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Echtes Geld für falsche Waffen

Videospiele sollen realistisch wirken, darum kommen darin Produkte vor, die tatsächlich existieren - zum Beispiel Waffen. Die Waffenhersteller lassen sich das teuer bezahlen. Und beeinflussen teils sogar die Handlung der Spiele.
sebastian-witte

Pixel-Özil und Pixel-Müller rennen über den Pixelplatz Richtung Polygon-Tor. Müller schießt, trifft und programmierter Jubel bricht aus. Die Spieler sehen dabei zwar etwas unbeholfen aus, aber immerhin tragen sie die Namen ihrer realen Vorbilder. Dadurch wirkt das Videospiel "FIFA 14" realistischer. Das wissen sowohl die Entwickler als auch DFB und FIFA, die Lizenzen an die Spiele-Designer verkaufen, damit sie Müller und Co. offiziell in ihrem Spiel nennen dürfen.

Bei Sport- oder Autorentiteln sind diese Lizenz-Abmachungen ein offenes Geheimnis und der Käufer im Laden weiß, dass ein Teil seines Geldes bei der FIFA landet. Aber was passiert, wenn der Gamer sich für ein Militär-Spiel wie "Call Of Duty" oder "Battlefield" entscheidet? Hier tragen Panzer, Hubschrauber und Pistolen auch authentische Bezeichnungen. Unterstützt man Waffenfirmen, wenn man diese Spiele kauft?

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Wer Egoshooter spielt, schießt oft mit Waffen, die es wirklich gibt - und hilft womöglich, sie zu finanzieren.

Michael Schulze von Glaßer, 27, sagt: ja. Der Student der Politikwissenschaft hat ein Buch geschrieben, in dem er sich mit der Zusammenarbeit von Waffen- und Spieleherstellern beschäftigt: "Das virtuelle Schlachtfeld – Videospiele, Militär und Rüstungsindustrie" ist im vergangenen März erschienen. Schulze von Glaßer erklärt, dass viele Rüstungsfirmen sich einschalten, sobald ihre Produkte in Games auftauchen: "Bei 'Call of Duty' oder 'Battlefield' kommen viele Waffen vor, die es wirklich gibt. Da sagen einige Firmen: 'Hey, wenn ihr diese Waffe nachbilden wollt, dann müsst ihr uns dafür Lizenz-Gebühren zahlen.' Anderen Firmen ist es egal, wenn ihre Waffen virtuell auftauchen – der Hersteller des Leopard 2-Panzers, der zum Beispiel in 'Armored Warfare' auftaucht, duldet das zum Beispiel einfach und will vielleicht auch nichts mit Ego-Shootern zu tun haben."

Waffenhersteller haben ein Recht auf Lizenzgebühren

Die Hersteller haben grundsätzlich ein Recht darauf, Ansprüche zu erheben. Die Bezeichnungen für Fahrzeuge, Geräte und Waffen sind genauso geschützt wie die Firmennamen und die Formen der jeweiligen Modelle. Wenn die Programmierer also Namen, Formen und Marken einfach übernehmen, kann die Rüstungsindustrie auf Unterlassung oder Schadensersatz klagen, erklärt Anwalt und Medienrecht-Spezialist Boris Rothe: "Man prüft hier zum Beispiel das Urheberrecht, das Wettbewerbsrecht oder Markenrecht. Grundsätzlich darf man nicht alles mit dem Verweis auf das Recht auf freie Meinungsäußerung benutzen oder sich immer auf die Zitierfreiheit berufen." Das gilt für alle Medien und eben auch für Videospiele. "Wenn es um's Geld geht, muss der Hersteller natürlich erstmal beweisen, dass er tatsächlich Verluste gemacht hat, weil er in einem Spiel genannt wurde." Da das nicht so leicht ist, gibt es auch andere Arten sich zu einigen.

Generell schweigen alle Seiten darüber, ob und wieviel Geld für die Lizenzen gezahlt wird. Schulze von Glaßer hat im Zuge seiner Recherche bei Spiele- und Waffenherstellern angefragt, erhielt aber nur vom Leopard 2-Hersteller Krauss-Maffei Wegmann eine Antwort. Alle anderen reagierten gar nicht oder mit der Nachricht, sich nicht äußern zu wollen.

Die Hersteller entscheiden, wer mit ihren Waffen schießt - auch im Videospiel

Doch auch wenn kein Geld fließt, arbeiten die beiden Industrien oft eng zusammen. Anders ist es nicht zu erklären, dass zum Beispiel in "Call of Duty – Black Ops 2" den Waffenherstellern Remington Arms Company Inc. oder Barrett Firearms Manufacturing im Abspann gedankt wird. Wofür sich die Programmierer genau bedanken bleibt unklar, allerdings ist im Fall von Remington bekannt, dass dieser Hersteller auf Lizenzgebühren besteht. "Hier ist es sehr wahrscheinlich, dass Remington für die Lizensierung Geld bekommen hat“, sagt Schulze von Glaßer. Zu einer inoffiziellen Übereinkunft kam es in einem Fall aus dem Jahr 2012 in den USA. Die Rüstungsfirma Bell hatte zunächst geklagt, weil im Spiel "Battlefield 3" Hubschrauber  herumflogen, die Bell so tatsächlich produziert. Der Spieledesigner EA hatte keine Lizenz für diese Modelle und so kam es fast zum Prozess. Eine Einigung zwischen Bell und EA gab es dann außerhalb des Gerichtssaals. Wie die Einigung hier aussieht, ist nicht bekannt. Klar ist nur, dass die Bell-Hubschrauber weiter durch die virtuelle Welt von "Battlefield 3" gleiten und auch in "Battlefield 4" wieder auftauchen.

Aber die Waffenindustrie findet anscheinend auch abseits von Lizenzgebühren ihre Wege, Einfluss auf die Spielefirmen auszuüben. "Es gab wohl auch den Fall, dass sich Waffenhersteller haben zusichern lassen, dass ihre Produkte in der virtuellen Welt nicht von den bösen Gegnern verwenden werden können. Es sollen nur die 'Guten' damit schießen können", sagt Schulze von Glaßer. Dass er in seinen Aussagen so vage bleibt, liegt daran, dass diese Deals nicht offziell ist. Schulze von Glaßer selbst hat die Information über einen solchen Deal auf einer Messe von einem Spielentwickler bekommen, der nicht namentlich genannt werden möchte. In einem Podcast erzählte ihm der Spiele-Journalist Daniel Raumer von einer Abmachung zwischen dem Waffengersteller Heckler & Koch und den Entwicklern des Spiels "Medal of Honor". Der Entwickler Greg Goodrich äußerte Raumer gegenüber, man habe vertraglich zusichern müssen, dass im Spiel nur die "Good Guys" mit den Waffen schießen, die Modellen von Heckler & Koch nachempfunden sind (nachzuhören ab Minute 41).

Den Rüstungsfirmen geht es also wahrscheinlich um mehr als nur um eine Bezahlung, die ihnen rechtmäßig ja zusteht. Sie wollen in die Spielweise und Handlung von Titeln eingreifen, um Werbung für sich zu machen oder um ihre Industrie in ein gutes Licht zu rücken. In solchen Fällen werden Videospiele zum Politikum und der Spieler kann mit Hilfe von echten Produkt- und Firmennamen beeinflusst werden.

Vielen Spielern ist das wahrscheinlich gar nicht bewusst. Schulze von Glaßer wünscht sich darum mehr Transparenz und Aufklärung: "Im Sinne des Verbraucherschutzes sollte zumindest offengelegt werden, welche Firmen mitverdienen, wenn ich im Laden so ein Spiel kaufe. Die Videospielfirmen tragen da eine große Verantwortung." Diese Vereinbarungen transparent zu machen, wäre aber vermutlich nicht im Sinne der Spiele- und der Waffenindustrie. So bekommt das virtuelle Nachladen und Schießen schnell einen sehr realistischen Beigeschmack.

Text: sebastian-witte - Foto: getty images

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