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Das Rennen der Walkman-Mutanten: Kassettenjungs im schnellen Vorlauf

Früher hörte man mit dem Walkman Musik. Heute nutzt man die Kassettenrekorder-Abspieltechnik in selbstgebauten Mini-Rennwagen und veranstaltet sagenhafte Wettrennen. Unser Autor war bei einem solchen Rennen dabei
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„Big Punisher“ fährt nicht. Ein Motorschaden, und nur noch 20 Minuten bis zum Start. Dizzi, der Konstrukteur des beeindruckenden Monster-Trucks, muss schnell ins Fahrerlager. Sieben Stunden sind Dizzi und sein Rennstall, die „Bling Riders“, von München zu diesem Rennen angereist. Eben hatte Dizzi noch angekündigt, sein „Big Punisher“ räume die Konkurrenz aus der Bahn, jetzt muss „Big Punisher“ selbst weggeräumt werden. Im Fahrerlager liegen auf langen Tischreihen Lötkolben, Schaltpläne und Heißklebepistolen. Hier wird noch lackiert, dort ein letztes Mal die Spannung der Batterien überprüft. Die Stimmung ist gut in dem dunklen Raum der Phoenix-Halle am Stadtrand von Dortmund. Wo vor wenigen Jahren noch Stahl gegossen wurde, finden jetzt Ausstellungen statt. Und heute das Rekorderrennen. Recycling-Weltrekorder Beim Rekorderrennen kämpfen Mutanten der Geräte um den Titel „Weltrekorder 2006“, die man früher zum Musikhören benutzte. Als Musik noch nicht digital gespeichert und wiedergegeben wurde, sondern auf Kassetten. Einen Walkman oder einen Ghettoblaster braucht heute kaum einer mehr, Kassetten brauchen aber einen Antrieb zum Abspielen. „Unsere Idee war: Diesen Antrieb anders zu nutzen“, sagt Axel, einer der Erfinder des Rekorderrennens. Axel und seine Partnerin Anne betreiben gemeinsam eine Design-Agentur und „weil wir neben der ganzen Arbeit auch etwas Sinnfreies machen wollten, haben wir den Rennrekorder erfunden“, erinnert er sich. So fand 2003 in München das erste Rennen statt, nach einem zweiten Rennen 2004 hat man dieses Jahr den Sprung nach Dortmund geschafft. „Das ist ja auch eine völlig logische Gedankenkette: Deutschland ist Recycling-Weltmeister, also recyceln wir auch Walkmans“, ergänzt Anne.

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An einen alten Walkman werden zwei Achsen und drei bis vier Räder geschraubt, die über die Abspul-Mechanik angetrieben werden, fertig. Fertig? Von wegen. Weil beim Rekorderrennen nicht nur die Geschwindigkeit zählt, sondern auch die „Allgemeine Grandezza“, also die Ästhetik des Gefährts und das Auftreten des Rennstalls, haben viele der 38 Rekorderrenner äußerlich nicht mehr viel mit einem Walkman zu tun. Es gibt eine rollende Weltkugel, ein rasendes Schaf und einen fahrenden Tanzschuh. Und es gibt Teams, die schon über ihr Auftreten Eindruck schaffen wollen, wie etwa die „Bling Riders“ aus München. Dizzi, Tillmann, Annita und Joki hätten bei einem Casting für die Sendung „Pimp my Tapedeck“ gute Chancen, würde es sie denn geben: Sie kommen im Stil einer Ghetto-Gang daher, in weiten Basketball-Trikots, Baggys und ganz viel „Bling“, also dicken Gold- und Silberketten, an die sie chromlackierte Kassetten gehängt haben: „Grandmaster Flash“ hat einen Ford Mustang-Motor aus Papier, „Funkmaster Flex“ enormen Anpressdruck durch Heckspoiler, „Grand Wizzard Theodor“ die Magie eines aufgeklebten Hirschgeweihs und „Big Punisher“ leider immer noch Startprobleme. Gefahren wird das Rekorderrennen in zwei Kategorien: in der „Boom-Box“Klasse für größere Kassettenrekorder und in der „Walkman“-Klasse. Auf- und Umbauten sind in unbegrenztem Maße erlaubt, doch der Antrieb der Fahrzeuge muss nach vom Rekorder kommen. Mehrere Motoren oder Energiespeicher sind verboten, lebende Tiere als Piloten auch. Und, ganz wichtig: Das Fahrzeug muss nach Erreichen des Ziels noch funktionstüchtig sein. Beim letzten Rekorderrennen ging ein raketengetriebener Rekorder im Ziel in Flammen auf. Dass das strenge Reglement notwendig ist, zeigt sich im Qualifying: Bei zwei Fahrzeugen waren zusätzliche Akkus und extraleistungsfähige Batterien eingebaut. Die müssen entfernt werden. Dizzi kann den Motorschaden von „Big Punisher“ beheben, es sind nur noch wenige Minuten bis zum ersten Rennen. Die Konstrukteure posieren mit ihren Fahrzeugen auf der Rennbahn, 150 Zuschauer und ebenso viele Pressevertreter versuchen, die Favoriten auszumachen. Zu denen zählen Nicolas und Oliver aus Aachen. Beim letzten Rekorderrennen haben sie abgeräumt: Bestnoten in der „Allgemeinen Grandezza“, schnellste Zeit. Die Studenten der Architektur und der Elektrotechnik schicken ein fahrendes Plexiglas-Gesicht mit DJ-Kopfhörern ins Rennen, „Kopfsache“ heißt es. Dann geht es los. Gefahren wird jeweils in Dreier-Ausscheidungen. Auf die Plätze. Fertig. Fast Forward! Adelheid gegen Evil Knevil Mitarbeiter von Agenturen, die in ehemaligen Ladenlokalen residieren und „was mit neuen Medien“ machen und Architektur- und Designstudenten, die ihre Rekorder gleich als Semester-Projekt verwenden, stellen die große Mehrheit der Rennställe. Außer ihnen gibt es einige Event-Touristen, die auf ihren T-Shirts auf ihre Teilnahme an anderen Sinnlos-Events wie dem „Red Bull“-Flugwettbewerb und dem „Akkuschrauber-Rennen“ verweisen. Echte Nerds aber gibt es kaum. Höchstens Mike und Christoph vom Team „K.A.u.d.v“ („Keine Ahnung und davon viel“) gehen mit Igelfrisur und randloser Brille als Bastel-Freaks durch. Ihrem giftgrünen Renner „Catch me if you can“ sieht man auch an, dass seine Konstrukteure als EDV-Techniker und KfzMechaniker wenig mit Design zu tun haben, eher aus der Techniker-Ecke kommen. Vom Rekorderrennen haben Mike und Christoph standesgemäß aus AutoBild erfahren. Während der Konstruktionsphase und heute beim Rennen begleitet sie ein Kamerateam mit einer aufgeregten Moderatorin von RTL. Aufgeregt sind auch Christoph und Mike nach ihrem Rennen. Sie haben es gefilmt und bei der Videoanalyse bemerkt, dass einer der Gegner seinen Rekorder am Start angeschubst hat. „Die müssen disqualifiziert werden!“ fordern sie. Das Team mit der wohl geballtesten technischen Kompetenz ist der Rennstall des Dübel- und Jungs-Spielzeug-Fabrikanten „Fischertechnik“. Hier treten Azubis der Mechatronik, Informatik, Industrie- und Fahrzeugmechanik im ersten Lehrjahr an. Ihre Renner „Adelheid“ eins bis drei sind im klassischen Fischertechnik-Design gehalten, können aber bei der Jury rund um die sonnenbebrillte Reinkarnation von „Evil Knevil“ nicht so recht punkten. Die Jury sitzt auf einem Podium am Ende der 20 Meter langen und 4,5 Meter breiten Rennbahn und vergibt nach subjektivem Gutdünken die Grandezza-Punkte. Ihr haben es vor allem der fahrende Tanzschuh, die „SträtchDoseMäx“ – der einzige Rekorder, der noch Musik abspielen kann und sogar Scratch-fähig ist – und der Propellergetriebene „KISD FF3“ angetan. Die Renner fahren, das Ziellinien-Girl schwenkt die schwarz-weiß-karierte Fahne und der bemitleidenswerte Moderator muss die Grandezza-Wertungen der Jury im Kopf zusammenrechnen, bevor sie nach einem komplizierten Schlüssel mit der Zeit zu einer Gesamtnote verrechnet werden. Nach zwölf Renndurchläufen steht fest: „KISD FF1“ aus dem Rennstall „KISD FAST FORWARD“ ist mit einer Zeit von sehr schnellen 6,40 Sekunden und 38 Grandezzapunkten „Weltrekorder 2006“, auf dem zweiten Platz landet „Renner S“ aus dem einzigen Frauen-Rennstall „Studio R“. Die Grandezza-Wertung geht an das Propeller-Mobil, den Speed-Rekord knackt „Kabatronix“, die „Boom-Box“-Klasse hat Tillmann von den „Bling Riders“ mit seinem „Funk Master Flex“ gewonnen. Und Dizzis „Big Punisher“? Ist mit einem Achsenbruch ausgeschieden. Einen halben Meter nach der Startlinie. Foto: Dominik Asbach

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