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Wer ist hier schwul?

Die Schule kann ein fieser Ort sein - vor allem, wenn man homosexuell ist. Zwei Schüler und zwei Lehrer erzählen, wie es ihnen nach ihrem Outing in der Klasse und im Kollegium ergangen ist.
michele-loetzner
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Heiko Rohde, 40, Studienrat an einer beruflichen Schule
Lange war mir nicht klar, dass ich homo­sexuell bin. Ich wollte immer Familie haben, hatte aber bis zum Studium keine tiefere Beziehung gehabt. Nach einem kopfgesteuerten Fehlversuch mit einer Kommilitonin war mir klar, dass ich ausprobieren muss, ob ich schwul bin. Da war ich schon 27.

Meine Familie hat anfangs unter meiner Nachricht gelitten und geht heute unterschiedlich mit dem Thema um: teilweise tolerierend, teilweise akzeptierend. Weil ich mich nie verstecken wollte, bin ich auch an meinen Arbeitsplätzen immer offen mit meiner Ho­mo­sexualität umgegangen. Die Reaktionen an der Schule, an der ich unterrichte, waren unterschiedlich. Oberursel ist meine Heimatstadt und zählt nur 40 000 Einwohner. Die Feldbergschule ist eine berufliche Schule mit dem Schwerpunkt Wirtschaft und Verwaltung, an der alle Schulabschlüsse angeboten werden. Als ich 2008 meinen Freund heiratete, sammelte eine liebe Kollegin im gesamten Kollegium für ein Geschenk. Dennoch fielen mir gegenüber Sätze wie: „Ich habe großen Respekt vor Eltern, die ein behindertes Kind großziehen.“ Die Person bezog sich auf die Frage, was meine Eltern zu unserer Hochzeit sagen. So etwas ist natürlich verletzend.

Über Vorurteilen und dummen Sprüchen muss man stehen. Das gelingt mal mehr, mal weniger. Wenn ein Schulleiter mit seiner Frau beim Schulfest auftaucht, ist das normal. Wenn ich mit einem Mann komme, gilt das eher als Provokation und als „Hausieren mit Sexualität“. Viele denken, die Gesellschaft ist toleranter geworden, doch da ist noch einiges zu tun. Klar, die gesetzliche Legalisierung der Homo-Ehe hat die Akzeptanz gestärkt. Doch von einer Akzeptanz gerade in Schulen sind wir sehr, sehr weit entfernt! In den Klassen sitzen nach Schätzungen eigentlich etwa so viele homosexuelle Jugendliche wie Linkshänder, also zwischen fünf und zehn Prozent. Die Tatsache, dass sie sich wegen ihrer Sexualität nicht angenommen fühlen, findet ihren deutlichsten Ausdruck in
einer hohen Selbstmordgefahr. „Schwul“, „Schwuchtel“ und „Lesbe“ als Schimpfworte haben Hochkonjunktur. Dennoch meiden Lehrerinnen und Lehrer das Thema, wo sie nur können. Ausnahmen existieren zwar, aber selbstverständlich ist ein normaler Umgang mit homo-, bi- oder transsexuell bedingten Lebenskonzepten leider noch lange nicht. Ein guter Grund, weiter daran zu arbeiten!


Tom*, 18, Schüler
Lange habe ich überlegt, ob ich mich outen soll, denn ich wollte auf keinen Fall meine Freunde verlieren. Dass ich schwul bin, wusste ich schon, seit ich 15 war. Mit 17 habe ich es dann nach langem Überlegen meinem besten Freund erzählt. Wir haben bei mir Playstation gespielt, als ich zu ihm sagte: „Ich glaube, ich bin schwul.“ Im Nachhinein war das vielleicht etwas dramatisch und zu emomäßig. Er dachte erst, das sei ein Scherz. Dann wurde er immer komischer und musste dringend weg. Ein paar Tage hörte ich nichts von ihm. Beim nächsten Basketballtraining hatte ich schon das Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Kaum einer hat mit mir geredet, in der Dusche kamen saublöde Seifenwitze von einem aus unserer Mannschaft. Da wusste ich, dass mein vermeintlich bester Freund alles brühwarm weitererzählt hatte.

In der Schule bekam ich in den folgenden Wochen ständig dumme Sprüche zu hören. Lange habe ich das nicht ausgehalten. Als jemand irgendwann mit Joghurt gefüllte Kondome in meinen Rucksack gepackt hatte, war das Maß voll. Noch während der Englischstunde habe ich das Klassenzimmer verlassen. Zu Hause habe ich meine Eltern eingeweiht. Die haben total cool reagiert. Für die ist es völlig in Ordnung, dass ich schwul bin. Für meine ältere Schwester auch. Alle drei hatten das wohl eh schon vermutet.

Eine Woche bin ich gar nicht zur Schule gegangen, danach nur sporadisch, und dann waren, Gott sei Dank, Ferien. Meine Eltern haben vorgeschlagen, ich könnte die Schule wechseln, aber irgendwie kennt in der Stadt jeder jeden, und es wäre dann doch rausgekommen. Ein zweites Mal aber hatte ich auf den Terror keinen Bock. Heute besuche ich ein Internat. Hier weiß keiner von meiner sexuellen Orientierung, und das kann ruhig auch noch so bleiben. Eigentlich sind die Leute auf meiner neuen Schule ganz nett, aber ich will’s nicht noch mal riskieren. Nicht so kurz vor dem Abschluss. Ich habe auch mein Facebookprofil gelöscht, damit die anderen gar nicht erst wissen, wohin ich gegangen bin. Meine Schwester habe ich gebeten, es für sich zu behalten — sie wird häufig gefragt, wo ich stecke. Nach dem Abitur will ich ins Ausland, und nach der Rückkehr will ich wieder offen mit meinem Schwulsein umgehen. Zumindest ist das jetzt der Plan.
*Name von der Redaktion geändert

Robert Zeller, 60, Schulleiter an einer Mittelschule
Schon mit 16 ahnte ich, dass ich schwul bin, aber ich wollte es nicht wahrhaben. Ich hatte Freundinnen, habe sogar geheiratet und zwei Söhne bekommen. Erst mit 55 Jahren gestand ich mir endgültig ein, dass ich homosexuell bin. Meine Frau und meine Söhne reagierten positiv. Sie haben es völlig akzeptiert. Meine zwei Brüder schweigen bis heute dazu.

Ich bin Schulleiter an einer dörflichen Mittelschule. Als ich in einer Konferenz die Bombe platzen ließ, herrschte erst lähmende Stille. Danach kamen viele – insbesondere Kolleginnen – zu mir, um mir ihre Unterstützung anzubieten. Das Klima, das vor dem Outing sehr gespannt war, wurde eindeutig und nachhaltig besser, was besonders mit meiner Entspannung zu tun hatte. Das große Kollegium unserer Nachbarschule, wo ich 17 Jahre unterrichtet hatte, war dagegen weitaus mehr schockiert. Ein Kollege und seine Frau, mit denen ich befreundet war, nahmen sofort Kontakt auf und fragten, warum ich das denn öffentlich mache – warum das sein müsse. Meine Beobachtung ist, dass vor allem männliche Kollegen Probleme haben, mich darauf anzusprechen. Ich habe weder einem Schüler noch Eltern von meiner sexuellen Orientierung etwas erzählt. Es ist schwierig zu beurteilen, ob die Leute es nun wissen. Anfeindungen gab es bislang nicht. Ich denke aber, es ist bekannt. Eine Kollegin erzählte mir, dass eine Schülerin gefragt habe, ob es stimme, dass ich schwul sei. Die Kollegin verwies auf mich, was ja auch eine Antwort ist. Die Schülerin fand es laut Aussage der Kollegin cool und toll, dass ich so offen damit umgehe.

Mein Job stand nie auf dem Spiel. Meine direkten Vorgesetzten im Schulamt wissen Bescheid. Ich habe das Gefühl, dass meine Achtung in den Augen der Kollegen teilweise sogar gestiegen ist. Allerdings muss ich aufpassen, Jungs zu nahe zu kommen. Eine Umarmung, wie Schüler sie manchmal brauchen, wenn sie sehr traurig sind, ist gefährlich. Sie kann zu Missverständnissen führen.

Den Job wechseln wollte ich deswegen nie. Dazu mag ich meinen Beruf zu gern. Und hier kann ich nach meinem verleugneten Leben doch noch dazu beitragen, dass andere Menschen offener mit ihrer Sexualität umgehen, als ich es getan habe. Ein Regenbogenband an meinem Schlüsselbund in der Schule signalisiert klar meine Orientierung. Ich hoffe ja immer noch, dass mich Schüler direkt ansprechen. So könnte ich potenziellen jungen Schwulen als Vorbild dienen.

Sarah Diekgerdes, 17, Schülerin
Ich erinnere mich dunkel, dass ich mit 13 Jahren einmal in mein Tagebuch geschrieben habe, dass ich glaube, in ein Mädchen verliebt zu sein. Seitdem spukte mir die Ahnung, dass ich lesbisch sein könnte, im Kopf herum. Aber so richtig sicher war ich mir erst mit 15, als ich mich in einem Brief an meine Eltern outete. Ich wollte es ihnen nicht ins Gesicht sagen, denn ich hatte Angst, dass sie negativ reagieren würden. Zumindest meine Mutter. Bei meinem  Vater war mir klar, dass es kein Problem sein sollte, da sein ehemaliger bester Freund schwul ist und er auch eine Zeit lang mit ihm zusammengelebt hatte. Aber meine Eltern haben es beide sehr gut aufgenommen. Eigentlich zu gut. Mein Vater sagte: „Ich konnte mich eines Schmunzelns nicht erwehren.“ Und meine Mutter: „Wir wussten es eh schon, aber schön, dass du es uns auch noch mal sagst.“

Bei einigen Freunden habe ich mich schon zuvor geoutet, weil mir ihre Reaktion noch wichtiger war. Alle haben sehr positiv reagiert. Einigen war es vollkommen egal, und andere fanden es interessant. Mittlerweile reden wir da aber auch nicht mehr drüber. Für die ist das genauso normal wie Heterosexualität. Von meinen Mitschülern habe ich auch keine negative Resonanz erfahren. Eine Klassenkameradin, mit der ich eigentlich nichts zu tun hatte, hat mir, am Abend nachdem ich mich im Biologieunterricht geoutet hatte, noch eine Nachricht bei Facebook geschrieben. Sie sagte, dass sie echt Respekt vor mir habe, weil ich so offen gewesen sei. Die Lehrer haben es so gut wie überhaupt nicht kommentiert. Nur eine hat mich mit Fragen ge­löchert. Sie wollte wohl rausfinden, ob ich es ernst meine.

Mittlerweile hat mein Outing natürlich die Runde gemacht, aber bis heute bin ich noch nie angefeindet oder gemobbt worden.


Wer sich geoutet hat, trifft nicht immer auf Verständnis. Der Lesben- und Schwulenverband in Deutschland versucht dies mit Infoveranstaltungen und Aufklärungsarbeit zu ändern. Neben den bekannten Anlaufstellen für Homosexuelle existieren deutschlandweit viele Einrichtungen, die speziell auf Schüler und Lehrer zugeschnitten sind. In vielen großen Städten hat die Arbeitsgruppe „Schwule Lehrer“ Ansprechpartner. Wo genau, steht auf der Internetseite schwulelehrer.de. Schüler finden Unterstützung und Gleichgesinnte unter schwulejugendgruppen.de und jungschwuppen.de. Auch für Eltern homosexueller Teenager gibt es eine Anlaufstelle: den Bundesverband der Eltern, Freunde und Angehörigen von Homosexuellen e.V., zu finden unter befah.de.

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