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Mehr Farbe für Türken

Wenn in Deutschland über Türken berichtet wird, jagt oft ein Klischee das andere. Zwei Studenten aus Dortmund wollen das ändern - mit einem eigenen Magazin.
hakan-tanriverdi

Manchmal wird Melisa unsichtbar. Wie neulich im Bus: Sie saß vorne, sagt sie, las ein Buch, wartete auf ihre Haltestelle. Weiter hinten waren ein paar türkische Jugendliche, ihre Musik plärrte aus dem Smartphone durch den gesamten Bus. "In solchen Situationen werde ich nicht als Türkin wahrgenommen", sagt Melisa. Die Türken in diesem Bus, das sind die Lauten, die Auffälligen, auf keinen Fall aber sie; sie wird als Türkin unsichtbar. Melisa kennt das bereits aus unzähligen Gesprächen, die sie geführt hat: "Da heißt es dann immer, 'Ach krass, du bist Türkin?!' Ich fand das immer sehr nervig, weil ich mich frage: Was hast du denn bitte für Klischeebilder im Kopf?" Jetzt, hier im Bus, mit dem Klischee auf den letzten Plätzen, weiß sie, dass sie nur schwer dagegen ankommt - und dass sie trotzdem etwas dagegen unternehmen will. Dass sie sichtbar bleiben will.   

Die 24-Jährige  studiert in Dortmund Grafikdesign, und widmet diesem Thema ihre Bachelor-Arbeit. „Renk Magazin“ nennt sie die Arbeit und stellt die Homepage online. Ömer, ein Freund eines Freundes, schreibt sie an, ist begeistert von der Idee und beschließt, daraus zusammen mit Melisa ein Magazin zu produzieren. Darin sollen die Türken nicht länger als „Klischeekeulen“ wahrgenommen werden, wie Ömer es nennt.  Renk ist türkisch und heißt übersetzt „Farbe“. Und diese Farbe fehlt bisher in der Berichterstattung über Türken in Deutschland. Nicht nur die lauten hinten im Bus sind Türken, sondern eben auch Leute wie Melisa.    



Wenn in Deutschland über Türken berichtet wird, geschehe das in einem immergleichen Raster, durch eine Aneinanderreihung an Klischees. Davon wollen sie sich verabschieden, schreiben sie auf ihrer Homepage. Dort sind auch sieben Poster zu sehen, auf den meisten steht eine Frage. Die Poster deuten an, in welche Richtung sich das Magazin entwickelt, dessen erste gedruckte Ausgabe 170 Seiten dick werden und Ende des Jahres erscheinen soll. 

Eines der renk-Posterdesigns. Melisas Antwort auf die Frage lautet übrigens: "Ich steh' auf Kartoffeln! Also Pommes sind ganz, ganz groß bei mir, es gibt nichts über Pommes."

"Deutsche Medien", sagt Ömer, "sprechen vor allem über Kopftücher, die Kurden-Problematik, Erdogan oder Integration. Das war's!" Türkische Filmemacher, Fotografen, Künstler, Journalisten, Grafikdesigner, die ganze Vielfalt fiele komplett raus, würde nicht gezeigt und somit zur Ausnahme degradiert. "Aber diese Menschen haben alle schöne und interessante Geschichten", sagt Ömer. Diese sollen auf "renk." gezeigt und vorgestellt werden, nicht zuletzt deswegen nennen sie ihr Heft in der Unterzeile auch "Magazin zur Aufklärung deutsch-türkischer Ausnahmeverhältnisse".   

Sowohl sie als auch Ömer haben in ihrem Studium wenige türkische Kommilitonen kennengelernt. Dabei sei bei Melisa der reflexartig der Gedanke entstanden, dass sie selbst eine Ausnahme sei, eine Türkin, die Grafikdesign studiert. Ömer, selbst Mediengestalter, widerspricht: "Ich würde meine Ausbildung nie an die große Glocke hängen: 'Ein Türke, der Film studiert!' Wieso denn nicht? Kann doch sein!"  

Ausnahme – das ist der zentrale Begriff für die beiden, gerade weil er für sie so schwer zu fassen ist. Sie fühlen sich als Ausnahmen, sie werden zu Ausnahmen gemacht. Die Themen, die in ihrem Magazin behandelt werden sollen, sind per Definition "Ausnahmeverhältnisse", was im Endeffekt wiederum heißt, dass sie zu Recht unsichtbar werden im Bus, eben weil sie die Minderheit der Minderheit sind. "Aber wir haben uns umgeschaut", so Melisa "und wir können sagen: Wir sind viel mehr, als ihr denkt." Bei näherer Betrachtung könne man nicht mehr von Ausnahmen sprechen, sondern von einer "neuen Normalität", sagt die Grafikdesignerin. Denn die Frage nach Integration stelle sich für Melisa und Ömer überhaupt nicht, sie seien nicht hin- und hergerissen zwischen der Türkei und Deutschland. "Wenn, dann müsste man uns in die Türkei integrieren".   

Die Homepage ist minimalistisch im Design, reduziert auf eine zentrale Aussage in den Postern und einen kurzen Begleittext. "Das gab es so noch nicht", sagt Ömer, "dieses Thema so ästhetisch schön aufbereitet". Normalerweise seien Projekte, in denen es um Integration geht, vollgekleistert mit ellenlangen Texten, die unlesbar gelayoutet sind und auf deren Homepages sich immer irgendwo eine Fahne von Deutschland und der Türkei überkreuzen würden.  

Momentan läuft ein "Call for Entries", wie es heißt. Die potentielle Leserschaft solle Ideen vorschlagen, die ins Heft passen würden. Thematisch sei alles erlaubt, so lange es an einem Punkt etwas mit türkischem Leben zu tun habe. Das können auch Foto-Arbeiten eines Deutschen über Istanbul seien, sagt Ömer. Zusammen mit Melisa hetzt er derweil von Meeting zu Meeting: Verlage überlegen, das Magazin zu publizieren.  Ein Magazin wie „renk.“ gibt es derzeit nicht zu kaufen.       


Text: hakan-tanriverdi - Fotos: Frank Miller

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