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Schaut auf diese Stadt.

Was passiert, wenn alle Jugendlichen ihre Region verlassen und die Demokratie den Falschen in die Hände fällt? Ein Beispiel aus Mecklenburg-Vorpommern.
anke-luebbert

Hannes Radicke, 18 Jahre, Schülersprecher Gymnasium  
jetzt: Wie ist es, hier zu leben?
Hannes: Die Stadt hat ihre guten Seiten. Ich habe alles, was ich brauche: eine gute Schule, Handballverein, meinen Segelfliegerclub.
Was für eine Rolle spielt es für dich, dass die Stadt eine Hochburg des Rechtsextremismus ist?
In meinem Alltag keine. Ich halte mich raus.
Aus was?
Aus politischen Dingen.
Glaubst du, dass Jugendliche gefahrlos ihre Meinung vertreten können?
Ja.
Auch wenn sie ein Shirt tragen, auf dem steht: „Nazis raus“?
Das nicht. Aber solange man seine Meinung nicht auf dem Präsentierteller vor sich herträgt, ist alles okay.

In dieser Stadt hat sich etwas verschoben. „Kanaken zerhacken“ steht an der Bushaltestelle am Bahnhof. Im Zentrum finden sich ein rechter Szeneladen und ein rechtes Schulungs- und Veranstaltungszentrum. In der Stadtvertretung sitzen zwei NPD-Abgeordnete, die in den Sitzungspausen mit der CDU-Fraktion Kaffee trinken. An einem Tisch. Auf der Propagandaseite „Mupinfo“ rühmen sich zwei NPD-Funktionäre und Köpfe der Kameradschaftsszene damit, dem städtischen Gymnasium 300 Euro für Sportgeräte gespendet zu haben. Die Stadt liegt in Vorpommern. Wie sie heißt, soll in diesem Text keine Rolle spielen. Es könnte Demmin sein, Pasewalk oder Ueckermünde. Ihre Probleme sind die einer ganzen Region. 

Jürgen Stähle, 58 Jahre, Schulleiter Gymnasium
jetzt: Spielen rechtsextreme Strukturen bei Ihnen im Schulalltag eine Rolle?
Stähle: Nein. Wir geben an unserer Schule weder dem Rechts- noch dem Linksextremismus ein Podium. Ich halte übrigens beide für gleichermaßen gefährlich.
Rechtsextremismus ist also kein Problem?
An der Schule selbst nicht. Wir tun ja auch eine Menge dagegen. Extremismus ist immer ein Problem der gesamten Gesellschaft, vornehmlich dort, wo demokratische Strukturen wegbrechen sowie Arbeits- und Perspektivlosigkeit den Alltag bestimmen. Eine Folge dieser Entwicklung ist, dass 93 Prozent unserer Absolventen seit der Wende das Land Mecklenburg-Vorpommern verlassen haben. Einen derartigen Verlust an kreativen Köpfen kann auf Dauer wohl keine Region kompensieren. Da fragt man sich auch: Mit wem und für wen machen wir hier morgen noch Demokratie?
Glauben Sie, dass wir morgen noch Demokratie machen?
Es gibt nach wie vor viele engagierte Bürger, die in ganz verschiedenen Bereichen Großartiges leisten. Das stimmt mich optimistisch. Ich sehe aber auch Gefahren. Die Menschen hier fühlen sich oft alleingelassen. Viele Hoffnungen und Erwartungen nach der Wende haben sich nicht erfüllt.

Eine private Werbefirma hatte im Auftrag der Schule eine Zeit lang in der Stadt um Spenden geworben. Zwei Jahre nach Eingang diverser Spenden wurde Schulleiter Jürgen Stähle darauf aufmerksam gemacht, dass auch stadtbekannte Nazis unter den Geldgebern waren, die sich noch heute auf besagter Webseite mit der Spende brüsten. Stähle kontaktierte seine Vorgesetzten – die Schulaufsicht, den Schulträger sowie die Polizei. Muss das Geld zurückgegeben werden? Der Direktor sagt: „Wir erhielten die Bestätigung, dass kein schuldhaftes Verhalten vorliegt und somit unsererseits kein Handlungsbedarf besteht.“

Seit 1990 hat die Stadt fast ein Drittel ihrer Einwohner verloren. Jahr für Jahr verlassen Menschen die Region, vor allem die gut ausgebildeten und motivierten. Die ganze Stadt ist Zeuge dieser Abstimmung mit den Füßen. Jeder hier hat miterlebt, wie immer mehr Freunde und Verwandte weggingen, wie Hoffnung dem Zynismus gewichen ist und der Glaube an einen rettenden Investor verschwand. Trotzdem gibt es Jugendliche in der Stadt, die hier erwachsen werden und ihren Platz suchen. Robert ist sechzehn und einer von ihnen.

Man muss in den Stadtpark, wenn man mit ihm reden will. Dort sitzen die Punks in einer Hütte, die sie „Negerhäuschen“ nennen. So hieß das Häuschen schon immer, angeblich weil das Dach der Hütte mit Stroh gedeckt ist. Roberts Haare sind bunt gefärbt, er versucht gerade, seinen Schulabschluss nachzumachen. Er spricht viel und schnell und schaut sich immer wieder Richtung Parkeingang um, es ist ein Schulterblick, wie beim Linksabbiegen. Im Mai haben Nazis seine Freunde zusammengeschlagen, drei von ihnen landeten im Krankenhaus. „Die haben ,asoziale Schweine‘ und ,Dreckspack‘ gerufen und hatten Eisenstangen und Totschläger dabei“, erinnert sich Robert. Er konnte sich vor den zwanzig Schlägern in einen Kellereingang retten. Seitdem schaut er immer wieder hinter sich. Die Überfälle haben kaum etwas verändert. „Normale Bürger“ hätten weiterhin nichts zu befürchten, sagte der parteilose Bürgermeister der Stadt in einem Interview. Und sein Stellvertreter sagte, er habe keine Lust, die Verletzten im Krankenhaus zu besuchen. In der Öffentlichkeit gelten die Übergriffe als Höhepunkt einer Art Bandenkrieg. Rechte gegen Linke, Punks gegen Nazis. Dass die Punks auf öffentlichen Plätzen herumsitzen und Alkohol trinken, nervt viele. Sie sind eine lose Gruppe von gut zwei Dutzend Jugendlichen, die eine diffuse Antihaltung verbindet. Sie werden nicht ernst genommen. Muss man also auch die Schläger nicht ernst nehmen?



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Die Stadt.

In der Stadt trifft „ein strukturell starker Rechtsextremis-mus auf geschwächte demokratische Strukturen“, schreibt Dierk Borstel, Professor für praxisorientierte Politikwissenschaften an der Fachhochschule Dortmund, in seinem Buch „Braun gehört zu bunt dazu“. Die Nazis sehen die Region als „national befreite Zone“, als einen Raum, in dem sie Recht setzen und umsetzen. 1996 gründet sich in der Stadt der „Kameradschaftsbund“, der rechtsextreme Konzerte organisiert und für die nächsten Jahre die rechte Szene und Jugendkultur entscheidend prägt. Hinzu kommen die Kameradschaft „Jungsturm“ und die „Hammerskins“, eine Organisation im Geiste der verbotenen Gruppierung „Blood and Honour“. 2003 zieht der NPD-Mann Michael Andrejewski aus Baden-Württemberg in die Stadt, sitzt bald in Stadtvertretung und Kreistag, seit 2006 auch im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern.

Wenke Grams, 21 Jahre, Studentin in Potsdam
jetzt: Hast du dich wegen deines Engagements für die Demokratie in der Region bedroht gefühlt?
Wenk: Nein, ich persönlich nicht. Dafür war ich nicht bekannt genug. Aber ich mache mir Sorgen um andere. Zum Beispiel um Kollegen, mit denen ich während meines „Freiwilligen Sozialen Jahres in der Demokratie“ zusammengearbeitet habe und die eine persönliche Durchwahl zur Polizei in ihrem Handy gespeichert haben.
Aber für dich persönlich spielt es keine Rolle?
Neulich gab es eine Situation.
Welche?
Eine Schulfreundin, die jetzt in Berlin lebt, wollte ihren Freund, einen Kenianer, mit zu ihren Eltern nehmen. Sie hat mich gefragt, ob ich denke, dass das geht. Und welche Konsequenzen es für ihn, aber langfristig auch für ihre Familie haben würde.

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Das Gymnasium.

Je weniger Menschen öffentlich gegen die rechte Ideologie auftreten, desto stärker stehen sie im Rampenlicht. In der Innenstadt, in einem ehemaligen Ladengeschäft, liegt der Demokratieladen. Träger sind der Verein „Demokratisches Ostvorpommern“ und die Landeszentrale für politische Bildung. Die Mitarbeiter organisieren Diskussions- und Kulturveranstaltungen und sind Ansprechpartner für alle, die eine aktive Zivilgesellschaft aufbauen wollen. Zweimal war der Laden in jüngerer Vergangenheit Ziel eines Anschlags. Im März 2012 wurden Davidsterne auf die Fensterscheiben geschmiert; im Mai 2012, kurz vor den Überfällen auf die Punks im Stadtpark, kippte jemand Buttersäure durch einen Türschlitz in das Laden-innere. Wie kommt es zu der Gleichgültigkeit, die viele hier gegenüber den rechtsextremen Strukturen haben? „Vor die Wahl gestellt zwischen Unordnung und Unrecht, entscheidet sich der Deutsche für das Unrecht.“ Das ist ein Zitat von Johann Wolfgang von Goethe, aber eine Mitarbeiterin des Demokratieladens verwendet es für einen Erklärungsversuch.

Ole Hinneburg, 21 Jahre, studiert in Kiel
jetzt: Du bist seit 14 Jahren bei einem Tanz- und Artistikensemble der Stadt engagiert und hast bis zum Abitur 2009 hier gelebt. Was ist deine Erfahrung mit dem Rechtsextremismus?
Ole: Wie viele Nazis es hier gibt, habe ich überhaupt erst festgestellt, als ich die Stadt verließ. Vorher ist es mir nicht so aufgefallen. In unserem Verein sind wir unpolitisch.
Was heißt das?
Nazis gab es bei uns nicht, aber es heißt zum Beispiel, dass die Kinder mit bunt gefärbten Haaren nicht mittanzen durften.
Warum nicht?
Weil das in der Öffentlichkeit als links gilt.
Ist das negativ besetzt?
Schon. Ich habe dagegen oft gehört, dass die Rechten angenehmer sind, weil sie die öffentliche Ordnung nicht stören.



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Das "Negerhäuschen".

Wenke Grams hat das Gymnasium besucht, an dem Jürgen Stähle Direktor ist. Nach dem Abitur hat sie beschlossen, für ein „Freiwilliges Soziales Jahr in der Demokratie“ in der Stadt zu bleiben. Sie erinnert sich, dass es in jedem Jahrgang Jugendliche gab, die zu den Rechten gehörten. „Im Unterricht spielte das aber keine Rolle“, sagt sie. Der Geschichtsunterricht habe aus Zahlen, Daten, Fakten bestanden. „Politische Diskussionen gab es höchstens in den Pausen. Viele meiner Mitschüler haben auch gesagt: Der ist zwar rechts, aber menschlich ist der doch ganz okay“, erinnert sich Wenke. „Es hatte auch etwas von einem Machtspiel. Die Nazis konnten sich ja sicher sein, dass man Respekt vor ihnen hatte. Einen Nazi in seinem Freundeskreis zu haben war für viele auch eine Absicherung, dass sie in Ruhe gelassen würden.“

Marco (Name geändert), 24 Jahre, „Mühlentreff‟
Ich war mal in der rechten Szene. Habe auch Ausländer verprügelt und war deshalb drei Monate im Knast.
Und dann bist du ausgestiegen?
Ja. Rodi (Anm.: der Leiter des Jugendclubs „Mühlentreff“) hat mich da rausgeholt. Er hat an mich geglaubt, hier im „Mühlentreff bin ich seine zweite Hand.
Und zu den Rechten hast du keinen Kontakt mehr?
Ich versuche, ihnen aus dem Weg zu gehen. Die haben Kameradschaft und Freundschaft gepredigt, aber wenn es hart auf hart kam, haben sie einen fallen gelassen. Nur in einer Sache, mit den Ausländern, haben sie meiner Ansicht nach recht.

„Ich nehme erst mal jeden, solange er nicht agitiert“, sagt Roderich Eichel, 45 Jahre, gelernter Tischler und „Mühlentreff“-Chef. Der Club liegt in einer Baracke am Übergang zwischen Innenstadt und Plattenbau, in einer ruhigen Straße zwischen Einfamilienhäusern. Roderich Eichel hält nicht viel davon, die Stadt schlechtzumachen. „Jeder kann ja seinen Beitrag dazu leisten, dass sie schöner wird“, sagt er. Ganz oben in der Hausordnung steht der Satz „Jeder hier ist gleich viel wert“, weiter unten wird Sexismus verboten, Drogen, Gewalt. Rechtsextremismus kommt nicht vor. Einer der Jungs, die in der Werkstatt schrauben, trägt das Shirt einer Rockband, die im Verdacht steht, rechtsoffen zu sein. Würde es funktionieren, Rechtsextremen konsequent die Tür zu verbieten? „Die Grenzen sind fließend“, sagt Roderich Eichel. „Das lässt sich nicht immer nachprüfen. Mir ist wichtig, dass die Jugendlichen die Hausordnung akzeptieren, dass sie sich an die Gewaltfreiheit halten und daran, dass alle das gleiche Recht haben, hier zu sein. Man muss bedenken, dass die meisten Jugendlichen noch mitten in ihrem politischen Entwicklungsprozess stecken. Wenn wir die rauswerfen, nehmen wir uns die Chance, sie zu erreichen.“

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Die Straße, in der die NPD ihr Büro hat.

Vor zwei Jahren bezeichnete der Autor Moritz von Uslar die Stadt als „kaputteste, fertigste und unseligste Stadt Deutschlands“. Die Stadt ist ausgeblutet und ringt um eine Perspektive. Sie verliert immer noch, Jahr für Jahr, ihre Einwohner. Aber es gibt eine Intercity-Verbindung. Es gibt ein Hallenbad, ein Kino und ein Theater. Und für eine Stadt mit 13 000 Einwohnern gibt es eine beeindruckende Vielzahl an Sport- und anderen Vereinen. Im vergangenen Sommer gründete sich das Aktionsbündnis „Vorpommern: weltoffen, demokratisch, bunt!“, das innerhalb kürzester Zeit 2000 Menschen für eine Menschenkette gegen ein Fest der NPD mobilisierte. Auch die Mitarbeiter des Demokratieladens waren unter den Initiatoren. „Diese Aktion hat uns viel Energie und Hoffnung gegeben“, sagt Wenke Grams. Die Frage ist allerdings, ob das reicht.

Text: anke-luebbert - Fotos: Monika Keiler

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