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Was machen Homosexuelle in der AfD?

Sie streiten für eine Gesellschaft von gestern. Eine Geschichte über Widersprüche, Instrumentalisierung und letztendlich doch wieder: Rassismus.
Von Friedemann Karig
Im Frühjahr 2014 hatte Jana Schneider genug gesehen. Sie war schon immer politisch interessiert gewesen. Nur bisher nie aktiv geworden. Doch was im Land vor sich ging, machte ihr Angst. In ihrer Heimat in der Nähe von Bremen meinte sie, die vermeintlichen Probleme der Großstadt zu spüren: organisierte Kriminalität ausländischer Banden, Gewalt, „Überfremdung". Nun verschlimmerte sich der syrische Bürgerkrieg. Viele Flüchtlinge machten sich auf den Weg nach Deutschland. Jana Schneider fragte sich: Wie würden die ihr, einer Lesbe, gegenüber auftreten? War ihr Lebensstil bedroht?
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    Foto: AfD. Collage: Katharina Bitzl.

Jana Schneider ist heute 22 Jahre alt und Vorsitzende der thüringischen „Jungen Alternative für Deutschland“, der Jugendorganisation der AfD. Und Mitglied der „Bundesinteressengruppe Homosexuelle in der AfD“. Der erste Satz ihrer Leitlinien: "Schwulen und Lesben liegt Deutschland genau so sehr am Herzen, wie jedem anderen liebenden Menschen mit einem Bezug zu Familie, Heimat und Nation.“

 

Zack, Reflex: Schwule und Lesben in der AfD? Geht das? In dieser Partei von konservativen, spießigen, rückwärtsgewandten 80er-Jahre-Bundesrepublikanern? Leute, die ein Familienbild jenseits von Vater-Mutter-Kind aggressiv ablehnen? Die jede Minderheit als Bedrohung für den zu bewahrenden, nein, dringend wiederherzustellenden Status Quo von vor vierzig Jahren sehen? Kann ein Homosexueller da überhaupt mehr sein als ein Feigenblatt? Ist der Fall so einfach?

 

Für Menschen wie Björn Höcke ist die ganze Welt so einfach. Der Vorsitzende der AfD-Landtagsfraktion Thüringen ätzte erst kürzlich wieder auf Facebook mit der Lüge, Geld für Schulausflüge fließe neuerdings in Analsex-Workshops, mit denen die Kinder schon in der Schule versaut werden: „Für Bodo [Ramelow, Die Linke, Thüringens Ministerpräsident] ist Analsex pädagogisch wertvoller". Dass die Gelder für Ausflüge völlig unabhängig von jedem Aufklärungsunterricht gestrichen wurden, dass die kritisierten Workshops im Rahmen der Erwachsenen-Fortbildung der renommierten Magnus-Hirschfeld-Stiftung stattfinden – AfD-Populismus-Routine. Widerspruch von den Homosexuellen? Null.

 

Im Gegenteil. Ein Mitglied des Vorstands von "Homosexuelle in der AfD", Mirko Welsch, äußert sich regelmäßig ganz ähnlich wie Höcke. Auf der Seite der Homosexuellen in der AfD schreibt er etwa: „Die linksgrünen Bildungspläne – wie in Baden-Württemberg – sind kein Hilfsmittel für mehr Toleranz gegenüber Homo- oder Transsexuellen in Deutschland. Sie helfen nur einer Gruppe: Den Pädophilen. Und für Kinderficker möchte ich als Schwuler Mann weder Kopf noch Arsch hinhalten.“ Nochmal, kann es so einfach sein, den Widerspruch auszublenden: Schwule, die bei Schwulen-Hetze mitmachen? Lassen sich die Homosexuellen in der AfD also instrumentalisieren, um eine in weiten Teilen schwulenfeindliche Partei ein wenig rosa zu waschen?

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„Ich wurde niemals diskriminiert“, sagt Jana Schneider. Wirklich, niemals? „Nein. In meiner strukturell konservativen, aber auf keinen Fall spießigen Familie herrschten durchaus progressive Einstellungen", sagt sie. „Niemand hatte jemals ein Problem mit meiner Sexualität“. In der AfD sei ihre Sexualität ebenso wenig Thema gewesen. In der Jugendorganisation, deren Mitglieder wie in allen Jugendorganisationen auch "viel privat miteinander abhängen", schon gar nicht. Diese angeblich schon verwirklichte Utopie ist offizielle Parteilinie: Nirgendwo gibt es heute noch nennenswerte Diskriminierung Homosexueller und anderer sexueller Minderheiten – und das ist auch gut so“, schreibt die AfD in Baden-Württemberg auf Seite sechs ihres Programms. Die Partei glaubt, die traditionelle Familie schützen zu müssen und zu können – indem andere Modelle nicht weiter unterstützt werden. Die ja sowieso längst erlaubt sind. Wieso sich also weiter darum bemühen?

 

Dabei müsste man gar nicht weit schauen, um Diskriminierung zu finden. Wenn Höcke von Bildungspolitik für den Arsch“ fabuliert, oder der AfD-Landtagsabgeordnete Andreas Gehrmann (Sachsen-Anhalt) Homosexuelle gerne im Gefängnis sähe. Eine langsame Normalisierung von Homosexualität? Nicht mit AfD-Chefin Frauke Petry. Sie beschwerte sich im Sommer bei „Jung&Naiv“ darüber, dass "fast kein Spielfilm in Deutschland mehr […] ohne das schwule Pärchen“ auskomme, sie also Angst habe, dass Homosexualität zum Standard erhoben werde. Andreas Nerstheimer, Berliner AfD-Kandidat, bezeichnete Homosexuelle als „Degenerierte Spezies“. Er wurde immerhin aus der Partei ausgeschlossen, aber eher, weil er Flüchtlinge „widerliches Gewürm“ nannte. Wie muss sich das anfühlen, wenn Parteikollegen so über einen reden? Wie es Jana Schneider wohl geht, wenn Höcke die Homosexuellen, in der Bundesrepublik jahrzehntelang unterdrückt und dafür noch nicht entschädigt, eine "bisher von der Politik verhätschelte gesellschaftliche Gruppe nennt"?

 

Schneider bleibt betont kühl: „Jeder darf in der Partei sagen, was er denkt“, sagt sie. „Wenn mir Homosexuellenfeindlichkeit begegnet, dann regle ich das mit der Person oder übe meine Kritik auch öffentlich. Andreas Nerstheimers Auslassungen hatten mich auch durchaus verärgert.“ Aber was diskriminierend ist, da scheiden sich die Geister: „Ich habe oft den Eindruck, dass viele Linke, Journalisten und Soziologen es sich zur Aufgabe gemacht haben, Diskriminierung zu suchen, wo gar keine ist oder wo sie nur in sehr geringem Maße vorhanden ist. Ich möchte von der politischen Linken nicht verhätschelt werden.“

 

Ist der sensible Umgang mit Minderheiten „verhätscheln“, wenn 40 Prozent der Deutschen es laut einer aktuellen Studie der Uni Leipzig immer noch als „ekelhaft“ empfinden, wenn sich Schwule in der Öffentlichkeit küssen? Die noch längst nicht erreichte Gleichstellung in den Köpfen erreicht man am ehesten durch mediale, aber auch juristische Gleichstellung, wie der Sozialpsychologe Andreas Zick weiß. "Da gibt es einige Studien, die zeigen, dass in den Bundesstaaten, wo die Gleichstellung erfolgt ist, in den darauffolgenden Jahren die Homophobie abgenommen hat“, sagte er dem RBB. "Aufgrund von Gesetzesinitiativen verändern sich Wert- und Moralvorstellungen in der Bevölkerung."

 

Bis 2014 stellte Zick laut RBB in Untersuchungen wachsende Akzeptanz für Homosexualität fest. Doch seit kurzem nehme die Homophobie unter Jüngeren wieder zu. In Berlin stieg von 2014 auf 2015 die Hasskriminalität gegen Homosexuelle von 80 auf 105 Fälle. Die Beratungsstelle Manaus zählte sogar 259 Fälle (2014: 225). Und die tatsächlichen Zahlen dürften weitaus höher liegen. Viele schweigen lieber. Durch Pegida und das Aufkommen der AfD habe sich das Klima in der Gesellschaft insgesamt verändert, meint Zick.

Und Petry? Begegnet diesem homosexuellenfeindlichen Klima durch eine „praktische Erwägung. Wir möchten die Formen des Zusammenlebens fördern, aus denen Kinder hervorgehen.“ Sie akzeptiere andere Sexualität. Im antiken Griechenland sei Homosexualität ja auch „schick“ gewesen. Aber das Familienbild der AfD sei ein anderes, und am Ende entscheide der Wähler. Die Gruppe „Homosexuelle in der AfD“ ist bis heute nicht offiziell von der Partei anerkannt. Man wolle keine ’Bewegung in der Bewegung“, heißt es aus dem Umfeld der Parteispitze.

 

Andererseits sind aber auch längst nicht alle homosexuellen AfDler begeistert davon, mit ihrer Sexualität offen für die Partei zu werben. Sven Tritschler etwa, Vorsitzender der Jungen Alternative, ist nicht Mitglied der Gruppe der Homosexuellen. Eben so wenig wie Alice Weidel, die im Bundesvorstand sitzt, oder Frank Hansel, Berliner Senatsabgeordneter. Sie scheinen zwar offen zu ihrer Homosexualität zu stehen. Aber wie damit politisch umgehen? In einer Partei, in der sicher ein guter Teil auf das Thema verzichten könnte?

 

So lauten die Ziele der Homosexuellen statt Gleichstellung oder Schutz eher: Traditionelle Familie und Ehe stärken – indem man eine homosexuelle Lebenspartnerschaft nicht „Ehe“ nennt. „Totschlagargumente“ wie „Homophobie“ oder „Islamophobie“ abschaffen, für "eine offene Meinungskultur auch in sogenannten ‚Minderheitenfragen’“. Und: Schluss mit der „Frühsexualisierung“ von Kindern, wie die AfD den Aufklärungsunterricht nennt, sowie natürlich mit dem „Genderwahn“, der die Gesellschaft zu verderben droht.

 

Und noch eine Argumentationslinie gibt es: Jana Schneider und ihre Mitstreiter sehen Homosexuelle nicht durch Hetzer wie Höcke gefährdet – sondern eher durch muslimische Migranten, „die bei Grenzübertritt ja nicht ihre Einstellungen abgeben“. Sie kämen aus arabischen Ländern, in denen Homosexualität teils strafrechtlich geahndet, „mindestens aber sozial geächtet“ werde. Und manche der Regimes dort, sagt Schneider, seien ja von vielen Leuten gewählt worden. Man müsse also annehmen, dass Schwulenfeindlichkeit dort weit verbreitet sei.

 

Dass nur in undemokratischen Staaten wie Saudi-Arabien wirklich Homosexuelle offiziell verfolgt werden, dass, global gesehen, Homosexuellenfeindlichkeit unter Muslimen nicht weiter verbreitet ist als unter gläubigen Christen, dass mit der CDU/CSU eine christliche Partei in Deutschland bis heute die Gleichstellung von Homosexuellen verhindert – Details, wie sie Populisten selten interessieren.

 

Und auch der Rest der Argumentation ist AfD-Routine: Manche Muslime mögen keine Homosexuellen. Alle Muslime sind gleich, mindestens gleich unfähig, ihre Sichtweisen zu ändern. Also droht auch von allen Gefahr.

 

Heißt also: Wie so oft, wenn man sich mit Rechtsaußen beschäftigt, lösen sich die vielen Widersprüche erst auf, wenn man den einen großen Gleichmacher in die Rechnung einbezieht: Rassismus. Den Respekt, den Menschen wie Jana Schneider für sich selbst fordern, und sei es nur dieses kühle Mindestmaß, das ihr angeblich reicht, verwehren sie den Muslimen.

 

Der Widerspruch, der sich hierbei zeigt, ist nicht neu. Schon 2002 schufen der schwule Niederländer Pim Fortuyn und seine LPF den Boden für Geert Wilders und seine rechtspopulistische PVV. Schwule Persönlichkeiten wie Trump-Fan Milo Yiannopoulos sind die Popstars der amerikanischen Neokonservativen. Vor einem Jahr gaben 26 Prozent der Pariser Homosexuellen an, den Front National wählen zu wollen.

 

Wie sich dieses Phänomen herleitet, kann man bei Jan Schnorrenberg nachlesen – Kulturwissenschaftler und Mitglied der Grünen Jugend. In einem Blogpost mit dem schönen Titel „Der rosarote Dolchstoß“ hat er sich mit diesem Paradox beschäftigt. "Was auf viele wie ein innerer, von Selbsthass und Inkonsequenz durchtränkter Widerspruch und wie eine skurrile Anekdote des gesellschaftlichen Fortschritts und der homosexuellen Emanzipation wirkt, ist ein handfestes Phänomen, welches wir ernst nehmen müssen“, schreibt er.

 

Er hat Recht. Jana Schneider ist kein Widerspruch auf zwei Beinen, sondern erscheint als intelligente junge Frau. Eloquent und frei spricht sie über homosexuelle Politik in der AfD. Dabei sagt sie nicht „Homophobie“, denn dieses Wort sei „schwierig“. „Es unterstellt weiten Teilen der Bevölkerung eine Krankheit, eine pathologische Angst wie die vor Spinnen“, erklärt sie. „Und damit wird echte Schwulenfeindlichkeit verharmlost“. Es brauche keine solche Unterstellung. Man könne Sorgen und Kritik beider Seiten auch so ernstnehmen.

 

Zuerst müsse man jedoch einen deutlichen Unterschied machen zwischen der harmlosen Ebene eines Schimpfworts wie „schwul“, das auf dem Schulhof durchaus vorkomme sei, und „der Hinrichtung von Schwulen, wie sie in anderen Kulturkreisen üblich ist“. Rechtspopulismus deluxe: Auf der einen Seite ein hochgradig simplifiziertes Menschenbild, das kein verbales Mobbing, keine schmerzhafte Abwertung kennt. Auf der anderen ein noch simpleres Weltbild, eingeteilt in gute Deutsche und unzivilisierte Südländer.

 

In der Gruppe der Homosexuellen engagiere sie sich erst seit Bernd Luckes Parteiaustritt 2014 und dem darauffolgenden Rechtsruck, sagt Schneider. Vorher wollten liberale Schwule wie Thorsten Ilg, damals Sprecher der Homosexuellen-Gruppe, die vollständige Gleichstellung sowie die Volladoption. Für die konservative Schneider viel zu liberal. Heute sagt sie: „Der Status Quo genügt mir. Mir geht es eher um ein bürgerliches Identitätskonzept als um Homosexuelle. Es gibt eben auch Lebensgefühle jenseits der linksgrünen Regenbogenfahne."

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    Foto: Stefan Kaufmann.

 Eines dieser Identitätskonzepte lebt Stefan Kaufmann, 47 Jahre alt, Bundestagsabgeordneter der Stuttgarter CDU. Er ist als konservativer Schwabe eher unverdächtig, in Lederkluft auf dem CSD herumzuspringen. „Es ist noch immer nicht ganz normal, als Politiker schwul zu sein“, sagt er, „wenn sich auch viel gebessert hat. Dass jemand wie Jana Schneider sagt, sie hätte noch niemals Diskriminierung erfahren, hält er für „schwer vorstellbar. Vielleicht blendet sie das auch erfolgreich aus“, er kenne sie ja nicht.

 

Aber dass es Homophobie gibt, steht für ihn fest. „Das hat seit Erstarken der AfD sogar wieder Konjunktur“, sagt Kaufmann. „Diese Kreise bemühen sich stark um das ganze ‚Man wird ja wohl noch sagen dürfen, was normal ist und was nicht’“. Dass die Migranten das eigentliche Problem seien, findet Kaufmann, sei eine Instrumentalisierung. „Da werden die angeblich von muslimischen Flüchtlingen bedrohten Homosexuellen als Vehikel für ganz banale Fremdenfeindlichkeit genutzt. Natürlich kommen da Menschen mit anderen Einstellungen. Aber umso wichtiger ist die Aufklärung schon in der Schule, was wir hier normal finden und wie wir miteinander umgehen."

 

Aber genau dagegen wenden sich eben die "Homosexuellen in der AfD": Aufklärungsunterricht, der gleichgeschlechtliche Partnerschaften gleichwertig zu heterosexuellen zeigt. Diese „Verschwulung“ der Schulkinder ist ein Reizthema der AfD und provoziert Lautsprecher wie Höcke. Denen niemand widerspricht. „Es gibt aus der AfD immer wieder Äußerungen, die klar schwulenfeindlich sind. Und niemand stellt sich dagegen“, sagt Kaufmann. Die Stimmen der Schwulenfeinde scheinen willkommen. Weder Frauke Petry noch sonst jemand fängt Lautsprecher wie Höcke oder Welsch ein, wenn sie in Richtung der Homosexuellen geifern.

 

"Schwuler Rechtspopulismus instrumentalisiert die Opfer LGBT*-feindlicher Gewalt, um anti-emanzipatorische Positionen in der Szene salonfähig zu machen“, schreibt Jan Schnorrenberg. Also doch Pinkwashing? 

 

Jana Schneider widerspricht. Ihr geht es doch nur um Werte. Ihre Familie spiele eine große Rolle, sagt sie. „Ich bin sehr behütet und strukturell klassisch aufgewachsen. Dafür sollte die Politik den Rahmen setzen. Nicht den Homosexuellen jedes heterosexuelle Lebensmodell anbieten. Und dass ich nicht alles haben kann, zum Beispiel mit meiner Partnerin kein Kind zeugen kann, damit muss ich eben umgehen.“ 

 

Jana Schneider fühlt sich nicht instrumentalisiert. Das ist ihr gutes Recht. Man wünscht ihr fast, dass ihre seltsame Rechnung aufgeht. Dass das Ignorieren von Missständen diese abbaut. Dass ihre defensive Haltung irgendetwas zum Besseren verändert. Und dass die neuen Deutschen, vor deren Schwulenfeindlichkeit Jana Schneider solche Angst hat, sich bei ihrer fälligen Integration nicht ausgerechnet an ihren Parteikollegen orientieren.

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