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Gestatten: die SWUG

Weiblich, Anfang 20, kurz vor dem College-Abschluss an einer Elite-Uni aber trotz aller Jugend und Bildung abgewrackt: Die SWUG ist derzeit die wahrscheinlich traurigste vorstellbare Selbstdefinition junger Frauen.
juliane-frisse

Angefangen hat es mit der „SWUG“ angeblich als ein harmloser Insider-Witz unter Studentinnen. Dann kamen ein paar Essays in der Hochschulzeitung. Und nun schreiben lauter US-Medien wie das New York Magazine oder The Atlantic über die SWUG, Studenten widmen ihr sogar Paneldiskussionen. Irgendeinen Nerv muss diese ursprünglich ironisch gemeinte Selbstdefinition der SWUG also getroffen haben, obwohl gar nicht so eindeutig ist,  wer oder was sich dahinter eigentlich verbirgt. Oder vielleicht auch gerade deswegen.  

Aber der Reihe nach. SWUG ist eine Abkürzung für Senior Washed Up Girl. Gemeint ist damit also eine junge Frau Anfang 20, die sich gerade im letzten College-Jahr (dem Senior Year) befindet, aber dennoch schon erledigt ist oder gar abgewrackt – je nachdem, wie hart man es ins Deutsche übersetzen möchte. Entstanden ist der Begriff vor zwei Jahren unter Studentinnen der amerikanischen Elite-Universität Yale oder der nicht weniger renommierten Cornell University, so genau lässt sich das nicht mehr zurückverfolgen. Diese Studentinnen befanden sich in eben jenem letzten Jahr vor dem College-Abschluss und stellten fest: Inzwischen lümmelten sie lieber in Jogginghose auf dem Sofa herum und tranken zusammen mit ihren Freundinnen Rotwein, statt sich wie mit 19, als sie neu an die Uni kamen, für die nächste Party auf dem Campus aufzubrezeln und dort mit den anwesenden jungen Herren zu flirten, zu knutschen oder im Anschluss ins Bett zu gehen. Daraufhin nannten sie sich SWUGs.  

Das Etikett SWUG sei damals positiv gemeint gewesen, erzählt eine der Ur-SWUGs dem Frauenmagazin Jezebel. Es sollte „weibliche Kameradschaft“ beschreiben und für eine „bestimmte Lebenseinstellung während des letzten College-Jahres“ stehen. „Wir wussten, dass wir nicht abgewrackt waren. Wir haben uns einfach über uns lustig gemacht. Niemand hat das ernst gemeint,“ zitiert Jezebel eine andere junge Frau.  

Man könnte nun meinen, dass es ganz natürlich ist, sich nach mehreren Jahren unter dem ständigen Leistungsdruck an einer Ivy-League-Uni wie Yale oder Cornell ausgelaugt, vielleicht sogar abgewrackt zu fühlen. Oder es für normal halten, dass man nach knapp vier Jahren womöglich auch etwas gelangweilt ist von den ständigen College-Partys und es sich deswegen genauso gut zuhause bequem machen kann: Kurz vor dem Abschluss ist eine Lebensphase fast abgeschlossen, ein guter Zeitpunkt also, um Kräfte zu sammeln, für das, was noch vor einem liegt, noch neu und unbekannt ist und deswegen so viel aufregender erscheint. Eine SWUG zu werden, wäre demnach der normale Lauf der Dinge, kein Phänomen, über das es sich groß zu philosophieren lohnt.   

Dennoch erschienen in der Studentenzeitung der Uni Yale immer mehr Artikel über die zwar nicht neue, aber neu gelabelte weibliche Sozialfigur SWUG. Und irgendwann hatte die SWUG lauter Eigenschaften, die mit faulen Sofaabenden nicht mehr viel zu tun hatten, sondern nur noch mit Alkohol und der Unlust, sich aufzubrezeln: SWUGs, so hieß es, gingen sehr wohl auf Studentenpartys, nur dass sie, diese verbrauchten Damen, im Gegensatz zu den knackigen 18-jährigen Erstsemestern keine Typen mehr abbekamen. Also würden sie aus der Not eine Tugend machen und vor sich hertragen: Die Jungs interessieren uns überhaupt nicht! Also gehen wir in Sweatpants auf die Party! Weibliche Kameradschaft sieht anders aus.  

Was aus der SWUG im Laufe der Debatte wurde, ist so bizarr wie traurig und überkritisch: Junge Frauen Anfang 20, die angeblich schon zu alt und abgewrackt sind, um den gleichaltrigen Männern zu gefallen, und deshalb neidisch auf die noch jüngeren Frauen schauen. Der Begriff SWUG hat so inzwischen etwas eindeutig Abwertendes und Frauenfeindliches bekommen. Trotzdem bezeichnen sich zumindest manche Senior Year Studentinnen in Yale weiterhin als SWUGs. Es ist wohl nur mit dem Wunsch nach Selbstfindung zu erklären und dem Bedürfnis, herauszufinden, wer man ist - und irgendwo dazuzugehören. Dennoch: Von Studentinnen, die kurz vor dem Abschluss an einer Ivy-League-Universität stehen, erwartet man dann doch etwas mehr realistische Selbsteinschätzung - und weniger belanglose Nabelschau.

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