Partner von

Tuvalu: Ein kleines Inselparadies geht unter

Alle reden ständig von globaler Erwärmung. Billigfliegen macht keinen Spaß mehr, weil uns das schlechte Gewissen plagt, und unseren spritfressenden alten Saab wollen wir auch nicht mehr fahren. Und alles wegen des CO²-Ausstoßes. So vorbildlich das sein mag, man fragt sich doch hin und wieder, ob die Folgen wirklich schon absehbar sind.
kristin-matousek

Auf Tuvalu, dem kleinen Inselatoll rechts neben Neuseeland, sind sie das. Da gibt es ein paar Fakten, die nicht ganz ins romantische Südsee-Bild passen. Tuvalu wird nämlich aller Wahrscheinlichkeit nach in 25 Jahren unbewohnbar und in 50 Jahren komplett verschwunden sein. Und das, obwohl der CO²-Ausstoß dort ziemlich gering ist. Es gibt ungefähr drei Autos, fünf Motorräder und 5000 Fahrräder. Auch Fabriken wird man nicht finden. 80 Prozent der Menschen leben vom Fischfang, und der wird nicht in Plastik eingeschweißt um die Welt geschickt, sondern auf dem idyllischen Wochenmarkt verkauft.

Noch gibt es Menschen, Straßen und Bäume auf Tuvalu. 2005 hat sich in Japan eine NGO gegründet, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, international auf Tuvalus Problem aufmerksam zu machen. Das Projekt nennt sich Tuvalu-Overview. Die Idee ist, jeden einzelnen der 10.000 verbliebenen Tuvaluaner zu porträtieren und damit, auf dem nächsten G8-Gipfel 2008 in Tokio, den mächtigen Staaten verständlich zu machen, in welcher Situation Tuvalu steckt. Kaum ein Land liegt so abseits vom Rest der Welt wie Tuvalu. Und kaum ein Land ist so klein wie Tuvalu. Ziemlich genau 26 km². Zu allem Überfluss wissen viele nicht einmal von Tuvalus Existenz. Das macht es dem Land nicht leicht, gehört zu werden. „Aber genau das ist es, was sich die Tuvaluaner wünschen“, sagt Silafaga Lalua. Sie lebt auf Tuvalu und arbeitet dort für Tuvalu Overview. „Ich habe beinahe mein ganzes Leben hier verbracht, und will das Land nur ungern verlassen, auch wenn ich weiß, dass ich keine andere Wahl habe. Deswegen werde ich, wenn sich die Situation weiter zuspitzt, nach Neuseeland gehen, so wie viele andere Tuvaluaner auch.“ Der höchste Punkt der Insel liegt zwischen 3 und 5 Meter über dem Meeresspiegel. Und wenn der Meeresspiegel tatsächlich in diesem Jahrhundert um circa einen Meter ansteigt, wie Klimaforscher vorhersagen, dann sieht es mehr als nur schlecht aus für Tuvalu. „Wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, weiß ich, dass es keine Chance gibt, den Verlust Tuvalus zu verhindern. Dafür ist die globale Erwärmung zu weit fortgeschritten“, sagt Silafaga. Viele kleine Inseln, auf denen man vor zwanzig Jahren noch gemütlich zwischen Palmen abhängen konnte, gibt es inzwischen nicht mehr. Und durch die ständigen Erosionen werden ganze Strandabschnitte abgetragen. Wenn eine Insel an ihrer breitesten Stelle gerade mal 400 Meter misst, ist das tatsächlich ein Problem. Tuvalus Premierminister Filomeia Lelamia versucht aus diesem Grund, zumindest für die jüngere Generation einen Ort zum Auswandern zu finden. Australiens Premier, John Howard, hat das Gespräch mit Lelamia im Februar zum zweiten Mal abgelehnt. Neuseeland hingegen nimmt im Moment 75 Flüchtlinge pro Jahr auf. Und auch die Fidschi-Inseln und Papua-Neuguinea zeigen sich kooperativ.

Schon lange heißt die Option für junge Menschen Auswandern Man fragt sich, ob es nicht mehr Sinn machen würde, schon jetzt seine Sachen zu packen und auf die Fidschi-Inseln oder Neuseeland umzusiedeln. „Viele machen genau das, vor allem junge Menschen“, sagt Silafaga. Das ist auch gut nachvollziehbar. Die einzige Hochschule, die es in Tuvalu gibt, ist eine Seefahrerschule auf der Hauptinsel Funafuti. Wer aber nicht gerade Seefahrer werden möchte, geht ins Ausland. Große Anreize, die Insel nicht zu verlassen, gibt es für die jungen Menschen nicht mehr. Tuvalu war zwar nie ein Standort für wirtschaftlichen Fortschritt, aber die Menschen konnten ganz hervorragend vom Export ihrer Kokosnüsse und allem anderen, was die Insel zu bieten hatte, leben. Durch die ständigen Überschwemmungen allerdings sind das Grundwasser und der Boden der Insel so versalzen, dass der Anbau in den meisten Gebieten kaum noch möglich ist. Und auch das sollen die Mächtigen in Tokio hören, wenn es nach Silafaga Lalua geht. Dass die Vertreter der G8-Staaten nicht jedes einzelne Portrait des Tuvalu-Overview-Projektes anschauen werden, ist Silafaga bewusst, sie wünscht sich aber, dass vielleicht das Portrait eines Kindes oder einer ganzen Familie einen Effekt hat. Silafaga sagt: „Wenn die Mächtigen dieser Welt endlich anfangen würden, das Kyoto-Protokoll auch einzuhalten, dann wären wir am Ziel. Für Tuvalu ist es zwar zu spät, aber wir sind nicht die einzigen, die in Gefahr sind. Die Marshall-Insel, Kiribati und viele mehr stehen vor ähnlichen Problemen. Und die müssen gelöst werden.“

Zur Startseite

Die besten Geschichten von jetzt -

täglichen Newsletter bestellen

oder auf WhatsApp abonnieren