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Produktbiografie: Meine Praktika in den Medien

Zu einer Biografie gehören nicht nur Schulabschlüsse und Wohnorte, sondern auch Produkte, Frisuren und Moden. Und natürlich Praktika. Heute erzählt Wlada Kolosowa von ihren Versuchen bei Zeitung & Co.
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1. Lokalzeitung Zehnte Klasse, Pflichtpraktikum, eine Woche lang. Außer Kathrin, die schon in der Grundschule wusste, dass sie Zahnmedizin studieren will, hatte eigentlich niemand einen Zukunftsplan. Dafür hatten die Meisten Verwandte mit einem Betrieb in perspektivträchtigem Berufsfeld. Ich nicht. Besonders ausgeprägte Neigungen hatte ich auch keine, außer einer Einsminus in Deutsch. In einer Stadt mit nur einer Straßenbahnlinie gab es für solche Talente nur einen Weg – die Lokalzeitung. Die Redakteure freuten sich, dass endlich „frischer Wind“ im Hause weht, nannten mich ständig „flott“ und schenkten „Deutsch für Profis“ von Wolf Schneider. Entgegen aller Logik entpuppten sich die ersten Journalisten, die ich traf, als die gemütlichsten Menschen der Welt – fast schon bis zur Muffigkeit. Sie sahen ziemlich wurzlig aus und redeten einander mit Du plus Nachname an. Weil die Sekretärin Hexenschuss hatte, war die Luft im Großraumbüro überhitzt und roch immer nach Blumenkohl aus der Cafeteria einen Stockwerk tiefer. Das Surren der Würfel-Bildschirme lullte einen durch den Tag und wurde allein von kollegialen Neckereien unterbrochen. Um Viertel vor Fünf fingen alle an, ihre Sachen zusammenzupacken. Um Fünf vor Fünf war die Redaktion leer. So war er also, der Arbeitsalltag. Gar nicht so übel. Man durfte sich so viele Gratisbleistifte und Ringblöcke nehmen, wie man wollte und irgendwie schien jeden Tag jemand Geburtstag zu haben. Ich durfte mit Cola aus dem Getränkeautomaten mit anstoßen.


2. Free FM

Abitur nahte, Studium nahte und irgendwo hinter den Bergen das Berufsleben. Inzwischen hatte ich auch ein diffuses Bild, wie dieses aussehen sollte: selbstverwirklichend und ganz einzigartig auf mich zugeschnitten. Aber trotzdem irgendwie so, dass es bei allen anderen Neid aufkommen ließe. Der erste Computertest beim Arbeitsamt riet mir, ich solle Chorleiterin werden. Der zweite: Landschaftsgärtnerin. Und das auch nur deshalb, weil ich angab, gern im Freien zu sein. Beim individuellen Termin forderte mich eine bärtige Zukunftsberaterin auf, niederzuschreiben, was mir ehrlich Spaß mache. Ich kritzelte: Reisen. Romane. Musik. Und fühlte mich genauso generisch wie damals beim Ausfüllen der Hobbyzeile in Freundschaftsbüchern. Der einzige Treffer, den die Praktikumsdatenbank bei meinen Stichworten ausspuckte, war Free FM – das Jugendradio der Stadt Ulm. Und so vertrödelte ich die letzten Winterferien vor dem Abi im Eierkarton-verkleideten Dachboden, fuchtelte mit dem Aufnahmemikro vor Passantengesichtern herum und nervte mit ganz provokativen Umfrage-Fragen. Außerdem lernte ich, wie man im Schnittprogramm die eigene Stimme zur Alienstimme verzerrt. Meiner damaligen Vorstellung von Selbstverwirklichung kam das Ganze ziemlich nahe.


3. jetzt.de

Die Adresse jetzt.de las ich zum ersten Mal im „Brot und Schwein“-Hausaufgabenheft. „Erzähl deine Geschichte“ stand dort in einer Anzeige. Es dauerte aber ziemlich lang, bis ich mich traute, den Mund aufzumachen. Erst nach zwei Jahren stummen Mitlesens hatte ich genug Mut für eine Praktikumsbewerbung beisammen. Als die Zusage aus München kam, musste ich viele feurige Reden vor meinen Eltern schwingen - etwa über die Notwendigkeit berufsvorbereitender Mobilität am Arbeitsmarkt. Überzeugt hat sie erst der dicke, seriös aussehende Praktikumsvertrag. Am ersten Tag stand ich schon um acht Uhr vor der Tür, ich war sogar noch vor der Empfangsdame da. Genau eine Woche dauerte es, bis auch ich zur Morgenkonferenz um 11 Uhr erst auf den letzten Drücker kam. Zwei Wochen dauerte es, bis ich aufhörte, in der Themenrunde mit durchgedrücktem Rücken zu sitzen. Drei Wochen dauerte es, bis ich mich daran gewöhnt hatte, dass die Redakteursgesichter auch andere Ausdrucke annehmen konnten als im Profilfoto. Die Kollegen waren übrigens nicht nur beweglich, sondern auch nett. Sie nahmen die Praktikanten zum Mittagessen mit und ließen mich viel selber machen. Um ehrlich zu sein: Ich habe mich nie wieder so berufstätig gefühlt. Wenn bloß nicht die Eltern jeden Tag auf dem Arbeitstelefon angerufen hätten, um zu fragen, was es in der Kantine gab.


4. Brightest Young Things

Kaum dass es richtig losgegangen war, war das Studium fast schon zu Ende. Gerade hatte ich die Matrikelnummer auswendig gelernt, schon fragte das Prüfungsbüro nach dem Termin für die Bachelorarbeit. Um den Ernst des Lebens aufzuschieben, beschloss ich, noch ein bisschen beim Lebenslaufwettrüsten mitzumachen. In meinen Koffer für Washington DC packte ich ein Dutzend Blusen. Der Hauptstadt der USA eilt der Ruf voraus, das amerikanische Brüssel zu sein. Horden von Praktikanten, viel Bügelfalte, wenig Spaß. Meine Blüschen haben aber nie den Koffer verlassen. Kein Politiker wollte meine fremdsprachige Arbeitskraft. Dafür riefen „Brightest Young Things“ zurück – ein Unterhaltungsunternehmen und sich selbst als "lokale Avantgarde" bezichtigend. Die Brightest Young Things waren von Berufes wegen hip. Sie lebten davon, Partys und Konzerte in Washington zu schmeißen und über ihr Leben zu bloggen. (Ja, in Amerika gilt so etwas als super Businessplan.) Mein TOEFL-Ergebnis war ihnen egal. Es zählten musikalische Vorlieben und die Bereitschaft, die Seele gegen Gästelistenplätze und Promo-CDs zu tauschen. Und so wurden Augenringe und Eintrittsstempel statt Bügelfalten zu meiner Uniform. Um ehrlich zu sein, machte es mehr Spaß, das Prädikat „hoffnungsvolles Talent“ auf der Brust zu tragen als beruflich eines zu sein. Letzteres bestand nämlich zum großen Teil aus dekorativem Anwesendsein auf Partys. Das Freundeverzeichnis auf Facebook schwoll an, die Festplatte füllte sich mit MP3s. Mein Wortschatz hat sich aber wohl kaum verbessert. Ich habe zwar viele neue The-Wörter gelernt, nur hatten die meisten von ihnen lange Haare und eine Heimatadresse in Williamsburg, Brooklyn.


5. Washington Post Was mir in meiner Praktikumsvita immer fehlte, war der große Name, die Sahnehäubchenkirsche. Es sollte die Washington Post sein, die Heimatzeitung des großen Bob Woodward. Doch anders als er deckte ich dort kein Watergate auf. Ich produzierte nur heiße Luft. Wortwörtlich. Ich dampfbügelte Designerkleider. Auch wenn der Arbeitgeber auf dem Blatt was hermacht – de facto war ich die persönliche Assistentin der Chefredakteurin in der Modebeilage. Ich erledigte ihre Post, brachte Klamotten zu den Herstellern zurück, holte Tampons für die Models und M&Ms für den Fotografen. Besonders helle musste man als Modeassistentin nicht sein, dafür fleißig und reaktionsschnell. Wenn es denn etwas zu tun gab. Das Gros der Zeit war ich damit beschäftigt, meine Langeweile hinter zwei riesigen Apple-Bildschirmen am Praktikantenarbeitsplatz zu verstecken. Zwei Wochen lang ging das gut. Ich guckte mir gern hübsche Anziehsachen an und bildete mir ein, dass sich mein Geschmack durch bloße Anwesenheit in dieser Umgebung veredeln würde. Nach drei Wochen hatte ich aber selbst der entferntesten Bekanntschaft eine E-Mail von der @wpost.com-Adresse geschickt und fühlte mich im goldenen Käfig eingesperrt. Dafür habe ich neben vier Paar Schuhen und einem Kilo Steak, das einmal von einem Fotoshooting übrig blieb, drei Weisheiten mit nach Hause genommen: 1. Es ist viel schwerer nichts zu tun als etwas zu machen. 2. Was als Hobby Spaß macht, taugt nicht unbedingt zum Beruf. 3. Langsam reicht es, mit Berufsleben-Trockenüben.

Text: wlada-kolosowa - Illustrationen: Franziska Hartmann

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