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Mein Name kostet mehr als dein Auto

Eine Schweizer Firma erfindet Baby-Namen und verlangt dafür 28.000 Euro. Ein Irrsinn? Eigentlich nur logisch.
kathrin-hollmer

Ein Hunde-Leckerli, das bewegliche Gelenke verspricht, haben sie „Actiflex+“ genannt. Ein edles Mineralwasser heißt jetzt „edelvia“. Und wer in der Schweizer Gemeinde Sisseln ins Schwimmbad will, der geht ins „Sissila“.

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Das ist das Geschäft der Schweizer Namensagentur Erfolgswelle. Deren Texter denken sich Namen für Produkte und Marken aus – und für alles andere, was ihre Kunden sonst noch so benannt haben möchten. Seit Jahresbeginn auch für Kinder.

28.000 Euro für einen einzigartigen Namen

Umgerechnet etwa 28.000 Euro verlangt die Agentur für den Babynamen-Service. Verrückt? Keineswegs, findet Marc Hauser, der Inhaber von Erfolgswelle: „Das ist genauso viel wie für eine internationale Markennamensfindung.“ Dafür bekomme der Kunde einen Namen mit „Wohlklang und Rhythmus“, den noch kein anderes Kind trägt, der mit dem Familiennamen harmoniert und auf den kulturellen Hintergrund der Familie abgestimmt ist, samt Herleitung und Geschichte des Namens.

„Wir entwickeln eine glaubwürdige neue Geschichte und Mythologie rund um den neuen Namen“, verspricht die Webseite von Erfolgswelle. Dafür würden Teile von bestehenden Worten benutzt. „Wenn eine Familie französische Wurzeln hat, könnte ‚Sol’, vom französischen Wort soleil für Sonne im Namen vorkommen“, sagt Marc Hauser. „Das kann auf ein sonniges Gemüt hindeuten.“

Ein Kreativ-Team aus 31 Angestellten – 13 Texter, vier Historiker, zwölf Übersetzer und zwei Marken-Anwälte – tüftelt gemeinsam am neuen Namen. Dafür brauchen sie etwa 100 Arbeitsstunden und insgesamt vier bis sechs Wochen. Die Texter denken sich Namensvorschläge aus, die Historiker prüfen, ob die Namen schon einmal negativ besetzt waren, die Übersetzer recherchieren ihre Bedeutung in den zwölf meistgesprochenen Sprachen und die Anwälte stellen sicher, dass kein Produkt und keine Marke den Namen trägt. Falls die Eltern das möchten, wird auch noch die Meinung eines Testpublikums eingeholt.

Nur ein PR-Gag?

31 Menschen, vier Historiker, anderthalb Monate Arbeit – ernsthaft? Das Prozedere klingt nicht nur übertrieben aufwändig, sondern riecht auch ein bisschen nach einem PR-Gag. Doch am Telefon versichert Hauser durchaus glaubhaft, dass die Idee ernst gemeint sei. Und auch die Webseite wirkt nicht so, als sei sie über Nacht programmiert worden.

Eines hat Erfolgswelle auf jeden Fall schon erreicht: internationale Aufmerksamkeit. Buzzfeed hat berichtet, ebenso die Huffington Post, CNBC oder USA Today. Der Tenor ist immer der gleiche: „$32.000, WTF!?“. Unter den Artikeln empören sich die Kommentatoren über das absurd hohe Honorar, und wenig überraschend verbreitet sich die Geschichte in sozialen Medien.

Dabei ist es doch eigentlich nur logisch, dass reiche Menschen viel Geld für noch nie dagewesen Babynamen ausgeben. Längst ist Monty Pythons „Wir sind alle Individuen!“-Satire aus „Life of Brian“ Realität geworden; jede und jeder will heutzutage möglichst einzigartig sein. Wer so denkt, kann wohl tatsächlich das Gefühl entwickeln, mit einer Emma oder einem Ben im Kinderwagen (das waren 2014 die beliebtesten Namen), in der Masse unterzugehen. Kindernamen als Statussymbol für die Namensgeber, also die Eltern? Nach maßgeschneiderten Schuhen und sonderangefertigten Regalen ist der eigens designte Kindername doch kein sehr großer Schritt mehr.

Mein Kind darf nicht Nutella heißen

„Eltern geben ihren Kindern immer umständlichere Namen“, sagt Hauser. „Manche nennen ihr Kind so wie Prominente ihre Babys nennen, oder nach Produkten.“ In Frankreich hat ein Gericht gerade einem Elternpaar verboten, ihr Kind Nutella zu nennen. Eigentlich dürfen französische Eltern ihre Kinder seit rund 20 Jahren nennen wie sie möchten – davor gab es eine feste Liste, aus der man auswählen konnte. Doch Nutella verstoße gegen die Interessen des Kindes, weil er Spott auf sich ziehen könne. Statt Nutella heißt das Kind auf Beschluss der Richter nun Ella.

Rechtlich spricht theoretisch nichts gegen Fantasienamen, „solange das Geschlecht zu erkennen ist, der Name kein Fußballverein oder Gegenstand, also im Wesentlichen ein Name ist, und dem Kind nicht schadet“, sagt eine Sprecherin des Innenministeriums, das für das Namensrecht zuständig ist. Das sei oft „Abwägungssache“.

Das Problem: Ein Personenname lässt sich nicht schützen

Erfolgswelle bietet den Service erst seit ein paar Wochen an, darum kann die Agentur noch keine Beispielnamen nennen. Bislang habe es „eine Handvoll“ Anfragen aus den USA, Südkorea und Pakistan gegeben. Die ersten Paare wollen mit dem Namen nicht in die Medien. Verständlich, es wäre auch ärgerlich, wenn den teuer erkauften Namen gleich jemand kopiert. Im Gegensatz zu Markennamen kann man Personennamen nämlich nicht schützen. Hauser sucht darum noch ein Paar, das in die Medien möchte und dafür das Honorar erstattet bekommt.

„Der Ruf nach Einzigartigkeit ist heute so groß, nur beim Namen nicht, da wollen wir so heißen wie Zehntausende andere“, sagt Marc Hauser und zitiert den britischen Dichter Edward Young, der schrieb: „Wir werden als Originale geboren, sterben aber als Kopien.“

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