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Woher der Hass? E-Mails

Manche Dinge werden leidenschaftlicher gehasst als andere. Diese Kolumne erklärt, warum. Folge 16: überfüllter Posteingang.
lars-weisbrod
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Jetzt, in der Urlaubszeit, da geht der Hass im E-Mail-Postfach wieder los. Wer eine Mail abschickt, muss zittern: Hoffentlich ist der Angemailte im Büro. Sonst wird es übel, dann kommt sofort eine Antwort-Mail, gemein wie ein Schlag in die Nieren: „Ich bin bis zum 27.8. nicht da, Ihre E-Mail wird nicht gelesen. In DRINGENDEN FÄLLEN wenden Sie sich an meine Kollegin Lieschen Müller. P.S.: Sie sind ein Schwein, dass Sie mir mitten im Sommer Mails schicken. Schämen Sie sich eigentlich nicht?!“ Gut, der letzte Teil ist erfunden, aber ungefähr so klingen automatische Abwesenheitsnotizen heute. Sie sind zu Dokumenten des Hasses geworden, des Hasses auf die vielen eingehenden Mails: der Newsletter der Uni-Gruppe, den man nie abbestellt hat, eine Zusammenfassung der Konferenz von eben, eine Zusammenfassung der Konferenz gleich, noch ein Newsletter, dann hat Martin, der Typ aus der Grafik, eine Frage, oh nein, und jetzt fangen er und Jens ein Gespräch über Schriftarten an und ich bin in CC! So geht das den ganzen Tag, und zack, hat man seine fünf Milliarden Mails im Postfach und muss auf Kur.

Als Reaktion darauf hat sich ein Kult darum entwickelt, wie man sein Postfach in den Griff bekommt. Mails sind die neuen Kalorien, man muss sie zählen und vernichten. „In zwei Wochen bin ich von 23769 Mails in meiner Inbox auf null gekommen – so funktioniert es“, titelte die Washington Post neulich wie eine Frauenzeitschrift im Diät-Wahn. Besonders beliebt ist die Radikallösung: Alle während des Urlaubs eingehenden Mails automatisch ungelesen löschen zu lassen. Man stelle sich vor, die eigene Tante würde anrufen und sagen: „Leider habe ich das Paket mit deinen selbst gebastelten Geschenken nicht bekommen. Ich war in Baden-Baden und habe meine Haushälterin angewiesen, alle Post in den Müll zu werfen!“Die Tante käme sofort ins Heim. Aber wer E-Mails ungelesen löscht, kommt in die Washington Post.

Die Sisyphoshaftigkeit des Abarbeitens von Mails kann einen in den Wahnsinn treiben, klar. Ich persönlich aber glaube, Mailhass hat einen anderen Grund: Als Kind habe ich sehr gerne Büro gespielt, mir eine Firma ausgedacht, einen Briefkopf entworfen und an alle Familienmitglieder interne Memos geschickt. Leider kam nur selten mal eine Antwort. Damals dachte ich: Gut, dann spiele ich jetzt halt Lego, aber eines Tages bin ich kein blödes Kind mehr und bekomme ganz viele Memos!

Inzwischen bekomme ich zwar viele Memos, die jetzt E-Mails heißen. Aber es ist nicht so toll, wie ich es mir damals vorgestellt hatte. Vielleicht weil es zwar viele sind, aber keine davon eine wichtige: Kofi Annan schreibt mir nicht, Miranda July auch nicht. Und selten muss ich wie bei meiner Kinderfirma kritische Unternehmensentscheidungen per Mail treffen.

Wenn ich nach dem Urlaub in mein Postfach gucke, sind die meisten Mails nicht mal für mich. Sie tragen Betreff-Zeilen wie „Hat jemand ein Nokia 3310 Aufladegerät?“ Vielleicht hasst man die vielen Mails nicht, weil es zu viele sind, sondern bloß, weil es die falschen sind. Womöglich muss man umdenken und die Lösung ist: noch mehr Mails, bis die richtigen dabei sind! Ich fange damit an. Und bitte um Zuschriften an lars.weisbrod@gmail.com.

Text: lars-weisbrod - Illustration: Daniela Rudolf

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