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2900 Euro netto für den jungen Lehrer

Andreas ist happy mit seinem Beruf – auch wenn ihm niemand sagte, dass das Lehrerwerden mit Deutsch und Englisch ziemlich schwierig ist.
Von Max Sprick
  • job kolumne lehrer
    Illustration: Katharina Bitzl

Andreas Bockholt ist 29 und Lehrer. Seit einem halben Jahr ist er Klassenlehrer einer sechsten Klasse der Gutenbergschule in Wiesbaden, wo er außerdem Klassen bis zum Abitur unterrichtet. Er wurde gleich verbeamtet - obwohl seine Fächerkombination Englisch und Deutsch eine der beliebtesten unter Lehramts-Studenten ist.

 

Der Weg

 

Ich habe in der Schule gemerkt, dass ich mich für Englisch und Deutsch interessiere, aber wusste lange nicht, was ich damit anfangen sollte. Während meines Zivildienstes habe ich nebenher viel Nachhilfe und Hausaufgabenbetreuung gegeben und gemerkt, dass ich Spaß daran habe, andere für neue Inhalte zu begeistern oder ihr Verständnis zu fördern. Meine Eltern sind auch beide Lehrer, meine Mutter an einer Förderschule, mein Vater an einer Berufsschule. Meine Mutter wollte eigentlich, dass ich nicht auch Lehrer werde. Lieber Medizin oder Jura studieren, hat sie gesagt. Aber das war beides nichts für mich.

 

Ich habe dann insgesamt zwölf Semester auf Lehramt studiert, klingt viel, aber ich war auch zwei Semester im Ausland und habe mit Deutsch, Englisch, Bildungswissenschaften und Italienisch vier Fachwissenschaften studiert. Dass man mit dieser Fächer-Kombination Probleme hat, eine Referendariatsstelle, beziehungsweise, danach eine feste Stelle zu bekommen, sagt einem vor und während des Studiums niemand. Man denkt ja, für Hauptfächer gibt es immer Bedarf. Dass das nicht so ist, habe ich erst realisiert, als ich mich mit anderen Lehrern darüber unterhalten habe.

 

Ich hatte dann echt eine schwierige Phase, in der ich mir viele Gedanken darüber gemacht habe. Ich bin dann sogar zur Berufsberatung, um mich zu erkundigen, was ich mit meinem Studium sonst noch anstellen könnte. Die haben mir gesagt, ich müsste mich weiterqualifizieren, ein BWL-Studium draufsetzen oder so. Aber die Dame dort hat auch etwas Entscheidendes gesagt: "Wenn Sie überzeugt von ihrem Berufswunsch sind, verfolgen Sie ihn weiter. Die Situation auf dem Arbeitsmarkt kann sich immer wieder ändern." Das hat mir neuen Mut gegeben.

 

Ich hätte nach meinem Examen vermutlich zwei Jahre auf eine Referendariatsstelle warten müssen, deswegen habe ich das Bundesland gewechselt und bin von Mainz nach Leverkusen gezogen. Da kannte ich zwar keinen Menschen, aber es gab eine Stelle. Das Referendariat ging dann nochmal eineinhalb Jahre. Im Anschluss  habe ich eine Stelle in Schleswig-Holstein angeboten bekommen und bin in den Norden gezogen.

 

Für mich war aber immer klar, dass ich in meiner Heimat leben und arbeiten möchte. Innerdeutsch reizt mich einfach keine andere Stadt so wirklich. Wieder nach Hause zurückzukehren, empfand ich nie als langweilig. Diesen Sommer hat es dann geklappt: An dem Gymnasium in Wiesbaden, an dem ich schon als Student gearbeitetet hatte, habe ich eine Stelle bekommen. In meinem Alter verbeamtet zu werden ist sehr glücklich, ich weiß das. Kommilitonen und Kollegen von mir warten da zum Teil Jahre lang drauf. 

Die Wirklichkeit

Nach dem Referendariat habe ich in Schleswig-Holstein auch Flüchtlinge unterrichtet. Wir hatten dort Deutsch-Intensiv-Klassen, wo ich Jugendlichen ab 16 Jahren aber nicht nur die deutsche Sprache, sondern auch die Kultur vermitteln sollte. Im Endeffekt noch viel mehr als das. Ich war oft Hilfe für bürokratische Dinge. Wenn zum Beispiel einer eine Monats-Fahrkarte kaufen wollte und weder wusste, wie das geht, noch wer die bezahlt, habe ich mit Ämtern und Behörden für ihn telefoniert. 

 

Die Aussage: "An meinen schlechten Noten ist nur der Lehrer schuld, der mag mich halt nicht", ist eine billige Ausrede. Ich gebe zu, dass ich das früher selbst als Schüler auch manchmal gedacht habe. Aber das relativiert sich später. Beide Seiten, Schüler und Lehrer, müssen bereit sein, sich aufeinander einzulassen. Ich finde, das gelingt mir in meinen Klassen bislang gut.

 

Ich bin mir bewusst, welche Rolle ich in der Entwicklung der Kinder spiele. Das habe ich früher unterschätzt, da war mir als Schüler oft nicht klar, was der Lehrer überhaupt von mir will. Jetzt selbst als Lehrer muss ich ein Gespür für verschiedene Hintergründe der Kinder entwickeln, muss Kompromisse mit ihnen und ihren Eltern eingehen und verschiedene Verhaltensmuster drauf haben. Zu sehen, dass meine Arbeit nachhaltig ist, gibt mir ein gutes Gefühl.

 

Ich bin jetzt viel freier in der Unterrichtsgestaltung als noch im Referendariat. Ich überlege auch: Wie hätte ich das als Schüler empfunden? Das ist aber schwer, weil Geschmäcker sich verändern. Ich kann verstehen, wenn Schüler keinen Bock auf ein bestimmtes Thema haben. Im Deutsch-Unterricht hatte ich zum Beispiel überhaupt keine Lust, "Irrungen und Wirrungen" von Fontane zu lesen. Aber dann ist es die Aufgabe des Lehrers, also meine, diesen Stoff spannend rüberzubringen. Ich habe ja auch mit der Zeit gelernt, mich darauf einzulassen und beschäftige mich heute gerne mit Stoff, der mir als Schüler nicht so interessant schien.

Der Tagesablauf

Ich habe 27 Wochenstunden Unterricht. Klingt erstmal wenig. Aber mit Vorbereitungen und Überlegungen, wie ich die Inhalte des Lehrplans spannend verpacken kann, komme ich sicher auf 50 Arbeits-Wochenstunden. Das versuche ich in Freistunden zu erledigen, damit ich es nicht mit nach Hause nehmen muss. Dann habe ich aber noch keine Klassenarbeiten korrigiert. 

 

Man geht als Lehrer nicht mittags nach der sechsten Stunde heim und legt die Füße hoch. Und man hat auch nicht ewig lang Urlaub. Man muss auch in den Ferien irgendwann wieder anfangen, seinen Unterricht vorzubereiten. Zumindest, wenn man noch ganz neu im Beruf ist. Ich kann mir vorstellen, dass das mit der Zeit und der Routine einfacher und stressfreier wird. Momentan stört mich das schon sehr, dass ich viel Arbeitszeit aufbringen muss, auch am Wochenende, die nicht bezahlt wird.

 

Ich habe drei Mal in der Woche zur ersten Stunde und meistens lange Unterricht, also bis 17 Uhr. Aber auch, wenn ich nicht zur ersten Stunde habe, komme ich meistens zur ersten, weil ich lieber in der Schule etwas vorbereite, als abends zu Hause.  Ich stehe also jeden Tag um 6:15 Uhr auf. Wenn ich dann heimkomme, versuche ich so schnell wie möglich wieder an die frische Luft zu gehen, um den Kopf frei zu bekommen. In der Regel gehe ich dann joggen. 

Das Privatleben

Zwischen Beruf und Privatleben kann ich schon trennen. Ich nehme mir auch am Wochenende bewusst meine freie Zeit. Der Schnitt in der Freizeit zwischen Student oder Refenderar zum Beamten ist nicht so groß, finde ich. Klar hat man weniger Zeit fürs Privatleben und ist an festere Abläufe und Strukturen gebunden. Aber wenn man sich dran gewöhnt, das entsprechend einzuteilen, kommt man damit gut zurecht. 

Das Geld

Als frischer Beamter steigt man in Hessen in der Besoldungsstufe A13 ein. Das sind etwa 2900 Euro netto im Monat. Damit bin ich zufrieden. Vor allem gibt mir die Verbeamtung eine Absicherung. Und ja, ich weiß theoretisch, wie mein Berufsleben in den nächsten 35 Jahren aussehen wird und wie viel ich wann verdienen werde - aber das heißt nicht, dass ich bis zur Pension das Gleiche machen muss. Es gibt immer Möglichkeiten, sich zu verändern. Für einige Zeit im Ausland unterrichten könnte ich mir zum Beispiel gut vorstellen.

Die Frage, die auf Partys immer gestellt wird:

So ziemlich jeder sagt als erstes: "Als Lehrer hast du doch sau viel Urlaub, oder?" Und danach: "Oh Gott, Lehrer? Darauf hätte ich ja keinen Bock gehabt, ich war froh, als ich aus der Schule raus war." 

 

Hier erzählen junge Menschen von ihren Jobs: 

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