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"Man kann ja nicht jedem Penner was geben"

Unsere Autorin hat aber genau das ein Jahr lang getan. Und dabei viel über die eigene Großzügigkeit gelernt.
Von Charlotte Haunhorst
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    Illustration: Katharina Bitzl; Foto: dpa

Vor dem Penny steht Mischa und verkauft die Obdachlosenzeitung „Motz“. Mischa und ich kennen uns schon seit zwei Jahren vom Sehen. Aber wie der Mann mit dem Hut und der Berliner Schnauze heißt, das weiß ich erst seit meinem Experiment. Da hat er sich mir irgendwann vorgestellt und mir einen „wunderschönen Tach“ gewünscht, nachdem ich ihm jedes Mal nach dem Gang an die Kasse mein Restgeld in die Hand gedrückt habe. Mischa ist sehr höflich. Wie die meisten Obdachlosen. 

Angefangen hat das Experiment mit einem Kneipengespräch, irgendwann im Winter 2015. Wie so oft kam da ein Mann in die Bar. Die Haare wirr, in den zerrupften Handschuhen eine Ausgabe vom „Motz“ oder „Straßenfeger“. Und wie so oft schauten all die Hipster auf einmal auf ihre Biergläser, als gäbe es nichts Interessanteres. Gar nicht erst mit dem Mann reden, dann löst er sich hoffentlich in Luft auf. Wie Kinder, die beim Versteckenspielen hoffen, nicht gefunden zu werden, wenn sie einfach die Augen schließen.

 

Ich hasse diese Situation. Aber noch mehr hasse ich die Gespräche, die sich stets an sie anschließen: „Schon schlimm mit den ganzen Obdachlosen in Berlin, sogar im Winter“, sagt dann jemand – und dann ein anderer: „Ja, aber in Deutschland muss ja niemand obdachlos sein, das sind die ja freiwillig“, und sowieso: „Man kann ja nicht jedem Penner was geben, da wird man ja arm.“

 

Diese Gesprächsschleife ist so sinnlos. Sie hilft niemandem, suggeriert aber gleichzeitig, dass man selbst, der ja gerade warm in der Kneipe sitzt, sich mit Obdachlosigkeit bestens auskennt. Zum Glück war es mein philanthropischer Freund Max, der das Gespräch durchbrach: „Ich gebe seit Kurzem einfach jedem was“, sagte er. Ende der Diskussion. Und ich dachte so still bei mir: „Warum eigentlich nicht?“ Endlich mal Argumente gegen dieses „Man kann nicht jedem was geben“ haben. Oder halt auch dafür, je nachdem. Das Experiment konnte beginnen.

Fast alle erzählen ihre intimsten Geschichten, um ein Obdachlosenmagazin zu verkaufen. Früher hätte ich mich gefragt, ob die Geschichten wohl so stimmen

 

Bereits beim ersten Gang des Jahres über die winterliche Friedrichstraße wurde mir klar: Dieses Experiment braucht Regeln. Nicht, wegen der Dokumentation – dafür hatte ich mir extra ein kleines Notizbuch angeschafft, es sollte ja alles streng wissenschaftlich zugehen. Sondern aus logistischen Gründen: Müsste ich tatsächlich jedem Menschen, den ich aus dem Augenwinkel auf der anderen Straßenseite sehe, etwas geben? Und was ist mit denen, die vielleicht kriminell sind? Zum Beispiel diese Gruppen in U-Bahnen, die vorgeben, Unterschriften für Barrierefreiheit sammeln, aber angeblich dein Portemonnaie klauen wollen? Und überhaupt: Wie hoch sollten meine einzelnen Spenden eigentlich sein? Was, wenn die das Geld für Drogen ausgeben?

 

Einige dieser Fragen beantwortete ich pragmatisch: Ich würde jeder Person, die ich direkt passiere oder die mich anspricht, mindestens 50 Cent geben. Weniger erschien mir als Mensch mit festem Einkommen knauserig und von 50 Cent kann man sich zumindest schon etwas zu Essen kaufen. Ob die Person tatsächlich obdachlos oder einfach nur bedürftig ist, würde mir wurscht sein. Die moralischen Fragen waren da schon schwieriger. Glücklicherweise habe ich mit einer Kollegin vor einigen Jahren drei Experten zum Thema „Spenden“ interviewt. Da waren sich alle einig: Wer spendet, muss damit leben, wenn das Geld versoffen wird. Spenden ist kein Selbstzweck, man tut es für den anderen, nicht für sich. Ich wollte versuchen, das auch so zu sehen. Trickbetrüger schließt das meines Erachtens aber aus.

 

Phase I: Januar bis April 2016

Zu Jahresbeginn häufen sich direkt die Striche in meinem kleinen Büchlein. Das liegt auch daran, dass ich in dieser Jahreszeit häufig mit der U-Bahn zur Arbeit fahre. Auf den sechs Stationen quer durch Kreuzberg und Mitte treffe ich täglich mindestens einen Obdachlosen, eher zwei. Bei vielen von ihnen erkenne ich erst, wenn sie ganz nah vor mir stehen, dass sie jünger sind als ich. Viele riechen nach Alkohol, das Gesicht von Drogen ganz grau. Fast alle erzählen ihre intimsten Geschichten, um ein Obdachlosenmagazin zu verkaufen. Früher hätte ich mich gefragt, ob die Geschichten wohl so stimmen. Heute ist mir das egal. Ich gebe ihnen mindestens 1,50 Euro für ihr Heft. Die stapeln sich dann allerdings schnell ungelesen zu Hause. Nach einigen Wochen gehe ich deshalb dazu über, das Geld ohne Gegenleistung zu geben. Dabei bin ich fast nie die einzige, die etwas spendet. Das freut mich. Was ich auch gut finde: Wie höflich all die Obdachlosen sind. Stets bedanken sie sich für die Spende, manche schieben noch ein „Gott segne dich“ hinterher. Nur in die Augen können sie mir nicht schauen. Das tut weh.

 

Bei einem Mädchen, das eines Nachmittages mit blaugefrorenen Füßen barfuß in der U-Bahn-Station Schönleinstraße sitzt, bin ich mir nicht sicher, ob sie schon 18 ist. Ich spreche sie an, sie kann kein Deutsch oder Englisch, sagt nur „Romania“. Mit Gesten versuche ich zu fragen, ob ich ihr auch anders als mit Geld helfen kann. Sie schüttelt den Kopf. Ich gebe ihr zehn Euro und frage mich danach, ob ich die Polizei rufen sollte. Im Netz finde ich schließlich die Nummer einer Straßenkindereinrichtung, sie versprechen vorbeizuschauen. Später schreiben sie mir, dass sie leider niemanden mehr angetroffen hätten. Ein Jahr später wird in genau dieser Station ein Obdachloser angezündet.

 

Zwischenbilanz: In den Wintermonaten treffe ich durchschnittlich drei Bedürftige pro Tag und verteile drei Euro an sie. Ungefähr der Preis von einem Cappuccino auf der Friedrichstraße. Bedeutet schon einmal kein großes Loch im Monatseinkommen. Sondern nur mehr Filterkaffee im Büro. 

Phase II: April bis Juli 2016

Mit den ersten Sonnenstrahlen fällt auch ein bisschen die Hoffnungslosigkeit von mir ab, die mich nach der Geschichte mit dem Mädchen mit den blauen Füßen erfasst hatte. Statt nur Magazin-Verkäufer, trifft man in den Bahnen nun auch Straßenmusiker. Am Anfang mag ich es noch, wenn diese eine Band mit dem kleinen pummeligen Trompeter und dem Beat aus einer im Hackenporsche verstauten Box „When the Saints Go Marching In“ in der U-Bahn spielen. Beim zehnten Aufeinandertreffen bin ich mir nicht mehr sicher, ob das wirklich live ist und die vielleicht keinen anderen Song haben. Einmal treffe ich sie zweimal an einem Tag in verschiedenen Linien und gebe beim zweiten Mal kein Geld. Der pummelige Trompeter schaut böse, ich fühle mich schlecht.

 

Etwas für andere zu tun fühlt sich gut an, wie ein Rausch

 

Für meine Freunde ist meine neue Spendabilität ein Segen. Alle sagen mir, seit diesem Experiment sei ich eine viel angenehmere Begleitung geworden. Weil auf einmal niemand mehr bei der Ankunft des "Motz"-Mannes stumm auf sein Bierglas gucken muss. Ich gebe quasi für alle einen aus. Auch mein Trinkgeld wird großzügiger, sogar dem Späti-Mann runde ich das Geld für mein Wegbier auf.

 

Ich merke aber auch, wie viel Selbstzweck Spenden doch ist. Wie sehr ich mich freue, wenn die Leute "danke" sagen, dabei sollte mir das doch egal sein. Etwas für andere zu tun fühlt sich gut an, wie ein Rausch, jeder mag mich, dabei tue ich ja eigentlich nicht wirklich etwas. Die Menschen werden wegen meiner Spende weder von der Straße kommen, noch kann ich mich besser in sie hineinversetzen. Ich lebe ja weiterhin weich und warm in einer Zwei-Zimmer-Wohnung, nicht auf der Straße.

 

Zwischenbilanz: Ich gebe weniger Geld an Obdachlose als noch im Winter, was aber auch daran liegt, dass ich mehr mit dem Rad fahre. Kosten pro Tag für Spenden liegen zwischen einem und zwei Euro, dafür sind die Trinkgeldkosten explodiert. Weniger als 10 Prozent gebe ich mittlerweile selten. Das alles kostet mich im Monat mittlerweile 70 bis 80 Euro. Aber dafür spare ich in dieser Zeit ja die BVG-Monatskarte.

 

Phase III: Juli bis Oktober

Wie bei jedem Experiment folgt auf die Anfangseuphorie Ernüchterung. Ich merke immer mehr, dass ich doch für meine Wohltaten geliebt werden will. An einem Augusttag kommt es deshalb zum Showdown. An der Kreuzung dort steht immer eine Horde bestimmt nicht volljähriger Jungs und Mädels, die einem die Windschutzscheibe waschen wollen. Eine ältere Frau kassiert danach, die meisten Autofahrer öffnen ihr aber nicht das Fenster.

 

Als Königin der Großzügigkeit lasse ich natürlich etwas springen. Als ich das letze Mal hier war, fiel der Frau das Zwei-Euro-Stück aus den Händen zwischen Fenster und Sitz. Ich kramte danach, hinter mir hupte es, ich musste weiterfahren, das tat mir Leid. Dieses Mal soll es gelingen. Ich drücke  ihr die zwei Euro fest in ihre Hand,  aber sie lässt das Geld wieder fallen, zwischen Fenster und Sitz. „Ups“, sagt die Frau. Und „Schau danach Schatzi.“ Erst da kapiere ich, dass das ein Trick ist. Dass ich mich bücken soll, während mein Portemonnaie offen rumliegt. Ich werde wütend, trete aufs Gas und fahre weg.

 

Einige Tage später gebe ich in der S-Bahn einem abgerockten Typen mit Pappschild Geld. Erst, als er aussteigt, sehe ich, dass auf dem Schild „Money for Weed“ steht. „Alles Sozialschmarotzer“ denke ich und spende zwei Wochen lang niemandem was, weil: Wer weiß, was die damit anstellen.

 

Zwischenbilanz: Niedrigere Kosten als in den Vormonaten, rund einen Euro pro Tag. Weil ich mit Absicht Leute übersehe. Fühlt sich alles falsch an.

Phase IV: Oktober bis Dezember

In keiner Stadt ist der Winter so deprimierend wie in Berlin. So kalt, grau und freudlos. Unter einer Brücke, die ich regelmäßig mit dem Fahrrad passiere, schlafen seit Monaten zwei Männer im Schlafsack. Machen die das freiwillig? Haben die wirklich keine andere Wahl? Ich traue mich nicht zu fragen. Ich habe das mit dem Spenden wieder angefangen. War natürlich bescheuert, sich wegen der Frau mit dem Windschutzscheiben-Trick so aufzuregen. Klassische AfD-Logik halt: Von einem doofen Zwischenfall auf die Gesamtheit schließen. Der Reflex scheint aber auch bei mir zu funktionieren.

 

Dafür habe ich die Strichliste aufgegeben. Richtigt geläutert hat mich da die Sache mit dem Mann vor dem noblen Einkaufszentrum. Jeden Tag sitzt er dort mit seinem Hund. Als ich ihm einen Euro in seine Blechdose lege, fragt er, ob ich in den Supermarkt gehen würde. Hatte ich eigentlich nicht vor, frage aber trotzdem: „Warum?“. Der Mann nimmt ein Zwei-Euro-Stück aus seiner Dose und fragt, ob ich dort Hundefutter kaufen könnte – „Ich kann hier ja schlecht weg“, sagt er. Ich nicke. Als ich mit dem Dosenfutter wiederkomme und ihm das Restgeld zurück geben will, sagt er, ich solle es behalten für meine Mühen. Der Satz macht mir eine Gänsehaut. Immerhin waren es 1,11 Euro. Für mich nicht viel, aber für ihn, der davon vermutlich lebt, mehr als das Futter gekostet hat. Und genau darum sollte es doch eigentlich gehen: Dass die Spende selbstlos ist. Kein Selbstzweck. Aber in der Realität ist das nicht so einfach zu trennen.

 

Den Mann mit dem Hund werde ich zukünftig jetzt immer fragen, ob ich ihm etwas aus dem Supermarkt mitbringen kann. Weil das eigentlich der bessere Ansatz ist: Wirklich etwas für einen Menschen zu tun, sich auch mal Zeit nehmen. Ich spende aber auch weiterhin Geld. Wie gesagt: Es ist wie ein Rausch. Davon los kommt man nicht mehr.

 

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