu diesem Zeitpunkt war Mos Def noch richtig am rappen. Und so wie er abgeht, kann fast jeder andere einpacken. Ein super Album!

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