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Wodurch lernt man eigentlich am besten? Aus Fehlern? Diese Fragen haben unseren Autor ganz schön gequält. Bis er in einer Rede des Schriftstellers David Foster Wallace eine Antwort fand.
lars-weisbrod

Es sind die dunkleren Stunden, in denen ich mir wirklich Gedanken darum mache, was es heißt zu lernen. Wenn ich nach einem schlechten Tag oder einer schlechten Woche nach Hause komme, die Tasche auf den Boden werfe und mich aufs Bett. Wenn es mal wieder nicht funktioniert hat mit der Klausur, der großen Liebe oder dem tollen Job – dann bohrt sich eine Frage in meinen müden Kopf: Wie kann ich lernen, es endlich besser zu machen? Und von wem?

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Von wem kann man lernen, es endlich besser zu machen?

Das Lernen lernen, dazu gibt es Vorträge an Volkshochschulen, lebenslanges Lernen, das fordern Bildungspolitiker. Es mangelt auch nicht an Gelegenheiten dazuzulernen: von unseren Freunden, die es besser machen. Von unseren Dozenten, die es uns erklären wollen. Aus den schlauen Büchern und Filmen, die wir lesen und uns ansehen. Und natürlich aus den ganzen Fehlern, die wir schon gemacht haben – es sind ja weiß Gott genug gewesen. Aber wenn ich mit Jacke und Schuhen auf dem Bett liege und mich die Frage nach dem Lernen quält, kommt es mir so vor, als lerne man am Ende trotzdem nie. Das wäre schrecklich. Dann würde man nur immer älter und blasser im Gesicht, aber weiter käme man nicht. Man würde sich nur ständig im selben langweiligen Kreis herumbewegen wie ein blöder Planet auf einer traurigen Umlaufbahn.

2005 hielt der Schriftsteller David Foster Wallace vor Absolventen des Kenyon College in Ohio die Abschlussrede. Er sprach über das alte Klischee, dass man in einem geisteswissenschaftlichen Studium nicht Wissen lerne, sondern das Denken. Wallace erzählt den College-Absolventen, wie er als durchschnittlicher Erwachsener jeden Tag die grausamsten Situationen durchleben muss. Nicht nur die großen Verzweiflungen, sondern vor allem die Kleinigkeiten wie den Feierabendgang in den Supermarkt: Stau auf dem Hinweg, Schlange an der Kasse, unfreundliche Kassiererin. „Und dann müssen Sie mit Ihren Lebensmitteln in den schauderhaften, hauchdünnen Plastiktüten im Einkaufswagen mit dem einen eiernden Rad, das immer so nervtötend nach links zieht, draußen über den ganzen überfüllten, holprigen, zugemüllten Parkplatz und die Tüten möglichst so im Wagen verstauen, dass nicht alles rausfällt und auf der Heimfahrt im Kofferraum herumkullert …“

Das Erwachsenenleben besteht zum Teil aus solchen Momenten, frustrierend wie das eiernde Rad am Einkaufswagen. „Wenn Sie aber“, sagt Wallace dann, „wirklich zu denken gelernt haben und aufmerksam sein können, dann wissen Sie, dass Sie eine Wahl haben. Dann steht es in Ihrer Macht, eine proppenvolle, heiße und träge Konsumhölle als nicht nur sinnvoll, sondern heilig anzusehen, weil sie mit einer Energie geladen ist, die Sterne erschaffen konnte … Nicht dass so ein mystischer Murks unbedingt wahr wäre: Im Vollsinn des Wortes wahr ist nur, dass es Ihre Entscheidung ist, wie Sie die Dinge sehen wollen.“

Wallace’ Rede erscheint im Mai in deutscher Übersetzung. Als ich sie kürzlich las, war sie für mich vor allem eine ziemlich klare Antwort auf die bohrende Frage nach dem Lernen: Natürlich wirst du enttäuscht, wenn du lernen willst, Sachen anders zu machen. Nicht weil man Sachen-anders-Machen nicht lernen könnte – das geht schon. Nur ist das Lernstoff, der einem in wichtigen Momenten nicht weiterhilft. Eigentlich weiß das jeder: Man wird nicht erfolgreich, indem man ein Buch darüber liest, wie man erfolgreich wird. Natürlich gibt es auch Tricks, die das Leben einfacher machen. Man kann sein Bier ohne Flaschenöffner aufmachen, wenn man gelernt hat, wie es mit einem Feuerzeug geht. Das wirklich Wichtige hat man aber nicht gelernt, wenn man Dinge anders macht – man hat es gelernt, wenn man die Dinge anders sieht. Wenn man das einmal verstanden hat, kann man aus allem lernen.

Sicher ist die geisteswissenschaftliche Fakultät einer Universität ein offensichtlicher Ort, um sich zeigen zu lassen, wie man Dinge anders sehen kann. Aber es ist nicht der einzige und wahrscheinlich nicht einmal der effektivste. Ich selbst lerne das am besten von den Menschen um mich herum, die ich mag: Wenn die Welt einem wie ein großer Haufen Müll vorkommt, ist sie für andere vielleicht ein Spielplatz. Ich glaube, dass man manche Menschen genau deswegen besonders mag: weil man das von ihnen so gut lernen kann. Ja, das sind Plattitüden. „Tatsache ist aber“, auch das gab Wallace den Absolventen mit auf den Weg, „dass Plattitüden in den alltäg­lichen Grabenkämpfen des Erwachsenendaseins eine lebenswichtige Bedeutung haben können.“

Text: lars-weisbrod - Bild: Flügelwesen/photocase.de

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