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Auferstandene Platten

Im Gegensatz zur langsam in der Bedeutungslosigkeit verschwindenden CD steigen die Verkaufszahlen von Vinyl weiter an, die relativen Zuwachsraten liegen sogar gleichauf mit digital verkaufter Musik. Warum das einst totgeglaubte Format wieder in Fahrt kommt.
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Der wohl am wenigsten gefragte Einrichtungsgegenstand, den man seit ein paar Jahren zuhauf auf jedem Flohmarkt oder Sperrmüllverkauf findet, ist der CD-Ständer. Mit der Digitalisierung der Musik dient die CD heute höchstens noch als Zwischenlösung, um Songs von einer Festplatte auf die andere zu bekommen. Die CD-Alben, die man daheim hat, sind entweder längst digitalisiert oder dank ihrer nicht vorhandenen Haltbarkeit  nicht mehr abspielbar. Und anstatt sie in die auch nicht gerade hübschen Metallständer zu klemmen, lässt man sie lieber stapelweise in Schubladen verstauben.    

Gut, vielleicht gibt es ein paar wenige passionierte CD-Sammler, diese sind aber fast so selten wie Galapagos-Riesenschildkröten. Schallplatten hingegen scheinen als Objekt weitaus wertvoller, sind schöner anzusehen und allein das Ritual des Auflegens der Nadel mit dem folgenden Knistern macht doch einiges mehr her als das Drücken der Playtaste.  
Nach diesem analogen Erlebnis sehnen sich in den vergangenen Jahren offensichtlich wieder immer mehr Menschen, die Verkaufszahlen von Vinyl wachsen seit 2004 wieder an. Laut der Halbjahresbilanz des US-Marktforschungsunternehmens Nielsen gingen im Jahr 2012 gegenüber dem Vorjahr wieder 14% mehr Alben auf Platte über den Ladentisch, prozentual ist der Zuwachs damit genauso groß wie bei digitalen Alben. In Deutschland wurde laut dem Focus 2011 soviel Vinyl verkauft wie seit 17 Jahren nicht mehr. Zwar liegen die Zahlen noch deutlich hinter denen der CD zurück, der positive Trend überrascht aber dennoch angesichts des noch vor wenigen Jahren verkündeten Endes der Schallplatte. Bis vor kurzem wurde der Vinylmarkt im Prinzip nur von kleinen HipHop- und Techno-Labels am Leben gehalten, die sich mit ihren 12“-Singles vornehmlich an DJs wenden. Jetzt trumpfen aber auch die großen Mainstream-Firmen mit limitierten Vinyl-Editionen auf, zum Beispiel bei den neuen Alben von Musikern wie Adele oder den Ärzten.

Aber gibt es außer dem haptischen Erlebnis des Plattenauflegens und des dekorativen Faktors eigentlich auch rationale Argumente, die für den Musikgenuss vom „schwarzen Gold“ sprechen? Verehrer des Formats nennen immer wieder von dem einzigartigen Klang der Scheiben und meinen dabei gerade nicht das typische Knistern sondern ein insgesamt wärmeres, volleres Klangbild. Bei dem Übertragen eines analogen Signals auf einen digitalen Träger ginge immer ein Teil verloren, bei der mp3-Kompression noch um einiges mehr als bei einer CD. Andere wiederum argumentieren genau andersherum, der Klang digitaler Musik sei zwar vollkommen akkurat, das Vinyl aber würde dem ganzen noch ein Quäntchen an Wärme hinzugeben, der so nicht in das Ursprungsmaterial hineinproduziert werden könne.  

Von wo auch immer der Unterschied kommen mag, wer schon einmal im Club den Wechsel von einem Laptop- zu einem Vinyl-DJ bewusst gehört hat, wird einen klanglichen Qualitätsunterschied nicht leugnen können. Mal abgesehen davon, dass der Vinyl-DJ sich allein schon dadurch auszeichnet, dass er eine vorsortierte Auswahl an circa 150 Platten durch die halbe Stadt geschleppt hat und in seinem Set auf eben diese begrenzte Zahl an Tracks angewiesen ist. Der Laptop-DJ hingegen kann auf hunderte Gigabyte an Musik zurückgreifen, für die er im schlimmsten Fall noch nicht einmal Geld ausgegeben hat. Das macht ihn zwar anpassungsfähiger an die Stimmung des Abends, aber eben auch beliebiger.  

Letztendlich bleibt die Wahl des bevorzugten Tonträgers natürlich immer auch Geschmackssacke, und Menschen mit „Vinyl kills he mp3-Industry“-Shirts sind sich entweder deren Ironie bewusst oder eben absolut realitätsfern. Versteht man die Zunahme der Vinylverkäufe aber nicht nur als vorübergehende Pose vintageverliebter Großstädter, könnte man an ihr auch einen Trend zu wachsender Wertschätzung und Zahlungsbereitschaft für Musikprodukte ablesen.

Text: quentin-lichtblau - Bild: istockphoto

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