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Festketten gegen Wiesenhof

Der Schlachtkonzern ist ein beliebtes Ziel von Protestaktionen. Wir waren mit Aktivisten vor Ort, die sich für den Tierschutz an Betonfässer ketten.
Reportage von Eva Hoffmann
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    Fotograf: Paul Wagner; jib-collective

Knapp 500 Kilogramm wiegt das Betonfass, in dem Paula, die eigentlich anders heißt, bis zum Ellenbogen mit ihrem rechten Arm steckt. Sie sitzt auf einem Stück Isomatte, auf der anderen Seite eine junge Frau in der gleichen Position. Der Asphalt um sie herum hat sich mit der Mittagssonne in eine glühende Herdplatte verwandelt. Die erste Sommerluft riecht abwechselnd nach Plastik, Diesel und den umliegenden Rapsfeldern. Hauptsächlich aber nach warmem Blut. Ein Geruch, den man im Alltag selten ertragen muss. Und bei dem man eigentlich instinktiv die Flucht ergreifen will, weil es wirklich widerlich stinkt. Trotzdem will Paula heute hier sein, im niedersächsischen Wietzen-Holte, eine Dreiviertelstunde entfernt von Hannover. Hier zu sitzen, das war der Plan. Und damit sie niemand davon abhält, ist ihr Arm so im Betonklotz festgekettet, dass er sich von außen nicht lösen lässt.       

Paula versperrt mit anderen Aktivistinnen ein Tor, durch das sonst die Laster der Wiesenhof-Schlachtfabrik täglich 140.000 Hühner zunächst lebendig rein und dann in ihre Einzelteile zerlegt wieder heraus transportieren. Die Fabrikeinfahrt gleicht einem Flughafengelände, überall Zäune und Checkpoints. Sie ist die am meisten bekämpfte Filiale des größten Hühnerfleischproduzenten Deutschlands. Denn seit letztem Winter hat Wiesenhof, trotz vier Jahren Klagen aus der Nachbarschaft, Kampagnen von Tierschützern und Berichten von Umweltorganisationen, grünes Licht dafür bekommen, den Schlachthof auszuweiten und seine Kapazität drastisch zu erhöhen. 250.000 Tiere sollen dann am Tag durch den Fleischwolf gedreht werden. 

 

Aus Sicht der aktivistischen Gruppe Kampagne gegen Tierfabriken hat sich Wiesenhof damit selbst zur Zielscheibe gemacht: „Wir müssen schnell und spontan auf solche Pläne reagieren. Die Grünen zu wählen oder andere Formen der Realpolitik reichen nicht aus, sind zu träge und zu eingeschränkt, um das hier zu verhindern“, sagt Paula und zeigt hinter sich, wo sich Arbeiter in grünen Overalls und Plastikhandschuhen auf einer Laderampe sammeln. „Die Gruppe organisiert zwar auch Demos und Info-Abende, aber manchmal braucht es auch radikalere Aktionen wie diese, um ein Umdenken zu provozieren“, sagt sie.   

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    Fotograf: Paul Wagner; jib-collective

Spontan sieht die Aktion beim Aufbau um zehn Uhr morgens nicht aus. Eher wie eine penibel geplante und sauber orchestrierte Performance. In einer Kolonne aus durchschnittlichen Familienautos nähern sich die Aktivisten dem Hof, vorneweg ein weißer Sprinter, darin die zwei Betonfässer. Die ersten Minuten müssen sehr schnell gehen. Wenn sich der Sicherheitsdienst in den Weg stellt, ist es zu gefährlich, die tonnenschweren Fässer aus dem Auto zu schubsen und vor das Tor zu rollen. Blitzschnell dreht der Sprinter nach rechts, die Tür schon auf, die Fässer rollen akkurat vor das Schiebetor. Mit bunten Regenschirmen verdecken andere Aktivisten die Sicht vor Presse und Sicherheitspersonal, so dass Paula und ihre Mitstreiterinnen sich in den Fässern anschließen können und vor allem niemand sieht, wie das geht.

 

Unmöglich, das Tor zu öffnen, ohne den beiden weh zu tun

 

Zur gleichen Zeit ketten sich ein paar hundert Meter weiter ein junger Mann und eine blonde Frau mit Rock und Bauchtasche mit Bügelschlössern um den Hals an einem weiteren Ausgang fest. Die beiden sehen wenig gefährlich aus, wie harmlose Spaziergänger, ihre Aktion ist es aber. Unmöglich, das Tor zu öffnen, ohne den beiden weh zu tun. Am Haupteingang, wo sonst riesige Wiesenhof-Laster an hermetisch abgeriegelte Laderampen andocken, wird eine Leiter ausgeklappt und in weniger als dreißig Sekunden sitzen zwei junge Frauen mit bunten Schals und Sonnenbrillen auf dem LkW. Statt der Hähnchenkeule mit Omas Knödeln und der Aufschrift „Wiesenhof Original“ hängt da jetzt ein Banner auf dem „Gegen die Ausbeutung von Mensch, Tier und Natur“ steht. In weniger als fünf Minuten sind alle Eingänge der Schlachtfabrik blockiert. 

 

„Wir kennen das Prozedere“, sagt ein Polizei-Pressesprecher, der nach einer Stunde zusammen mit drei Mannschaftswagen vor Ort ist. Solche Blockaden gebe es seit 2012, also seit die Erweiterung des Schlachthofs geplant ist, immer wieder. Trotzdem ist die Polizei vor Ort weniger routiniert als die Aktivistinnen. Um Paula mit ihrer halben Tonne Gewicht am Arm wegzubewegen, braucht es spezielle Räumfahrzeuge und eine polizeiliche Sondereinheit. Und bis dahin bleibe nur abwarten, sagt der Sprecher.

 

Das Spiel auf Zeit geht auf. Immer mehr Arbeiter verlassen die Fabrik, manche gleichgültig, manche sehr verärgert, manche aggressiv den Protestierenden gegenüber: „Wir haben den Grill schon mal angeschmissen“, ruft ein glatzköpfiger Mann im weißen Kittel. Paula bleibt ruhig, auch wenn die Provokation sitzt. Sie grüßt freundlich. „Es geht uns um mehr als die Hühner da drinnen. Unser Protest richtet sich ja nicht gegen die Arbeiter, sondern auch gegen die Arbeitsbedingungen“, sagt Paula, deren Gesicht mittlerweile trotz Sonnencreme knallrot angelaufen ist. Sie möchte nicht als gefühlsduselige Tierliebhaberin abgestempelt werden, ihr Ziel sei gesamtpolitisch größer. „Mir geht es vor allem um eine grundsätzliche Kapitalismuskritik, die Fleischindustrie ist nur einer von vielen Angriffspunkten. Hier werden Tiere, aber genauso Menschen und Umwelt ausgebeutet“, sagt sie.

 

„Jedes Jahr kommen diese Idioten, das bringt doch nichts“

 

„Schwachsinn“, meint Uwe, der in diesem Text auch lieber anders heißen mag und sich das Treiben von weiter weg auf seinem Fahrrad anschaut. „Jedes Jahr kommen diese Idioten, das bringt doch nichts“, sagt er. Seit 20 Jahren arbeitet er in dem Schlachtbetrieb als Lkw-Fahrer, ein harter Job, sagt er. Seine Tochter, 14 Jahre alt, mit Zahnspange, steht daneben und nickt. „Außerdem ist das gar nicht so krass da drin“, ergänzt sie. Sie habe mal Praktikum bei Wiesenhof gemacht. Wie 140.000 Tiere am Tag durch diesen Betonklotz gehen, habe sie sich aber dann doch nicht so genau angeschaut. „Naja, die werden aufgehängt, dann bekommen sie so nen Stromschlag und dann…“, sie fährt sich mit dem Finger über den Hals. So genau wisse sie das aber auch nicht, das Praktikum war in der Büroabteilung. „Das Schlachten machen wir nicht“, fügt ihr Vater hinzu, „das ist echt ein Drecksjob, den machen andere.“ Naja, wie überall sonst in Deutschland auch „die Ausländer“, sagt er dann. Könne man ja verstehen, wenn sich die Deutschen dafür zu schade sind. Am besten wäre es eh, wenn keiner diesen Job machen müsste, aber dann gäb’s halt kein Geflügel zum Essen, sagt er dann ein bisschen versöhnlicher und fährt weiter, um sich noch die anderen Blockadepunkte anzuschauen.       

 

Tatsächlich sprechen die meisten, die gegen Mittag in ihren Ganzkörperanzügen die Fabrik verlassen, alle möglichen Sprachen, außer Deutsch. Auf einem Flyer, den die Aktivisten an Angestellte verteilen, steht deshalb auf Deutsch wie auf Englisch: „Es ist nicht unsere Absicht, ihren Heimweg zu erschweren. Unser Ziel ist es, dass aus dem Schlacht- und Mastbetrieb andere Arbeitsstätten mit besseren Arbeitsbedingungen und besserer Bezahlung werden.“ 

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    Fotograf: Paul Wagner; jib-collective

Infolge einer umfassenden Investigativrecherche der ARD musste sich das Unternehmen in der Vergangenheit den Vorwürfen stellen, Jobs an Subunternehmen mit schlechten Arbeitsbedingungen auszulagern. Man habe keinen Einfluss darauf, was andere Firmen mit ihren Arbeitern machen, meinte Paul-Heinz Wesjohan, Chef der PHW-Gruppe, zu der Wiesenhof gehört, damals. Wiesenhof unterzeichnete dann gemeinsam mit anderen Unternehmen der Fleischbranche eine Selbstverpflichtungserklärung, diesen Missständen vorzubeugen. Dass Leiharbeiter und Werkvertragsarbeiter die ersten sind, deren Jobs nicht ersetzt werden, zeigte sich im letzten Jahr, als der Schlachthof Lohne ausbrannte. Rund ein Drittel der 1200 Arbeiter waren hier auf Leiharbeitsbasis angestellt. Für sie gab es keine Möglichkeit, in einem anderen Wiesenhof-Betrieb Anstellung zu finden, nur 400 Festangestellte fanden einen neuen Job im Unternehmen. Mittlerweile liegt der Mindestlohn in der Fleischindustrie bei 8,75 Euro und damit immer noch knapp unter dem gesetzlichen Mindestlohn von 8,84 Euro in Deutschland. Allein im letzten Jahr verzeichnete das Unternehmen einen Umsatz von 2,46 Milliarden Euro und bleibt somit auf dem deutschen Geflügelmarkt unangefochtener Marktführer. Auf unsere Anfragen auf mehreren Kanälen zur Blockade-Aktion in Wietze-Holte hat Wiesenhof bisher nicht reagiert.

Vorsichtshalber trägt Paula unter ihren Leggins eine Windel

 

Paula ist es wichtig, diese Dimensionen in ihrem Protest mitzudenken. In ihrem Alltag arbeitet sie viel mit Geflüchteten zusammen. „Mir ist es besonders wichtig, dass dieser Protest nicht als reiner Öko-Protest gelesen wird. Der strukturelle Rassismus unserer Gesellschaft zeigt sich in den mangelnden Arbeitsrechten, die meistens Migrantinnen treffen und dagegen kämpfen wir genauso“, sagt sie. Ein weniger hehres Ziel, aber trotzdem einen kleinen Erfolg haben die Aktivisten dann zu mittags erreicht: Die Fließbänder stehen für kurze Zeit still. Paula freut sich, der Gedanke, dass ihre Aktion keine direkten Folgen hat, wäre zu deprimierend. Seit vier Stunden verharrt sie mit dem Arm im Betonfass, mal liegend, mal sitzend. Die Position ist ein körperlicher Härtetest. Andere Aktivisten versorgen sie mit Sonnencreme, Essen und Wasser. Zu viel will sie aber lieber nicht trinken, in dieser Situation auf Klo zu müssen, wäre sehr ungünstig. Vorsichtshalber trägt sie unter ihren Leggins trotzdem eine Windel.

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    Fotograf: Paul Wagner; jib-collective

„Sie können aufstehen und gehen, ansonsten ist das hier Landfriedensbruch und ein Verstoß gegen das Versammlungsrecht“, lautet die erste Warnung der Polizei gegen 17 Uhr. Dreimal müssen die Aktivistinnen zum Gehen aufgefordert werden, erst dann darf die Polizei räumen. Bedenkzeit brauchen Paula und ihre Kumpanin, die auf der anderen Seite des Fasses feststeckt, nicht. Beide rotgebrannt und sichtlich erschöpft, sind sie sich einig. Sie bleiben. Nebenan fahren zwei Polizisten mit Klettergurten gesichert auf einer Hebebühne zum Dach des Lasters, die zwei Frauen gehen ohne Widerstand mit, in dieser Situation könnte eine Weigerung gefährlich werden und außerdem haben sie den Betrieb ja schon gestoppt. Die Schlösser am dritten Tor werden mit Spezialwerkzeug geöffnet, die Aktivisten durchsucht. Als letztes kommen die Spezialeinheiten zu Paula und ihrem tonnenschweren Fass.

 

Die Aktivisten sind ein Investitionsrisiko

 

„Sie müssen aufpassen, das kann mir den Arm brechen“, ruft sie, als die Polizisten versuchen, das Fass mithilfe von Hubwagen und kleinen Gabelstaplern wegzubewegen. Paula wird auf einem Rollbrett nebenhergezogen und samt ihrem Betonklotz auf dem Parkplatz nebenan abgeladen. Wenige Minuten später wird neben ihr das Zufahrtstor wieder geöffnet und der erste Fleischtransporter rollt durch die offene Tür, Arbeiter wuseln ihm entgegen und beladen ihn routiniert mit großen Plastikboxen. Wie auf einer Ameisenstraße fädeln sich die grünen Wiesenhof-Transporter vor den Zufahrten ein, gegen 19 Uhr ist die Schlachtfabrik wieder in vollem Gang.

 

Dass die Tötung von Hühnern gänzlich gestoppt wird, stand für die Aktivisten allerdings eh nicht im Vordergrund. Wichtiger ist ihnen der Imageschaden, den das Unternehmen von solchen Aktionen gegenüber seinen Kunden, den Supermärkten, davonträgt. Sie hoffen, dass Wiesenhof sich für die Lieferverzögerungen rechtfertigen musste und spätestens da könnten sich Zulieferer wie Lieferanten fragen, warum dieser Schlachthof immer wieder blockiert wird. Die Aktivisten sind das Investitionsrisiko, der kleine Stein im Getriebe, der auf lange Sicht vielleicht verhindert, dass das knallgelbe Rapsfeld auf der anderen Straßenseite einem weiteren Schlachthaus für mehr als 100.000 Hühner täglich weichen muss. 

 

Zumindest, hofft Paula, ist die Arbeit der Kampagne gegen Tierfabriken der Grund, dass diese Pläne noch nicht realisiert wurden. „Das würde Wiesenhof so natürlich nicht zugeben“, meint sie. In deren Berichten tauchen die Protestaktion immer nur marginal auf, ein Eingestehen der Verluste durch einen solchen Blockadetag, wäre ein Sieg für die Aktivisten. Für Paula hat sich die Aktion trotzdem gelohnt. Sie wirkt erschöpft, aber nach wie vor entschlossen. „Ich weiß, dass sich der Kapitalismus nicht von einem Tag auf den anderen abschaffen lässt. Aber für mich persönlich zeigen Tage wie heute, dass es sich lohnt, dafür zu kämpfen“, sagt sie.

 

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Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels hieß es, Wiesenhof lagere das Schlachten und Verladen der Tiere an Leiharbeitsfirmen aus Osteuropa aus und bezahle ihre Arbeiter nach rumänischen Standards. Dies ist nicht der Fall, wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

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