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Ganz nah an der Familie

Unsere Autorin ist pünktlich zum Studienbeginn bei ihrer 87-jährigen Oma eingezogen. Klingt anstrengend, war aber super.
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Das Ende der Schulzeit birgt einen entscheidenden Vorteil: Endlich streift man die Rollen ab, die seit der sechsten Klasse an einem kleben wie festgetretener Kaugummi vor dem Schultor. Man kann neu beginnen und herausfinden, wie man leben möchte. Am besten funktioniert diese Selbstfindung weit weg von der Familie. Auch ich wollte weit weg. Aber dann bekam ich kurzfristig eine Zusage von der Universität in der Kleinstadt, in der meine Großmutter lebte. Die Zeit drängte, und ich fand kein WG-Zimmer. Schließlich fragte ich meine Großmutter, ob ich vorübergehend bei ihr unterkommen könne. Zunächst war sie skeptisch. Sie murmelte: „Probieren können wir’s ja mal.“

So packte ich im Spätsommer vor sechs Jahren Fahrrad, Laptop und einen wackligen Schrank ins Auto und zog zu meiner damals 87-jährigen Oma in die westfälische Heimat meiner Familie. Die ersten Uniwochen waren aufregend, vollgepackt mit Einführungsvorlesungen, Kennenlern-Kneipenrunden und schrecklichen Ersti-Partys. Ein normaler Semesterstart. Doch während meine Kommilitonen mit ihren neuen WG-Kollegen den Platz im Kühlschrank systematisch aufteilten, richtete ich mich in dem Backstein­haus ein, in dem ein Teil meiner Familie seit über sechzig Jahren lebt: im Erdgeschoss meine Großmutter, im ersten Stock die Großtante, im Dachstuhl ein Cousin, zwei weitere Cousins nur fünf Minuten Fußweg entfernt. Statt ungespülter Tassen stapelten sich bei mir Kreuzworträtsel auf dem Esstisch, an der Wand hingen Zierteller. Wenn ich nach Hause kam, war es, als tauchte ich vom hektischen Unileben zurück in die Vergangenheit – in eine Wohnung, in der seit Jahrzehnten kein neues Möbelstück platziert wurde. Öffnete ich den Kleiderschrank auf dem Dachboden, glaubte ich den Staub des Wirtschaftswunders von den Kleidern meiner Großmutter abklopfen zu können. Fuhr ich sie in ihrem Rollstuhl durch die Innenstadt, erzählte sie zu jeder Straßenecke eine eigene Geschichte: Am Denkmal hatte sie sich immer mit meinem Großvater verabredet. In einer der Hochschulsport-Turnhalle hatte sich ein Verwandter fast den kleinen Zeh am Barren abgerissen, sagte sie. Noch heute zeuge ein Blutfleck auf dem Linoleumboden von seiner missglückten Grätsche. Auch wenn ich diesen Fleck nie fand: Mit meiner Großmutter sah ich die Stadt nicht nur durch die Augen der Erstsemesterin, welche die Lebensqualität der Stadt nach Liegewiesen-, Kneipen- und Cafédichte bewertet.

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Jeder Tag war genau getaktet. 16 Uhr: Kaffee und Kuchen. 20 Uhr: Tagesschau. Sonntag, 13 Uhr: Braten mit Kartoffeln, Erbsen und Möhren. Sonntag, 13.05 Uhr: ein erstauntes: „Dass du keinen Braten magst!“

Meine Großmutter bewältigte den Tag in kleinen Etappen. Die Zeiten hatten sich auch beim Rest der Familie eingebrannt, sodass oft Cousins, Onkel und Bekannte zur bekannten Uhrzeit auf einen Kaffee vorbeikamen. Ich war tagsüber meist an der Universität. Allein der Gedanke an diesen straff organisierten Tagesablauf engte mich ein. Gleichzeitig mochte ich die Berechenbarkeit meiner Großmutter und das Gefühl zu wissen, dass sie immer da war. Sie ließ mir Freiräume. Sie war eine dieser älteren Frauen, die das Leben mit all seinen Schicksalsschlägen entspannter gemacht hatte. Sie wuchs in den Nachwehen des Ersten Weltkrieges auf, durchlebte den Zweiten, verlor früh ihren Mann — da würde sie mit mir schon fertig werden, sagte sie einmal mit einem Lachen. Nie schrieb sie mir vor, wann ich zu Hause sein sollte oder was ich zu tun hatte. Sie fragte: „Willst du nicht lieber nachts radeln als laufen?“ oder „Bist du auch schön warm?“ — Fragen, die, von den Eltern gestellt, maßlos stören. Aber sie war halt die Oma.

Durch die Nähe im Alltag sah ich meine Großmutter nicht nur als liebenswürdige Frau, die bestens tröstete, buk und strickte. Ich lernte auch ihre Sorgen, Ängste und auch ihre Kauzigkeiten kennen. Für jede Situation hatte sie einen eigenen Spruch. Wenn ich Jungsgeschichten erzählte, dann hob sie wichtig den Finger und zitierte Schiller: „Drum prüfe, wer sich ewig bindet.“ Ging es um Eskapaden jeglicher Art, murmelte sie: „Jedem Tierchen sein Pläsierchen.“ Kosmetik hielt sie für Teufelszeug. Sie schüttelte jedes Mal den Kopf, wenn sie meine Cremetiegel im Badezimmer sah. Als Beweis, dass es auch ohne geht, führte sie immer ihre knittrige, aber rosige Haut an.

Je besser ich meine Großmutter kennenlernte, umso mehr sorgte ich mich auch um sie. Eine Großmutter alle paar Wochen anzurufen, sie an Geburtstagsfeiern kurz zu drücken, das ist etwas anderes, als sie jeden Tag zu erleben und Zeuge ihres Älterwerdens zu sein. Ich fühlte mich verpflichtet, ihr in all den Dingen zu helfen, die sie nach und nach nicht mehr allein bewältigen konnte. Ich ging einkaufen, fuhr sie im Rollstuhl zur Krankengymnastik, zur Dauerwelle und auf den Markt. Oft wetzte ich zwischen Vorlesungen zu ihr oder rollte sie im flotten Dauerlauf zu ihren Terminen, wenn ich zu spät war.

Mit ihr zu wohnen bedeutete allerdings auch, mein Unileben und mein Zuhause zu trennen. Meine neuen Bekannten zum Kochen in ihrer Küche einzuladen oder zum Biertrinken im Wohnzimmer, das war ausgeschlossen. Zu viele fremde Leute strengten sie an. „Dafür bin ich einfach zu alt“, sagte sie und lachte. Im zweiten Studienjahr suchte ich mir ein eigenes WG-Zimmer. Als ich mein Rad, meine Kleidung und meinen Laptop einpackte, drückte sie mich fest. „Nach vierzig Jahren allein ist es nicht einfach, die Wohnung zu teilen. Ich hätte nicht gedacht, dass es so gut klappt“, sagte sie. Und dann: „Ich werde dich vermissen.“

Text: fiona-webersteinhaus - Foto: complize / photocase.com

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