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Wie geht Liebe zu dritt?

Foto: Screenshot / directv

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„Wie viel Sex haben Sie?“ fragt die Therapeutin. „Naja, so 1,5 Mal die Woche“, sagt Emma. „Ich hatte einen sauren Magen“, redet sich ihr Mann Jack raus. Erfolgreich belogen, gratulieren die beiden sich danach. Denn sie schlafen noch deutlich weniger miteinander. Zu wenig jedenfalls, um nach zehn Jahren Beziehung und Ehe zufrieden zu sein – oder vielleicht sogar schwanger zu werden.

„You me her“ beginnt also mit einer Standardsituation der monogamen Beziehung: Mann und Frau sind ordentlich glücklich miteinander. Aber im Bett läuft nichts mehr. Gewohnheit killt Anziehung. Was tun?

Die "erste polyromantische Comedy“, die am 18.1. auf Netflix Deutschland startet, gibt eine zeitgeistige Antwort: Jemand drittes soll Jack und Emma vor der sexuellen Ödnis ihrer Ehe retten. Damit greift die Serie ein Thema auf, das momentan wieder heiß diskutiert wird: Was ist besser als Monogamie? Polygamie? Polyamorie? Wie fängt man damit an? Und daran schließt sich natürlich auch die Frage an, ob eine Hochglanz-Serie so ein Experiment überhaupt erzählen kann, ohne von einem Klischee ins nächste zu fallen.

 

Denn mit so einem Klischee beginnt das Chaos: „Du brauchst einen Escort“, rät Jacks prolliger Bruder ihm. Fremdgehen für die Liebe, also: Hotelzimmer, Minibar, Auftritt „Izzy". Die verkrachte studentische Existenz hat Brüste und Lust auf Schweinerei. Erst ist alles furchtbar peinlich zwischen ihr und Jack. Dann aber sagt er zwei schlaue Sachen über ihre gebrochene Seele, und zack: rumknutschen. 

Mehr läuft nicht. Das aber reicht schon, eine zweite Standardsituation zu beschwören: die Beichte des reuigen Sünders. Emma lässt sich dieses Girl zeigen, das ihrem Mann den Kopf verdreht hat, und, ganz Powerfrau, trifft sie die Konkurrentin selbst. Der Rest ist Männerfantasie: per Fuß befriedigt Izzy die Emma unter dem Tisch. Und Jack und Emma haben plötzlich wieder großartigen Sex (auf dem Küchenboden!!!1ELF!), weil diese dritte Person, das Neue und Verbotene, ihre eingeschlafene Erotik aufgeweckt hat. 

Das mag nun unerträglich klischeehaft klingen, ist aber einerseits wissenschaftlich solide belegt. Sex wird messbar besser, sobald etwas – oder besser noch jemand – neues passiert. Genau so erfahren es die inzwischen Millionen Menschen, die zu dritt, zu viert oder in offenen Beziehungen leben. Man fühle sich selbst wieder attraktiver, berichten die, die es wagen. Und man sehe den Partner durch die begehrenden Augen des Fremden.

Dass mit Emma und Izzy die Frauen schneller aufeinander heiß werden als in jedem Softporno, mag einerseits sexistisches Zugeständnis an einen hetero-männlich geprägten Mainstream sein, der Lesbensex dem Schwulensex vorzieht. Und scheint andererseits laut Schätzungen in der Mehrheit der Polyamorie-Paare, bei denen sich zwei Männer eine Frau „teilen“, aber nichts miteinander haben, anders auszusehen. Aber dass die weibliche Sexualität grundsätzlich vielseitiger, und damit auch häufiger bisexuell ausgeprägt ist, weiß zumindest die Sexualforschung schon länger. Ist das also realistisch? Klares jein.

Die hübschen Menschen der Hipster-Hauptstadt Portland scheinen zutiefst verklemmt

Das eigentliche Problem an der Serie und ihrem Menschenbild aber ist: Keiner sagt, was er oder sie sein will. Keiner traut sich, er selbst zu sein. Nur unter Qualen, ausgedrückt im mimischen Zucken der Darsteller, wird in Woody-Allen-haftem Gestammel über das gesprochen, was wirklich in ihnen vorzugehen scheint. Vielleicht liegt es am in mancher Hinsicht prüderen amerikanischen Kulturraum (über Verdauung tauscht man sich offener aus als über Sex), oder am Zwang zur Komik, die durch all die Neurosen und Niedlichkeiten entstehen soll. Aber diese hübschen, erfolgreichen, schlagfertigen und schlauen Menschen, wohnhaft in Portland, der Hipster-Hauptstadt der USA, scheinen zutiefst verklemmt.

Ein möglicher Dreier mit Izzy ist für Emma und Jack so ein Riesending, sie können das Wort nicht mal voreinander aussprechen. Emma hat Jack in den zehn Jahren Beziehung nie erzählt, dass sie auch auf Frauen steht. Jack wiederum hat in Sachen Herz und Hose keinen anderen Ratgeber als seinen Bruder, eine Karikatur des Möchtegern-Hengstes. Als Emma betrunken heimkommt und harten Sex von Jack einfordert, wirkt er so überfordert wie ein Fünftklässler im Tanzkurs. Als Izzy endlich bei ihnen zu Hause ist, müssen sie erst Wein trinken und kiffen, um über ihre Gefühle (hauptsächlich Unsicherheit und Scham) reden zu können. Ihre lähmende Verlegenheit macht die Protagonisten sympathisch, ihren Weg zum „Throuple“, zum offenen lebenden Dreieck, aber etwas zäh. Es dauert sehr lange, bis nicht mehr nur geplappert wird, sondern endlich etwas passiert. 

Und doch bleibt die Geschichte bei allen Überdrehungen wirklichkeitsnah: Was den Menschen im Weg steht, ist vor allem ihr eigenes Selbst und dessen Konditionierungen. Zwischen Emma und Jack einerseits, und andererseits Izzy und dem Sex, den sie nun mal alle wollen, steht wie eine Mauer die gelernte Konvention. Statt zu tun, was sie wollen, hadern sie alle mit den widersprüchlichen Ansprüchen des Individualismus, dem Glücksversprechen der Beziehung, das zum Zwang wird, mit all den inneren Konflikten zwischen Über-Ich und Es. Das Soll und Ist und Will und Darf – nichts passt zusammen. 

„That is so not us“, sagt Emma, als Izzy zum ersten Mal bei ihnen zu Hause ist, und sie könnte falscher nicht liegen: Das, also der Trieb, das gemeinsame Abenteuer, das Neue, das alles sind sie. Viel mehr jedenfalls als der nervöse Perfektionismus, dem sie sonst nacheifern. Und wer, wenn nicht ein gefestigtes Paar mit einem netten Eigenheim und coolen Freunden, könnte die zwei stabilen Seiten eines Dreiecks bilden? 

Wären da nicht die Exklusivität, auch der Gefühle, die sie sich getreu des monogamen Beziehungsideals immer wieder abverlangen. Also bezahlen sie Izzy, um die Illusion aufrecht zu erhalten, dass sie ein glückliches Paar sind und das Escort-Girl nur so etwas wie ein teures Hobby. „Das klingt so romantisch“, sagt Jack sarkastisch, nachdem Emma und Izzy Sex ausgerechnet auf dem Dach hatten, das er und Emma sogar „unser Dach“ nennen. „Baby, es ist nur neu“, sagt Emma. „Vielleicht ist ein bisschen Eifersucht auch gut für uns beide.“ Dann küssen sie sich doch.

Und dann ist da natürlich noch die feindliche Außenwelt. Auch die trifft leider zu: Polyamore berichten immer wieder, wie schwierig das „Coming Out“ in einer Gesellschaft ist, deren Erzählungen und Vorstellungen von wahrer Liebe immer zwei Menschen und deren „Treue“ vorsieht. Auch Jack und Emma kämpfen damit. Izzy muss ihr Geheimnis bleiben. Die neugierige Nachbarin, die ihnen hinterherspioniert, verkörpert einen Mainstream, der polyamore Menschen für sexbesessene Perverslinge hält. 

 

Was also in dieser ersten Staffel (zwei weitere sind schon abgedreht) folgt, ist emotionales Yoga: Die drei begeben sich in die Spannung und atmen in den Schmerz, der dazu gehört, wenn man freier sein möchte. Man würde ihnen wünschen, sie hätten dabei ein Vorbild. Zum Beispiel eine gute, warme, menschliche Liebesgeschichte mit mehr als zwei Menschen. Momentan gibt es immerhin schon eine ganz unterhaltsame Comedy.

 

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