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Sorry, zu dick

Weil ihr Hüftumfang nach der Show ein wenig zugenommen hat, bekamen Gewinnerinnen von Holland's Next Topmodel nur 10.000 Euro Gewinn - statt der versprochenen 75.000 Euro. Nun soll ein Gericht klären, wie dick Models sein dürfen.
benjamin-duerr

Angestrichen:
„Sorry, te dik“ („Sorry, zu dick“)  

Wo steht das?
Auf der Titelseite der holländischen Tageszeitung nrc-next. Am Dienstag schrieb das Blatt über Enttäuschungen nach den Top-Model-Shows.

Worum geht es?
Über Monate herrschte das Essen über ihr Leben. Oder: das Nicht-Essen. Keine Kohlenhydrate, nur Huhn und gekochtes Gemüse, ab und zu eine Hand voll Nüsse. Eier, aber ohne Salz. „Denn Salz hält die Feuchtigkeit im Körper“, erklärt Ananda Marchildon, das Model aus den Niederlanden. Ihre Agentur hatte Marchildon einen strengen Essens- und Sportplan geschrieben. „Wenn du Hunger hast, geh' schlafen“, soll die Agentur laut nrc-next dem Model geraten haben. „Und wenn du Appetit hast, putz' dir die Zähne; dann verschwindet er.“ Es half nichts, Ananda Marchildon wurde magerer, aber nicht dünner.

Vor gut drei Jahren stand Marchildon im Licht von Scheinwerfern und im Fokus von Fotografen. Damals war sie 21 Jahre alt und in der Fernsehshow von RTL5 gerade zu „Holland's Next Top-Model“ erklärt worden. Sie gewann ein Auto, zwei Foto-Shootings und einen Model-Vertrag, der ihr über drei Jahre hinweg ein Einkommen von 75.000 Euro garantieren sollte. Nun sind die drei Jahre um, und bekommen hat Ananda Marchildon 10.000 Euro, schreibt die Tageszeitung. Ihre Agentur „Elite“ in Amsterdam sollte das Model für die Shows buchen, doch die Aufträge blieben aus. Mode wird auf den Laufstegen dieser Welt nur in einer Größe getragen. Dafür darf der Hüftumfang maximal 90 Zentimeter betragen - bei einer durchschnittlichen Frau in Mitteleuropa liegt er bei 102,9 Zentimetern.

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Ein Model bei der Fashion Week in Madrid.

Während der Fernsehshow lag Ananda Marchildon unter der 90-Zentimeter-Grenze, nach den Aufnahmen ein wenig darüber. Deshalb sei sie – so das Modelbüro – für viele Aufträge nicht mehr infrage gekommen. Auch die Diät war nicht erfolgreich. Jetzt fühlt sich Ananda Marchildon von der Fernsehshow „Holland's Next Top-Model“ und ihrer Agentur betrogen. Sie hat einen Rechtsstreit in den Niederlanden angestrengt, im März soll ein erstes Urteil fallen. Dabei geht es darum, wie dick ein Model sein darf und ob man ihm für ein paar Gramm Fett 65.000 Euro weniger zahlen darf. Es geht aber auch – wieder einmal - darum, wie mit dem Traum von Mädchen umgegangen wird. Seit dieser Woche wird auf Vox „Das perfekte Model“ gesucht - und auch Eva Padberg, wie bereits Heidi Klum, zeigen in den Fernsehshows Bilder und wecken Hoffnungen, die in der Realität nicht einzutreten scheinen. Denn mit ihrer Enttäuschung ist Ananda Marchildon in den Niederlanden nicht alleine, wie nrc-next recherchiert hat. Die Gewinnerin von „Holland's Next Top-Model“ des Jahres 2009 hat demnach auch erst 12.000 Euro statt der in der Show versprochenen 75.000 Euro bekommen – weil auch ihr Hüftmaß über den 90 Zentimetern lag. Sie erwägt, in den Rechtsstreit einzusteigen. Und auch die Gewinnerin von 2010 trägt nicht wie suggeriert Mode großer Designer, sondern posiert für das CD-Cover eines Privatradios.

Der Streit in Holland zeigt nun öffentlich, was passiert, wenn die Kameras aus sind. Während vorne immer neue „Top-Models“ produziert werden, kämpfen hinten die „Alten“ mit enttäuschten Erwartungen und unerfüllten Hoffnungen. Die Realität lehrt die Mädchen – entgegen aller TV-Verheißungen – dass sich eine Karriere nicht in 17 Folgen bauen lässt, dass nicht jeder ein „Top-Model“ sein kann. Moderatorin, Fernsehsender und Produktionsfirma halten sich aus dem aktuellen Streit heraus. Sie denken schon seit längerem über eine „Next Top-Model“ XXL-Staffel nach – für Teilnehmerinnen mit vollerem Hüftumfang.

Text: benjamin-duerr - Symbolfoto: rtr

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