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Wir sollten Füllwörter lieben!

Denn „quasi“, „halt“ und „sozusagen“ leisten uns unglaublich gute Arbeit.
Von Nadja Schlüter
  • Füllwörter
    Illustration Jessy Asmus

Schlimm wird’s immer dann, wenn man nicht mehr aufhören kann, darauf zu achten. Wenn einem auffällt, dass der eine Freund sehr oft „quasi“ sagt oder die andere Freundin ständig „halt“. Dann ist es plötzlich, als hätte man eine Halli-Galli-Klingel im Kopf, auf die man bei jedem „quasi“ oder „halt“ draufhauen muss. Und alle Wörter dazwischen gehen unter, weil man nur noch auf den Klingel-Einsatz wartet.

„Halt“ und „quasi“ sind zwei dieser Wörter, die gerne als Füll- oder Flickwörter bezeichnet werden. Dazu zählen zum Beispiel auch „sozusagen“, „irgendwie“, „ja“, „auch“ oder „wohl“. Wir alle verwenden sie, aber manche verwenden sie häufiger als andere. Und wieder andere können das nicht ertragen und halten es für schlechten Stil, wenn jemand großflächig Irgendwies, Halts oder Quasis über seine Aussagen verteilt. Aber wieso benutzen wir diese Wörter dann überhaupt? Wann genau tauchen sie auf? Und wie werden wir sie los – oder müssen wir sie gar nicht loswerden?

 

Diese Fragen kann Dr. Daniel Gutzmann beantworten. Gutzmann ist 32 Jahre alt und Sprachwissenschaftler an der Universität Köln. In seiner Promotion hat er sich unter anderem mit Füllwörtern beschäftigt. Er nennt sie allerdings nicht so, sondern „Partikeln“ oder – beinahe liebevoll – „kleine Wörter“. Er mag sie nämlich sehr gerne. „Der Begriff ‚Füllwörter‘ suggeriert, dass sie unnötig sind und einfach gestrichen werden können“, sagt Gutzmann, „aber das stimmt so nicht!“ 

 

Ein "ja" oder "doch" fügt dem Inhalt einer Aussage nichts hinzu – aber stellt sie in einen größeren Kontext

 

Alle kleinen Wörter haben gemeinsam, dass sie eher (aber nicht nur) ein Phänomen der gesprochenen Sprache sind. Um zu erklären, wofür genau sie nötig sind, muss man sie erst mal in zwei Gruppen unterteilen. Denn kleines Wort ist nicht gleich kleines Wort. Die erste Gruppe sind die „Modalpartikeln“, die zweite die „Hecken-Ausdrücke“.

 

Zu den Modalpartikeln zählen zum Beispiel „halt“, „eben“, „ja“, „bloß“, „wohl“ oder „doch“. Ihre Funktion ist es, den Inhalt des Gesagten in einen größeren Kontext zu stellen und dem Zuhörer damit einen Hinweis zu geben, wie er mit diesem Inhalt umgehen kann. Gutzmann erklärt das am Beispiel des Wortes „ja“: „Die Sätze ‚Zwei mal zwei ist vier‘ und ‚Zwei mal zwei ist ja vier‘ haben den gleichen Inhalt. Aber das ‚ja‘ im zweiten Satz kennzeichnet den Inhalt als schon bekannt. Es wird vorausgesetzt, dass alle das gleiche wissen.“ Der Sprecher macht sich und seine Zuhörer also zu einer Gruppe, in der alle auf einer Augenhöhe sind. Ohne das ‚ja‘ würde die Aussage vielleicht so klingen, als ginge er davon aus, dass außer ihm keiner weiß, dass zwei mal zwei vier ergibt – und das könnte als von oben herab empfunden werden. Dieser Effekt kann durch eine andere Partikel auch bewusst herbeigeführt werden, denn jede Partikel gibt einer Aussage ihre eigene Färbungen: „Zwei mal zwei ist doch vier“ zum Beispiel klingt kontroverser als „Zwei mal zwei ist ja vier“.

 

Partikeln fügen dem Inhalt einer Aussage also nichts hinzu, sondern beziehen sich auf ihren Kontext. Darum funktionieren sie auch nicht in jedem Kontext. Gutzmann bleibt beim „ja“-Beispiel, um das deutlich zu machen: „Stellen Sie sich vor, ein Vater rennt aus dem Kreisssaal und ruft: ‚Es ist ein Mädchen!‘ Und jetzt stellen Sie sich vor, er würde ‚Es ist ja ein Mädchen!‘ rufen. Das macht die Aussage nicht falsch, aber es ist der Situation unangemessen.“

 

Zu der Zweiten Füllwörter-Gruppe, den Hecken-Ausdrücken, gehören Wörter wie „irgendwie“, „quasi“ und „sozusagen“, aber auch Wort-Kombinationen wie „denk ich“ oder „glaub ich“. Es sind Wörter, hinter denen man sich verstecken kann, um sich nicht auf bestimmte Begriffe festlegen zu müssen oder wenn man Angst hat, etwas Falsches zu sagen. Sie sind eben: schützende Hecken, die Deckung bieten. Dass wir sie brauchen, hat mit der Grundlage unserer Kommunikation zu tun: der Wahrheit. „Ein Hörer geht immer erst mal davon aus, dass der Sprecher etwas sagt, was wahr ist. Ohne diese Annahme funktioniert Kommunikation nicht“, sagt Daniel Gutzmann. „Und wenn man etwas Falsches sagt, drohen unter Umständen Sanktionen – man gilt dann zum Beispiel ab sofort als nicht zuverlässig.“ Das heißt: Eigentlich ist es für jeden von uns ziemlich riskant, eine klare Aussage zu treffen. Etwas daran könnte ja doch nicht stimmen. Mit den Hecken-Ausdrücken kann man sich davor schützen. Gutzmanns Beispiel: „Wenn Sie ein Quadrat beschreiben, das mathematisch keines ist, bei dem also eine Seite ein bisschen länger ist als die anderen, dann können Sie sagen: ‚Das ist quasi ein Quadrat.‘“ Das wäre durch den Zusatz dieses kleinen Wortes keine Falschaussage. 

 

Benutzen unsichere Menschen öfter Füllwörter als selbstbewusste?

 

Viele benutzen die Hecken-Ausdrücke auch, wenn sie Wortfindungsschwierigkeiten haben, wenn ihnen der perfekte, passendste Begriff für etwas fehlt. Oder um deutlich zu machen, dass sie den Begriff nicht passend finden, wie zum Beispiel im Fall von „sogenannte“, das auch oft in der Schriftsprache auftaucht  (zur Zeit besonders häufig in der Kombination „der sogenannte Islamische Staat“). In der geschriebenen Sprache, sagt Gutzmann, werden aber auch oft Anführungszeichen statt Hecken-Ausdrücken verwendet. Man nennt sie dann „modalisierende Anführungszeichen“ – und die haben es wiederum in die gesprochene Sprache geschafft: Fast jeder von uns hat schon mal mit Zeige- und Mittelfingern seiner Hände Anführungszeichen rechts und links vom eigenen Kopf gemalt, aus dem gerade ein nicht ganz passender Begriff herausgekommen ist.

 

Und jetzt mal zurück zum Quasi-Freund, der Halt-Freundin und der Halli-Galli-Klingel im Kopf. Sagen die beiden diese Wörter so oft, weil sie zutiefst verunsicherte Menschen sind? Weil sie immer alles relativieren oder in einen größeren Kontext stellen wollen, dem Gegenüber immer Hinweise geben wollen, wie er oder sie das jetzt bitte zu verstehen habe? Daniel Gutzmann sieht das gelassener. Man könne das nicht verallgemeinern und sagen, dass unsichere Menschen öfter Partikeln verwenden als andere. „Manche Leute haben eben Hobby-Wörter, die sie oft sagen. Das kann jede Art von Wörtern sein.“ Aber: In Situationen, in denen das Risiko hoch und man darum besonders unsicher sei, könne man davon ausgehen, dass verstärkt Partikeln benutzt würden. „Es kann aber auch einfach ein Anzeichen sein, dass Sie gerade Ihren Satz planen. Sie gewinnen Zeit und der Satzfluss bleibt gewährleistet, wenn sie ein ‚Sozusagen‘ einbauen“, sagt Gutzmann.

 

Füllwörter sind also nichts Schlimmes. Zu etwas Schlimmem werden sie durch Menschen, die Sprache rein präskriptiv betrachten, also auf vorschreibende, wertende, normative, und nicht auf rein beschreibende Art. In Stil-Ratgebern werden Modalpartikeln und Hecken-Wörter verteufelt, weil sie nichts zum Inhalt hinzufügen. Sie haben also einen schlechten Ruf und machen uns darum wahnsinnig, wenn sie zu oft benutzt werden. Aber woher kommt überhaupt der Halli-Galli-Klingel-Effekt, also das Phänomen, dass wir plötzlich jedes „Halt“ im Monolog unserer Freundin hören, aber den Rest nicht mehr? „Normalerweise sehen wir durch die Sprache hindurch, wenn jemand spricht“, sagt Gutzmann, „aber wenn ein Wort besonders oft verwendet wird, fällt uns das auf, und dadurch wird uns die Sprache auf einmal bewusst. Wir verlassen dann die inhaltliche Eben, auf der wir sonst bleiben und an die wir uns später eigentlich immer besser erinnern als an den genauen Wortlaut.“ Und achten nur noch auf „halt“ oder „sozusagen“ oder „quasi“ oder „irgendwie“ oder „ja“ oder „wohl“.

 

Für Deutsch-Lerner sind Füllwörter eine besonders große Hürde

 

Es gibt ja Menschen, die versuchen, sich diese Wörter abzutrainieren (allein, um den eigenen Freunden die Halli-Galli-Klingel im Kopf zu ersparen). Davon hält Gutzmann nicht so viel, sondern setzt noch mal zu einem kleinen Plädoyer an: „Man sollte lieber darüber staunen, was für eine unglaubliche Arbeit und was für eine enorme Hilfestellung diese kleinen Wörter leisten! Und wie gut wir als Sprecher darin sind, sie richtig zu verwenden – ohne das je bewusst gelernt zu haben.“ Darum sind die kleinen Wörter für Menschen, die Deutsch als Fremdsprache lernen, auch eine besonders große Hürde. Sie sind einfach sehr, sehr schwer bewusst zu erlernen, mit all ihren Nuancen und Färbungen. Und in vielen anderen Sprachen gibt es sie auch einfach nicht, oder zumindest nicht so viele und differenzierte. Zwar hat das Englische sein „like“ und das Arabische das „yani“ – aber vor allem die Modalartikeln sind typisch für das Deutsche.

 

Es wird also Zeit, die kleinen Wörter lieben zu lernen: Wenn demnächst mal wieder jemand sehr, sehr oft „irgendwie“ sagt, sollte man die Halli-Galli-Klingel im Kopf einfach durch eine kleine Konfetti-Kanone ersetzen.

Wir müssen noch mehr über Sprache sprechen:

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