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Friede, Freude, Cupcakes

Glückliche Statusmeldungen und Fotos von schönen Alltagsdetails: Ständig stoßen wir online auf die Leben anderer. Und Meistens sehen die viel besser aus als das eigene. Macht uns das Internet neidischer und unzufriedener?
nadja-schlueter

Angestrichen:
What these success stories don't tell you is what is going on behind closed doors."

Wo steht das?
In einem Blogpost der Autorin Nanna Freeman mit dem Titel "How to Be Happy".

Worum geht's?
Nanna Freeman sagt uns in diesem Text, was zu tun ist, damit das mit dem Glücklichsein endlich klappt: tanzen gehen, kreativ sein, Sport machen, die Freunde gernhaben. Erstmal nichts Neues. Doch dann kommt Freeman auf eine der ihrer Meinung nach größten Lügen zu sprechen, der wir alle aufsitzen: Man müsse nur erwachsen werden, einen guten Job, ein festes Einkommen und einen geliebten Partner haben, dann sei das Glück erreicht und das eigene Leben in die perfekte Bahn gelenkt. Stimmt nicht, sagt die Autorin, das sei ein Mythos. Aber leider einer, den man nur sehr schwer ausräumen könne, da er heute mehr denn je befeuert werde, durch fröhliche Statusmeldungen bei Facebook und Blogposts frisch vermählter Bräute oder quirliger junger Mütter. Die führen einem dauern ihr scheinbar makelloses Leben vor. Aber, warnt Freeman, man erfährt ja nicht, was hinter geschlossenen Türen vorgeht.

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Jeder, der das Internet für mehr als aktuelle Nachrichten und Wikipedia nutzt, kennt das. Ob Blogs, Facebook, Pinterest oder Instagram, manchmal muss man den Eindruck gewinnen, dass einige Menschen immerzu in wunderhübschen Cafés sitzen, ihre atemberaubend gutaussehenden Freunde treffen, sich stilvoll anziehen, in einer traumhaften Wohnung wohnen, in der immer irgendwo frische Blumen stehen, und ständig in Urlaub fahren, wo dann die Sonne scheint, aufs Meer und den Sandstrand oder auf die schneebedeckten Gipfel. Anscheinend ist bei denen alles immer Friede, Freude, Cupcakes. Da kann man schon das Gefühl kriegen, das eigene Leben sei irgendwie nicht schön genug, weil alle anderen es so viel schöner haben. Für eine Studie der Utah Valley University zum Einfluss des größten sozialen Netzwerks auf die eigene Lebenszufriedenheit haben 425 Studenten Angaben zu ihrem Facebook-Verhalten gemacht: Seit wann sie es nutzen, wie viel Zeit sie dort verbringen und wie viele Freunde sie haben. Außerdem wurden sie nach ihrer Zufriedenheit gefragt und ob sie glauben, dass ihre Freunde ein besseres Leben führen als sie. Das Ergebnis: Je länger die Studenten Facebook nutzen, desto eher neigen sie dazu, andere Menschen für glücklicher zu halten als sich selbst. Verstärkt trat der Effekt bei jenen Probanden auf, die besonders viele Facebook-Freunde haben, die sie im echten Leben kaum zu Gesicht bekommen. Es stimmt also: Das Internet macht uns neidischer.

Aber auch Freeman hat eben Recht. Der Liebeskummer, der Regentag, das schlechte Essen im Asia-Imbiss nebenan, das man sich unter Zeitdruck reingetrieben hat, und der welke Blumenstrauß werden eben nicht mitgeteilt und fotografiert. Durchschnittliche Tage und emotionale Ausbrüche nach unten, so scheint ein ungeschriebenes Gesetz zu lauten, werden auf Teenager-Blogs thematisiert, haben aber mit Erreichen der Volljährigkeit wenn möglich aus dem Online-Leben zu verschwinden. Es gibt Ausnahmen, aber die sind selten und setzen sich dann eher reflektiert-erwachsen mit schlechten Stimmungen auseinander, anstatt sie so einfach in die Welt hinauszuplaudern wie die schönen Momente. Die positive Darstellung des eigenen Lebens ist so beliebt, dass sich wahrscheinlich auch viele, die sich beim Anblick der Freunde-Timelines defizitär fühlen, hin und wieder dabei erwischen, wie sie einen Sepia-Filter über das Foto einer schlafenden Straßenkatze in einer italienischen Kleinstadt legen und es anschließend posten. Sie wünschen sich dann, dass jemand es sieht und das Gefühl hat, das hier abgebildete Leben (des Fotografen, nicht das der Katze) sei besonders schön und beneidenswert.

Vielen ist es aber schlicht zu aufwändig, im Internet ein glanzvolles Bild des eigenen Seins zu entwerfen. Das ist gut, denn diese Selbstdarstellung sollte möglichst nicht zum Zwang werden. Dafür ist es wiederum unabdingbar, dass absolut niemand sich einreden lässt, die anderen seien viel glücklicher als er selbst. Nanna Freeman schreibt, dass sie während ihrer jahrelanger Internetnutzung eines gelernt hat: "that no one 'has it together' in the way we think they do." Wenn man also gerade mal wieder mit mieser Laune die gutgelaunten Statusmeldungen und Fotos anderer betrachtet, sollte man immer an die geschlossenen Türen denken, hinter denen auch Blog-Mamis manchmal ihre Kinder ausschimpfen, Facebook-Freunde sich frustriert die Nudeln vom Vortag aufwärmen und meistens alles ziemlich durchschnittlich ist.


Text: nadja-schlueter - Foto: m.edi/photocase.com; Illustration: Torben Schnieber

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