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Der Oktober ist der Monat der Abstinenz

Aber Hashtags wie #soberoctober und #octsober sind eigentlich trotzdem Quatsch. Die Alkolumne.
Von Viktoria Klimpfinger
  • trinkolumne ocsober
    Illustration: Federico Delfrati

Trinken bis zum Filmriss, mit dem Asphalt kuscheln, ungehemmt kotzen – wann außer zur Wiesnzeit hat man die Möglichkeit, so richtig die Sau rauszulassen und auf gesellschaftliche Konventionen wie Zurückhaltung oder Toilettentüren zu pfeifen? Zwei Wochen lang ist es völlig okay, ja sogar erwünscht, sich die Kante zu geben. „Ein Prosit“ alle 15 Minuten, das ist quasi die musikalische Verpflichtung zum Saufen.

 

Doch jetzt ist sie vorbei, die Wiesn, und alkoholische Eskalation ist offiziell wieder unschick. Denn auf das Oktoberfest folgt der Sober October: Viele zeigen unter den Hashtags #soberoctober, #sobertober, #octsober usw., dass sie den ganzen Oktober lang auf Alkohol verzichten. Aber macht sie das wirklich zu besseren Menschen?

 

In München ist der Oktober vermutlich die Zeit, in der am wenigsten Bier getrunken wird. Den meisten wird nach 18 Tagen Dauerexzess schon beim Gedanken daran immer noch übel. Das Phänomen, dass man sich einen Monat lang eine Auszeit vom sozialen Schmiermittel nimmt, ist aber kein After-Wiesn-Spezifisches: Die Sober-October-Hashtags sind in den USA, Australien, England oder Schweden seit Jahren der Renner. Laut urban dictionary hat der Ocsober drei verschiedene Stufen: Standard-Level: kein Alkohol. Pro-Level: keine Drogen. Master-Level: keine Zigaretten. Das drücken die temporären Online-Abstinenzler auch mit dem Hashtag #stoptober aus. Der Oktober scheint also generell ein spaßbefreiter Monat zu sein. Was besonders krass wirkt, wenn man, wie mancher Münchner, inklusive mir, vergangene Woche noch blanke Hintern und Gruppen von unverständlich lallenden Rausch-Enthusiasten erlebt hat.

 

Ursprünglich ist der Sober October eine australische Kampagne, die Kinder vor Alkohol- und Drogenmissbrauch schützen soll. So weit, so lobenswert. Andere wollen mit Hashtags wie #octsober auf das Problem des übermäßigen Alkoholkonsums generell aufmerksam machen. Auch noch eine ziemlich lobenswerte Sache. Viele inszenieren sich damit aber auch einfach als Fitness-Hipster: Das selbstauferlegte Trinkverbot soll dabei helfen, den gestählten Traumbody zu erreichen, oder dient generell als Ablasspfennig für alle Sauftouren des vergangenen Jahres. Wenn es beim Sober October nur darum geht, online ein möglichst gutes Bild abzugeben, ist das weniger lobenswert als vielmehr reine Ego-Masche.  

 

Der Octsober fügt sich gut in den Trend des gesunden Lifestyles, den wir im Netz vehement mit Hashtags wie #fit und Fotos in engen Yoga-Pants uns und allen anderen vorgaukeln. Den Trend will ich  gar nicht schlechtreden. Ich will ja niemanden zum exzessiven Trinken anstiften. Aber seltsam ist es doch: Vor ein paar Jahren haben wir uns aus der Schule geschlichen, um heimlich zu rauchen und zwei Stunden lang an einer Dose Bier zu nippen, als wäre das ein heiliger Initiationsritus. Heute ernte ich bei Treffen mit meinen mittlerweile supergesund lebenden Freunden verurteilend-neidische Blicke, wenn ich ein Glas Gin Tonic bestelle – gefolgt von dem selbstgefälligen Satz: „Ich darf nicht. Ich ernähre mich ja paleo.“ 

 

So clean ist das Ganze in den meisten Fällen aber doch nicht. Warum so viele auf den Fitnesszug aufspringen, hat eher etwas mit schlechtem Gewissen zu tun. Wir wären gern so fit, wie das Werbeindustrie und Social-Media-Druck von uns einfordern, aber wir kriegen es einfach nicht gebacken: Die meisten meiner pseudo-fitten Freunde ernähren sich immer genau dann nach den Regeln der Steinzeit oder trainieren jeden Tag zehn Minuten, wenn sie vorher zu Weihnachten oder Ostern ernährungstechnisch die Knöpfe knallen lassen. Und dann auch nur in Form einer einmonatigen Tages-Challenge – „um das Ganze auszugleichen“.

 

Wir wissen nicht, wann das Maß voll ist

 

Mit #octsober und Co. wird dieses Prinzip auch aufs Trinken übertragen. Nach dem übermäßigen Konsum kommt der Verzicht. Und in beidem werden wir immer extremer. Wir sind anscheinend Generation Binge: Binge Watching, Binge Eating, Binge Drinking – wir wollen alles, und am besten alles auf einmal. Und danach müssen wir uns selbst dafür mit Entzug bestrafen, um überhaupt wieder klarzukommen. Wenn ich mir auf Netflix eine Serie am Stück reingezogen habe, bin ich danach tagelang deprimiert, weil ich mich nach dieser intensiven Sofa-Erfahrung nicht gleich wieder auf die nächste Serie einlassen kann. Ich bin übersättigt und brauche ein paar Tage Netflix-Abstinenz. Nach dem Oktoberfest geht es sogar den routinierten Party-Tieren ähnlich: Zu viel, zu lang, kein Bock mehr. Wenn man sich nach dem Feiern einen Monat lang erholen muss, hat man das mit dem Maß-Halten offensichtlich falsch verstanden.

Sich öffentlich in Form von Hashtags selbst in die Schranken zu weisen, geht aber ziemlich gegen die schöne alte Sprichwort-Regel „Tu wonach dir ist“. Vielleicht knallen hier Plastik-Ideologie der Marketingbranche und Waldorf-Freiheit mit vollem Karacho aufeinander. Wenn die Octsober-Poser im selben Post darüber jammern, dass sie ihr Schein-Commitment am ersten Tag schon bereuen, fragt man sich, was das Ganze für einen Sinn hat.

 

Vorschlag: Man könnte, statt vom Binge-Extrem nahtlos ins Abstinenz-Extrem überzugehen, versuchen, die Extreme zu vermeiden und dafür wieder die vereinzelten Partynächte zelebrieren. Statt einem Sober October bräuchte man dann auch nur einen Sober Sunday. Den gibt es übrigens schon lange. Bislang war er bekannt als der gute alte Kater-Sonntag.

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