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Düstres Bild vom Lehrer-Studium: Für sehr viele ist es eine Notlösung

Viele Lehramtsstudenten studieren ihr Fach nur aus Verlegenheit. Eine Studie aus Frankfurt zeichnet ein verheerendes Bild von der Motivation, auf ein Lehramt hin zu studieren
peter-wagner

Lehrer haben es nicht leicht. Sie werden von allen Seiten mit Anforderungen bestürmt, sollen Schülern die Erziehung angedeihen lassen, die sie im Elternhaus nicht bekommen haben und sollen auch noch helfen, sie zu guten Schülern zu machen. Damit Deutschland beim nächsten PISA-Test international besser abschneidet. Die Anforderungen sind groß, kein Zweifel, und immer wieder ist vom Burn-Out die Rede, von der Kapitulation engagierter Lehrer vor ihrem eigenen Beruf. Forscher aus Frankfurt stellen nun mit einer Studie in Frage, ob man bei manchen Lehrern überhaupt von Burn-Out sprechen könne. „Die über besondere Belastungen Klagenden haben vermutlich nie ‚gebrannt’“ sagt Bildungsforscher Udo Rauin von der Goethe-Universität in Frankfurt. Er hat mit seinem Team 1.100 Lehrer von Pädagogischen Hochschulen in Baden-Württemberg zwölf Jahre lang vom Studium in den Beruf begleitet und die Ergebnisse nun in dem Wissenschaftsmagazin „Forschung Frankfurt“ veröffentlicht. Eines der Ergebnisse: Wer in Deutschland studiert, weil er Lehrer werden will, macht das sehr oft aus Verlegenheit.

Der Studie zufolge waren 60 Prozent all jener, die im Beruf über die Belastungen klagen schon im Studium überfordert. Im Vergleich dazu haben sich von denen, die im Studium schon voll bei der Sache waren später nur 10 Prozent über die Job-Belastungen mokiert. Andere Prozentzahlen aus dem Studienergebnis machen noch klarer, dass die Ausbildung zu einem der für die Gesellschaft wichtigsten Jobs oftmals Abiturienten angehen, die keine bessere Idee von ihrer Zukunft haben: * 25 Prozent aller Studienanfänger, die in der Studie befragt wurden, gaben an, das Studium sei eine Notlösung. Sie wollten eigentlich nicht wirklich Lehrer werden. Die Hälfte dieser Gruppe studierte trotzdem weiter. * 27 Prozent der Befragten gaben sich zum Beispiel selbst schlechte Noten in Fragen von Aufgeschlossenheit gegenüber anderen Menschen, Engagement oder beruflicher Motivation. Trotzdem hielten sie an ihrem Berufsziel fest. * Über 50 Prozent der Studenten gaben an, dass a) der Wunsch, in der Nähe des Heimatortes studieren und später arbeiten zu können ihre Entscheidung beeinflusst habe; oder dass b) die Aussicht auf einen sicheren Arbeitsplatz und ein überschaubares Studium bei der Studienwahl eine Rolle spielte. Eine große Rolle bei den Motiven spielten auch sehr eigennützige Interessen. „Etwas überspitzt könnte man formulieren“, so Professor Rauin, „nicht nur geborene Erzieher drängen ins Lehramt, sondern oft auch Pragmatiker oder Hedonisten.“ Geringe Anforderungen im Studium und damit mehr Zeit für persönliche Interessen sind nach den Ergebnissen von Rauin und seinem Team auch wichtig bei der Berufswahl. Damit verknüpft ist die Erkenntnis, dass bei etwa 60 Prozent aller Lehramtsstudenten der Abischnitt im unteren Drittel liegt. Bequem, wenig engagiert, Lehramtsstudent aus Verlegenheit – die Studie der Frankfurter Bildungsforscher zeichnet ein düstres Bild, das im besonderen den Zustand bei den Studenten für das Lehramt an Haupt- und Realschulen skizziere. „Dieser Bereich wird häufig als ein Verlegenheitsstudium gewählt, weil man bestimmte andere Studiengänge nicht wählen konnte“, so Rauin. Ursachen für diese Ergebnisse gibt es freilich viele. Viele Schüler glauben, keinen Beruf so gut zu kennen wie den des Lehrers – sie haben ihn schließlich 13 Jahre live erlebt. Eventuell ein Trugschluss: Viele haben eine falsche Idee vom Lehrerberuf, weshalb Experten längere Praxisphasen schon zu Beginn des Studiums fordern, um die eventuell absehbare Frustration nicht auf den Berufsstart zu verschieben. Darüber hinaus müsse wohl die Beratung besser werden. Forscher von der Universität Potsdam haben deshalb schon einen Fragebogen entwickelt ("Fit für den Lehrerberuf?!"), mit dem jeder seine Motivation testen kann. Echte Optimisten träumen davon, dass der Job eines Lehrers dereinst so angesehen ist wie vielleicht der Beruf eines Juristen oder eines Mediziners. Die Idee dahinter: Nur die besten und engagiertesten eines Jahrgangs sollen in die Lehrerausbildung einsteigen dürfen. Um schließlich an einen Platz zu gelangen, der vielleicht der wichtigste Platz überhaupt in einer Gesellschaft ist: der Platz vor der Tafel und vor der Schulklasse.

Text: peter-wagner - Foto: dpa

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