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Glück in Schwarz-Rot-Gold

Daniel und Gina haben eine Kampagne gestartet: Nach dem Vorbild des Landes Bhutan wünschen sie sich ein Ministerium für Glück und Wohlbefinden. Die Aktion stößt auf Zustimmung aber ob Glück ein sinnvolles Politikziel sein kann, ist fraglich.
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Es sieht fast wie Zufall aus: Eine Gruppe junger Menschen findet sich auf dem Berliner Alexanderplatz ein. Sie packen rote Decken aus, Äpfel, Kuchen, jemand hat eine Ukulele mitgebracht. Ein Picknick mitten auf dem Alex. Was auf den ersten Blick wie ein etwas ungewöhnlicher Imbiss mit Freunden aussieht, ist in Wahrheit eine politische Aktion. Organisator: Das Ministerium für Glück und Wohlbefinden.

Ein Glücksministerium? Gibt’s nicht? Die Homepage sieht jedenfalls täuschend echt aus: mit Bundesadler und Nationalfarben.


Gina Schöler und Daniel Clarens 

Hinter der Aktion und der Website stecken die Mannheimer Studenten Daniel Clarens und Gina Schöler. Für ihre Masterarbeit in Kommunikationsdesign haben die 26-Jährigen eine Kampagne entworfen. Ihre Botschaft: Die Politik soll sich mehr um das Glück der Menschen kümmern. Im Moment, sagen Daniel und Gina, orientiere sich die Politik nur an einem Faktor: dem Bruttoinlandsprodukt. Doch diese Zahl greift nicht weit genug – und sage vor allem wenig über das Wohlbefinden der Menschen aus. „Durch die Flutkatastrophe wird das BIP zum Beispiel ansteigen“, sagt Gina. Berufsgruppen wie Maler und Installateure verdienen am Wiederaufbau. „Aber das Befinden der Menschen wird dadurch nicht besser. Darüber muss man diskutieren.“

Sie wollen auch den Bürgern zeigen, dass nicht nur wirtschaftlicher Erfolg glücklich macht. Sondern zum Beispiel ein Picknick mit Freunden. „Wir wollten ein Zeichen setzen“, sagt Daniel Clarens. Gerade zur Mittagszeit sei Berlin sehr hektisch, niemand nehme sich Zeit für ein gutes Essen oder einen Moment der Ruhe. „Wir wollten sie daran erinnern, sich auf das Wichtige zu besinnen“, sagt Daniel.

Das Picknick ist nicht die einzige Aktion der Studenten. Sie haben eine Kinovorführung zum Thema Glück organisiert und an Gymnasien Workshops gegeben. Auf ihrer Facebook-Seite bitten sie die User um „Glücksgeschichten“. Aus den Antworten erhoffen Clarens und Schöler sich Aufschluss: Was macht die Menschen glücklich? Und wie könnte die Politik ihnen dabei helfen?

Die Glücksforschung arbeitet mit ähnlichen Methoden: Zufällig ausgewählte Personen werden nach ihrem subjektiven Wohlbefinden befragt. In Staaten wie der Schweiz oder Dänemark sind die Bürger Studien zufolge besonders zufrieden. 

Das Vorbild der Studenten ist aber das Land Bhutan. Das Himalaya-Land fragt seine Bürger regelmäßig nach ihrem Glück, eine Kommission unterzieht wirtschaftliche Projekte einem „Glücks-Check“. Schadet ein Bauvorhaben beispielsweise zu sehr der Umwelt, wird es verworfen – wirtschaftlicher Nutzen hin oder her.

Auch bei ihren Umfragen, so Daniel und Gina, seien Umweltschutz und Nachhaltigkeit zentrale Themen gewesen. Konsum sei den meisten gar nicht so wichtig – vielmehr sehnen sie sich nach mehr Freizeit. „Viele Schüler haben sich zum Beispiel eine Rückkehr zu G9 gewünscht“, sagt Gina. „Ihnen fehlt Zeit für Sport, für Natur, für ein Miteinander.“

Ob nun mit Glücksministerium oder ohne – in der jungen Generation tue sich etwas, sagt die Kommunikationsdesignerin. Für sie ist das Thema mehr als nur eine Masterarbeit: Die Frage, wie ihre Zukunft einmal aussehen wird, beschäftigt sie. „Wir wollen nicht mehr leben, um zu arbeiten“. Und deshalb werde sich zwangläufig etwas ändern, früher oder später. Ihre Generation - viele nennen sie Generation Y -  will weniger konsumieren und mehr genießen. Sie wünscht sich mehr Zeit für die Familie und weniger Arbeit. So fühlt sich vielleicht der Einzelne besser – aber macht das auch eine Gesellschaft glücklicher? Natürlich, finden Daniel und Gina. „Wir arbeiten von innen nach außen: Wenn der Einzelne glücklich ist, strahlt das auch auf die Gesellschaft.“


Doch so einfach ist es nicht. Eine Studie zeigt, dass das Gemeinwohl vor allem durch eines bedingt ist: Gleichheit. Individuelles Wohlbefinden führt in einem hochindustriellen Land wie Deutschland aber nicht zwangsläufig zu mehr Gerechtigkeit. Beim Glücksministerium steht es trotzdem im Vordergrund.

Gina muss zugeben, dass das Glücksministerium sich nicht bemüht hat, alle sozialen Schichten zu erreichen. Ob Work-Life-Balance für eine alleinerziehende Mutter mit Hartz IV ebenso wichtig ist wie für einen studierten Mittzwanziger? Ob für einen Jugendlichen aus ärmeren Verhältnissen ein iPhone nicht auch eine Art Glück wäre? Gerade für Menschen aus niedrigeren Schichten ist Konsum wichtig, um soziale Benachteiligung zu kompensieren. Doch diese Menschen wurden für die Masterarbeit nicht explizit ihrem Glück befragt.

Ob Glück ein sinnvolles Politikziel sein kann, ist ohnehin fraglich. So ist nicht jede Maßnahme, die glücklich macht, auch politisch sinnvoll. Öffentliche Beschäftigungsmaßnahmen führen beispielsweise dazu, dass mehr Menschen Arbeit haben und zufriedener sind. Sie blähen einen Staatsapparat aber auf und kosten den Steuerzahler Geld. Das reine Glück als politische Leitlinie kann auch ökonomischer Unsinn sein.

Daniel und Gina geht es indes nicht darum, das BIP abzuschaffen. „Wir möchten auch keine Zwangsbeglückung“, sagt Gina. Den Studenten geht es erst einmal darum, eine Diskussion anzustoßen. Und was bedeutet für die beiden Glück? „Mich macht glücklich, eine Beschäftigung zu haben, die mich erfüllt“, sagt Gina. Das Projekt „Ministerium für Glück und Wohlbefinden“ weiterzuführen – das würde sie glücklich machen.

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