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Und das Internet so?

Das Internet ist bereits ziemlich komplex und wird zukünftig wohl nicht überschaubarer. Aber wenn jemand weiß, wo es hingehen soll, dann vermutlich die Internetversteher von der re:publica. Oder? Fünf Erkenntnisse.
merle-kolber

Edward Snowden soll doch vom NSA-Untersuchungsausschuss befragt werden, am 15. Mai wollen die USA die Netzneutralität aushebeln und Snapchat muss beim Datenschutz nachbessern. Dann wären da noch die Fragen, wie der Iran zukünftig Whatsapp handhaben will und warum eigentlich niemand so richtig gut mit dem Online-Journalismus Geld verdient? Das ist nur eine Auswahl an Netzthemen, die gerade öffentlich diskutiert werden. Wenn man dann auch noch drei Tage gemeinsam mit 6000 anderen Menschen über die re:publica in Berlin läuft, fallen einem noch gefühlte 500 weitere Fragen ein. Was soll die digitale sexuelle Revolution sein? Wie läuft Überwachung eigentlich in Indien ab? Und was geht in der digitalen Gamebranche? Um all diese Fragen einmal ordentlich durchzusortieren – die fünf wichtigsten Erkenntnisse und Themen von der re:publica 2014.  

1. Überwachung als Thema alleine zieht nicht  

Das Internet hat wegen der NSA an Glanz verloren. Als „kaputt“ hatte Sascha Lobo es bereits Anfang des Jahres beschimpft, jetzt wurde auf der re:publica behauptet, die Überwachung mache „impotent“.  Sarah Harrison, Wikileaks-Aktivistin und Edward Snowden-Vertraute, sagte, man solle sich mal vorstellen, ganz Norwegen würde einen ausspionieren - so viele Mitarbeiter habe nämlich das US-Überwachungssystem.

Tatsächlich muss man den re:publica-Machern wohl dafür auf die Schulter klopfen, dass sie das Oberthema „Into the wild“ gewählt haben und nicht „Into the NSA“. Die erste Forderung bei der Eröffnung der Konferenz von Veranstalter Markus Beckedahl war zwar „Asyl für Edward Snowden“, damit das Thema Überwachung aber nicht nur trocken ist, gab es auch sehr lustige Veranstaltungen zum Überthema „Datenschutz“. Die Präsentation einer angeblichen Google-Erfindung namens „Google Nest“ zum Beispiel, bei der man seine Daten gegen Diebstahl versichern lassen kann und dafür eine eigene Drohne bekommt – aufwendige Webseite inklusive. Allein die empörte Reaktion der Zuschauer (die danach natürlich alle behaupteten, die Satire sofort erkannt zu haben) zeigte, wie Menschen sich vielleicht wirklich mal für das Thema Überwachung interessieren könnten – nämlich dann, wenn sie in Form einer Drohne an ihr Schlafzimmerfenster klopft.  

2. Der Demokratisierungsgedanke schwächelt  

Der Internetfrust kommt vor allem daher, dass durch die Überwachungsskandale ein ganz großes anderes Ideal des Internets bröckelt: Der Gedanke, dass man mit seiner Hilfe die Welt bilden und demokratisieren wird. Das liegt, wie Sascha Lobo es in seiner Session dem Publikum an den Kopf warf, auch am Geld: „Ihr twittert es, aber ihr überweist nicht. Eure Eltern überweisen“, sagte er in seiner wütenden Rede über die mangelnde Finanzierungsbereitschaft der Crowd. Das mussten die Zuschauer natürlich erstmal eifrig twittern. Tatsächlich haben viele der guten auf der re:publica vorgestellten Ideen Finanzierungsprobleme. Barrierefreiheit, Bildung für alle, ungerechte Verteilung der Ressourcen – das sind alles gute Themen, bei denen die Menschen ihre nachdenklichen nerdbebrillten Köpfe schütteln und einen sentimentalen Tweet absetzen oder eine Petition starten. Viel mehr passiert dann aber auch nicht.  

3. Wichtigstes Wort? Ich!  

Die Selbstreferenzialität der re:publica-Menschen ist immens. „Ich bin ja auch vernetzt in der Startup-Szene“ sagen sie oder „ich finde, die re:publica ist dieses Jahr echt Kommerz.“ Dann reden sie über ihren Blog, dokumentieren das Gespräch mit einem Selfie. Klar, das sind auch Klischees, aber die Masse an „Ich-Sätzen“ auf dieser Veranstaltung ist schon erstaunlich. Natürlich ist Eigenvermarktung in der Netzszene wichtig. Aber ob die Hersteller von Häckselmaschinen sich selbst auf einer Haushaltsmesse auch so wichtig nehmen würden? Vermutlich nicht. Gary Turk, dessen Video from your smartphone“ in den letzten Tagen ja so gerne geteilt wurde, würde auf der re:publica vermutlich im Rahmen eines hysterischen Anfalls zusammenbrechen. Dass die Menschen dort auf dem Klo zusammenstoßen, weil alle so gebannt den Twitter-Stream verfolgen, ist dort nämlich keine Seltenheit. Aber so lernt man sich ja auch kennen.  


4. Die aufregenden Sachen finden im Untergrund statt  

Es heißt immer, die re:publica sei eine Spezialinski-Veranstaltung. Das ist falsch – die Macher haben sich in den letzen Jahren deutlich bemüht, mehr Themen für Netzidioten ins Programm aufzunehmen. Wie der menschliche Körper hat allerdings auch das Internet eine Oberfläche und Innereien. Die Oberfläche des Internets wird häufig gelobt – sie ist für alle öffentlich einsehbar, jeder hat Zugriff, kann sie remixen und wenn jemand morgen etwas erfände, das den Hunger in der Welt stoppt, könnte er es dort allen mitteilen. Theoretisch. Faktisch ist das oberflächliche Internet, wie die meisten Menschen es benutzen, allerdings ziemlich mainstreamig geworden. Auf der re:publica gab es deshalb auch bereits ein paar Veranstaltungen zu den Innereien des Netzes – wie Tor-Netzwerke, die einen anonym auf sonst nicht sichtbare Internetseiten surfen lassen– wo streamen wohl noch die kleinste aller möglichen illegalen Handlungen ist. Dieser Bereich wird in den nächsten Jahren immer mehr Raum einnehmen – schließlich war Bloggen vor ein paar Jahren auch noch etwas Hochdiffiziles, heute kann es jeder Großvater.


5. Man muss es mit Humor nehmen

Die meisten Dinge im Netz sind spontan und flüchtig – und oftmals sehr, sehr lustig. Auch auf der re:publica gab es einen Meme-Generator, zahlreiche Einhörner, Emoji-Karaoke, Go-Pro-Hunde und Dildos aus dem 3-D-Drucker. Es gab Satire, Kunst und ziemlich viel zu Lachen. Gleichzeitig wurde die diesjährige re:publica als „die politischste aller Zeiten“ bezeichnet. Vielleicht ist das die Lösung der großen Fragen im Internet – man sollte nicht alles und vor allem nicht sich selbst so wahnsinnig erst nehmen. Dann diskutiert es sich auch über die schweren Themen viel besser. 

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