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Die Experten:

Kathrin Hartmann ist Journalistin und Autorin des Buchs "Wir müssen leider draußen bleiben". Dafür hat sie unter anderem sozial schwache Menschen begleitet. Sie findet viele Hilfsangebote für Obdachlose demütigend.

Prof. Markus Vogt ist katholischer Theologe und Sozialethiker an der LMU München. Er sagt: "Geld ist ein Menschenrecht", Notleidenden zu helfen unsere Pflicht.

Dr. Helmut P. Gaisbauer ist Armutsforscher. Er arbeitet an der Universität Salzburg und warnt davor, an Spenden eine Erwartung zu knüpfen.

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Essen spenden?

Statt einem Obdachlosen Geld zu geben, spenden viele lieber an die Tafeln oder verschenken vor dem Supermarkt eine Banane. In Deutschland setzt sich außerdem langsam das Prinzip "Suspended Coffee" durch. Wer so einen im Café bestellt, bekommt selbst Kaffee und spendiert gleichzeitig einem Bedürftigen ein warmes Getränk. (Eine Übersicht gibt es hier.)

Kathrin Hartmann: "Ich finde es wahnsinnig bevormundend und erzieherisch, wenn man jemandem Essen schenkt, wenn der nicht danach fragt. Suspended Coffee finde ich sogar fast zynisch. In manchen Cafés steht auch noch ein Schild "Sei ein Held!". Man ist aber kein Held, wenn man einen zweiten oder dritten Kaffee zahlt und demjenigen, dem man angeblich helfen will, nicht mal in die Augen sehen will. Für das Café ist es natürlich eine Spitzen-Imagepflege, gerade vor Weihnachten, und es macht Umsatz. Man fragt nicht mal, ob Obdachlose wirklich Kaffee oder Tee brauchen. Die Cafés sollten lieber so ihre Türen für Obdachlose öffnen."

Markus Vogt: "Sozialethisch sind Tafeln umstritten. Man müsste früher ansetzen, also bei der Ursache des Problems. Warum haben manche nicht genug zu essen, während es auf der anderen Seite einen Überschuss an Lebensmitteln gibt? Wenn es dann allerdings einen Ort gibt, an dem bedürftige Menschen diese Lebensmittel bekommen, ist das eine wichtige Initiative. Dabei kommt es auch darauf an, wie diese Essensübergabe umgesetzt wird. Es darf nicht der Eindruck erweckt werden, über die Lebensmittelspenden würden die Reste entsorgt."

Helmut P. Gaisbauer: "Wenn kein wirkliches Engagement dahintersteht, die Betroffenen in den Kreis der Mitmenschen aufzunehmen, dann ist das schlecht. Die Linie zwischen Spender und Betroffenen wird vielleicht noch verstärkt, weil der Spender als Reaktion auf sein Geschenk Wohlerzogenheit und Dankbarkeit erwartet. Das zwingt die Leute in eine "Herr-Knecht"-Dialektik. Das mit dem Kaffee klingt für mich deshalb auch stark nach einer Wohlfühl-Initiative – eine Spende wird an den eigenen Konsum geknüpft. Man muss sich nicht schmutzig machen."


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Kleider spenden?

Die Kampagne "One Warm Winter" der Stiftung Friends with Benefits sammelt seit 12. Dezember Geld, von dem Jacken und warme Kleidung für Obdachlose in Berlin und München gekauft werden. Für die Aktion wirbt dieses Mal unter anderem Elyas M’Barek. Das soll vor allem junge Menschen ansprechen, ebenso die beiden Spenden-Partys, am 10. Januar im Crux in München und am 8. Februar im Bi Nuu in Berlin. Unter dem Namen "Kältefest" werden in Berlin warme Kleidung, Handschuhe, Socken, Mützen gesammelt und an Obdachlose verteilt. (Mehr Info hier)

Kathrin Hartmann: "Natürlich brauchen Wohnsitzlose warme Kleidung, aber gerade wenn neue Sachen gekauft werden sollen, muss man immer fragen, wer eigentlich davon profitiert. Letztlich geht es hier auch um Konsum. Dabei sind neue Sachen nicht zwingend würdevoller als gebrauchte."

Markus Vogt: "Dort wird direkt die Ursache eines Problems erkannt. In Deutschland erfrieren jedes Jahr, wenn ich richtig informiert bin, zehn bis 20 Leute. Hinzu kommen die Menschen, die zwar nicht zu Tode kommen, aber Schäden davontragen. Schon aus Gründen der Menschlichkeit sind wir verpflichtet, ihnen zu helfen. Viele haben eine große Hemmschwelle, in Notunterkünfte zu gehen. Nach dem Armutsbericht der Bundesregierung schlafen momentan 330.000 Menschen draußen. Das ist eine ganze Menge und die nimmt man auch wahr. Diesen Menschen dann warme Kleidung zu geben, ist vernünftig. Es darf natürlich nicht abgetragene Kleidung sein, die so einfach nur entsorgt wird."

Helmut P. Gaisbauer: "Besonders gut gefällt es mir, wenn neue Kleider für die Obdachlosen gekauft werden – dann hat das Ganze nicht so den Geruch des ,Abfalls der Konsumgesellschaft’. Noch besser ist es, wenn die Kleider nach Bedarf weitergegeben werden und die Betroffenen ein Mitspracherecht bei der Auswahl haben. Man muss dem Gegenüber dann aber auch zugestehen, zu sagen 'Jeans mag ich nicht'."


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Stricken und schenken?


Viele wollen selbst etwas schaffen, mit dem sie Obdachlosen helfen können. Die Berlinerin Katja Schwabe sammelt unter der Initiative "Helfen wollen" selbstgestrickte Schals, Mützen, Handschuhe, Socken und Decken, die sie an Wohnungslose verteilt. "Rosinenbömbchen", ebenfalls eine Idee aus Berlin, sind kleine Tüten, die man vorgepackt kaufen und Obdachlosen geben kann. Oder man packt sie selbst mit haltbaren Lebensmitteln, Hygieneartikeln und vielleicht auch einer persönlichen Nachricht.  

Kathrin Hartmann: "Selbstgestrickte Schals, das klingt so lieb. Aber das Ganze hat auch etwas Infantiles. Man kann Kindern in der Schule beibringen, dass sie was Gutes tun, wenn sie einen Schal für einen Obdachlosen stricken, aber Erwachsene sollten in der Lage sein, die Komplexität und die Ursachen des Problems zu verstehen. So etwas überdeckt die Thematik der Obdachlosigkeit mit einem Zuckerguss der Menschenliebe. Ich finde es schwierig, wenn Menschen entscheiden, was andere brauchen. Das gilt auch für die "Rosinenbömbchen". Man könnte sich besser dafür einsetzen, dass Obdachlose nicht mehr aus den Innenstädten vertrieben werden. Oder dass Mieten bezahlbar bleiben, indem man sich in einem Mieterverein engagiert."

Markus Vogt: "Einem Obdachlosen etwas Selbstgemachtes zu schenken, vielleicht sogar mit einem Kontakt in Form einer Nachricht, eine besonders unmittelbare und wertvolle Hilfe. Wer etwas selber macht, gibt sich noch mehr Mühe als jemand, der Geld gibt. Dieser Mehrwert des Geschenks kommt besonders zur Geltung, wenn ein persönlicher Gruß dabei ist. Hier an der Uni stand oft ein Obdachloser, man kannte sich irgendwann. Sich mit dem mal richtig zu unterhalten, ihn richtig anzuschauen und ihn ernst zu nehmen, das half ihm und hat auch mir Freude gemacht."

Helmut P. Gaisbauer: "Generell ist es schwierig, wenn Bedürfnisse fremddefiniert werden. Man sollte Betroffene einbinden und fragen, was sie brauchen. Der Nettigkeitsfaktor bei gestrickten Sachen ist natürlich höher, als bei gekauften. Aber nicht jeder mag selbstgestrickte Socken. Da steckt zwar schon Liebe drin, aber ob man etwas damit anfangen kann, hängt von der beschenkten Person ab."



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Arbeiten lassen?  

Die Website Pfandgeben.de vermittelt schon länger Handyummern von Pfandsammlern an Menschen, die gerade Leergut loswerden wollen. Die Münchner Straßenzeitung Biss veranstaltet Stadtführungen, bei denen ehemalige Obdachlose vom Leben auf der Straße berichten. Ähnlich wie bei einem Berliner Projekt. In Amsterdam bekommen obdachlose Alkoholiker, die sechs Stunden lang Straßen kehren, fünf Bierdosen, ein halbes Päckchen Tabak und zehn Euro.  

Kathrin Hartmann: "Das in Amsterdam finde ich pervers. Warum werden diese Leute nicht bezahlt wie jemand anderes, der Straßen fegt? Die Pfandgeschichte ist als Win-Win-Situation getarnt, obwohl es eine klare Win-Lose-Situation ist. Jemand, der Kohle hat und zu faul ist, seine Flaschen zurückzubringen, kriegt sie von Armen kostenlos abgeholt. Und derjenige, der sie holt, kriegt vielleicht ein paar Euro raus. Wenn es bei den Stadtführungen darum geht, auf Probleme aufmerksam zu machen und aus dem Alltag auf der Straße zu erzählen, finde ich das gut."

Markus Vogt: "Arbeitslosigkeit verstärkt das Gefühl, nicht gebraucht zu werden. Deshalb sind solche Projekte wichtig, dürfen aber auf keinen Fall demütigend sein. Wenn jemand freiwillig kommt und meine Flaschen abholt, ist das gut. Wenn jemand Alkoholikern als Bezahlung Alkohol gibt, ist das problematisch. Andererseits sollte die Öffentlichkeit sich auch nicht anmaßen, ihnen Abstinenz zu verordnen. Biss finde ich ein tolles Projekt. Da arbeiten die Obdachlosen mit und Prominente schreiben für das Heft, was es aufwertet."

Helmut P. Gaisbauer: "Würde ist eine zentrale Kategorie im Umgang mit Obdachlosen. In dem Modell mit den Straßenzeitungen muss man seine Armut öffentlich machen. Das geschieht allerdings in einem geschützten Rahmen. Zum Pfandsammeln: Wenn Sammler die Flaschen selbst holen können, ist das besser, als sie im Müll kramen zu lassen. Das Projekt in Amsterdam ist ein Grenzfall. Prinzipiell würde ich sagen, Betroffene dürfen selbst bestimmen, welche Bedürfnisse sie haben."


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Bildung organisieren?  


Seit 2012 können Obdachlose und Interessierte an einer "Obdachlosen-Uni" in Berlin kostenlos Vorlesungen und Kurse besuchen. Es gibt zum Beispiel Philosophie-, Mal-, Koch- oder Computerkurse, auch einen Bibelgesprächskreis. Oft geben ehemalige Obdachlose die Kurse. (Mehr Info hier)

Kathrin Hartmann: "Sofern es hier zu Begegnungen, zum Austausch und zu einem Verständnis für die Probleme der Obdachlosigkeit kommt, und sie da mehr als einen Nachmittag im Warmen bekommen, ist das eine gute Idee. Besonders, dass sie tatsächlich eine Umfrage unter Wohnsitzlosen durchgeführt haben, finde ich gut – es steht an erster Stelle, dass man mit den Leuten spricht. Schwierig fände ich es nur, wenn jemand mit der Armut anderer Geld verdienen beziehungsweise das als Image-Kampagne für seine Firma nutzen würde."

Markus Vogt: "Das finde ich spannend. Prinzipiell haben die Obdachlosen ja viel Zeit zum Nachdenken – man erinnere sich da ganz klassisch mal an Diogenes in der Tonne. Der hatte nichts und brauchte nichts, war deshalb aber unabhängig und hatte für manches einen schärferen Blick. Bildung gilt ja bei uns, aber auch weltweit in Entwicklungsländern, als wichtigstes Medium für den Wiedereinstieg in die Gesellschaft. Wäre natürlich toll, wenn das dann auch dort funktionieren würde."

Helmut P. Gaisbauer: "Alles, was Betroffene zu Akteuren macht, ist prinzipiell gut. Und wenn Obdachlose sich Bildung wünschen, ist das sicher schon einmal ein guter Ansatz. Aber vermutlich wird hier nicht die Bildung nachgeholt, die man zum Wiedereintritt in die Gesellschaft benötigen würde. Man bräuchte schon eine Art Bildungszertifikat, um damit etwas anfangen zu können. Andererseits könnte hier ,unverzweckte’ Bildung blühen und der so genannten Wissensgesellschaft ein kritischer Spiegel vorgehalten werden – ein schöner Gedanke."  


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Hilfe holen?


In vielen Städten in Deutschland fahren Busse durch die Stadt und nehmen Obdachlose mit, die sonst der Kälte ausgeliefert wären. Sie können sich im Bus aufwärmen, bekommen heiße Getränke und Kälteschutzkleidung, außerdem bringen die Busse besonders bedrohte Menschen zu städtischen Unterkünften. Über bestimmte Telefonnummern kann man den Kältebus vor Ort rufen, wenn man einen Obdachlosen in der Kälte sieht.

Kathrin Hartmann: "Das ist Nothilfe, da geht es teilweise um Leben und Tod. Das ist wie ein Krankenwagen, nur dass er von einem Verein finanziert wird. Ich glaube, viele haben Berührungsängste, jemanden anzusprechen, der am Boden liegt. Da ist es gut, wenn man eine Telefonnummer parat hat. Man braucht auch keine Scheu haben, sie zu wählen. Die Menschen von den Kältebussen haben viel Erfahrung, und die Obdachlosen werden sicher nicht gegen ihren Willen in städtische Unterkünfte gefahren."

Markus Vogt: "Das finde ich eine tolle Initiative. Der Obdachlose muss natürlich selbst entscheiden dürfen, ob er da mitfahren will, und man sollte Verständnis haben, wenn er ablehnt. Man muss hinschauen und helfen, wenn jemand in Not ist, und nicht denken, dass jeder für sich selbst verantwortlich ist. Wenn alle wegschauen und auf Eigenverantwortung verweisen, entsteht eine kalte Gesellschaft."

Helmut P. Gaisbauer: "In Salzburg gibt es so etwas leider nicht. Diese Busse können Leben retten, und ich finde, das ist eine Aufgabe, die auch die Städte übernehmen müssen. Wenn sie es nicht tun und private Fördervereine sich darum kümmern, ist das natürlich richtig und wichtig, aber die Stadt darf da nicht der Verantwortung enthoben werden. Das Gute an den Bussen ist auch, dass die Betroffenen diese Hilfe ja theoretisch ablehnen können. Deshalb ist es auch nicht bevormundend." 


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Geld geben?  

Was ist mit der einfachsten Form der Hilfe – der Geldspende direkt auf der Straße?

Kathrin Hartmann: "Wenn jemand nach Geld fragt, kann man entscheiden ihm welches zu geben oder nicht. Aber wenn man ihm etwas gibt, ist es seine Sache, was er damit macht. Am besten wäre es natürlich, wenn man ihn fragt, ob man ihm sonst noch helfen kann."

Markus Vogt: "Ich glaube, dass Geld zur Teilnahme an unserer Gesellschaft dazugehört. Muhammad Yunus, der die Mikrokredite erfunden hat, spricht sogar von einem ,Menschenrecht auf Geld’. Insofern denke ich, Obdachlose sollten auch Geld zur Verfügung haben. Und selbst wenn sie es in Alkohol investieren, muss man das akzeptieren. Kategorisch kein Geld zu geben, finde ich falsch. So viel Freiheit sollte man den Obdachlosen schon zutrauen."

Helmut P. Gaisbauer: "Zwischen dem Salzburger Bahnhof und meinem Arbeitsplatz habe ich eine Strecke zu Fuß zu gehen, auf der ich oft dieselben Obdachlosen und Hilfesuchenden treffe. Jeden Morgen ist es eine große Herausforderung, sich zwischen Grüßen und Geben und Vorbeigehen zu entscheiden. Da gibt es kein Patentrezept. Geld geben ist prinzipiell sehr wichtig für arme Menschen. Das Leben auf der Straße ist kostspielig. Man ist auf teure, frische Lebensmittel angewiesen, es gibt keinen Kühlschrank für die Aufbewahrung. Der Hilfesuchende kann dann selbst entscheiden, wofür er das Geld ausgibt."



Text: kathrin-hollmer - und charlotte-haunhorst. Fotos: Osawa / photocase.com, kemai / photocase.com, hiranda mobbs / photocase.com, sint / photocase.com, uni_com / photocase.com, lampentisch / photocase.com, maiklage / photocase.com, *Sara / photocase.com.