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Was an Münchner Club-Garderoben abgegeben wird

Jacken, Sexspielzeug und drei Schnitzel – wir haben mitgeschrieben.
Von Teresa Fries
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    Fotos: juri-gottschall

Dori, 31, Paradiso

Ich arbeite seit vier Jahren hier an der Garderobe. Ich bin eigentlich Rechtsanwaltsfachangestellte und brauche das Geld nicht mehr. Sechs Monate habe ich deshalb mal ausgesetzt, aber das ging gar nicht. Ich bin einfach viel zu gerne hier. Klar geht es meistens ganz schön verrückt zu, aber gerade deswegen ist es so schön. Ich habe gelernt, mich über nichts mehr zu wundern. Bei uns wird einfach alles abgegeben: Schuhe von Frauen und von Männern, denn auch die tragen hier oft hohe Absätze, von denen ihnen irgendwann die Füße wehtun, alle Arten von Sexspielzeug und auch drei Schnitzel hat schon einmal jemand abgegeben. 

Ich liebe einfach den Umgang mit unseren Gästen, auch, weil man ganz schnell eine sehr persönliche Beziehung zu ihnen aufbaut. Ich hab schon an Silvester weinende, einsame Menschen getröstet, von einem Stammgast einen Riesenkoffer voll gepflückter Blumen bekommen und meinen Freund habe ich auch hier kennengelernt. Ich weiß noch, dass er seine Jacke abgab, aber kein Trinkgeld geben wollte. Am Ende der Nacht haben wir uns vor der Tür auf der Suche nach einem Taxi wiedergetroffen. Ich sagte: „Wir müssen bestimmt nicht in dieselbe Richtung.“ Mussten wir dann aber doch . . .  

 

Mit dem Humor hier im Team muss man umgehen können. Ein Gast wollte mal keinen Eintritt zahlen. Da hat der Türsteher gesagt, wenn er der Frau an der Garderobe seinen Penis zeigt, darf er rein. Und der hat das tatsächlich gemacht! Aber ich fand es witzig, so geht es eben manchmal zu. Eine Party bei uns wird richtig gut, wenn schon früh die Aufteilung zwischen männlichen und weiblichen Gästen stimmt. Und wenn sich dann auch noch schnell Pärchen finden, steht der Stimmung nichts mehr im Wege.

 

Auf dem Höhepunkt eines Abends haben wir in der Regel am wenigsten zu tun. Ich gehe dann gern mal hoch zum DJ und schau mir das Treiben auf der Tanzfläche an. Und das Ende ist an der Garderobe eigentlich immer gleich: Gefühlt tausend Hände strecken sich uns entgegen und wollen gleichzeitig ihre Jacken haben.

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    Fotos: Juri Gottschall

Michael, 23, P1

Als ich vor drei Jahren fürs Studium von Ingolstadt hierher gezogen bin, habe ich gleich eine Woche später im P1 angefangen. Das war ein krasser Kulturschock, hat mich aber mehr fasziniert als abgeschreckt. Es ist einfach eine ganz besondere Mischung an Gästen hier: Studenten, Sportler, Superstars, Büroleute, Hochadel – da ist alles dabei. Und das Schönste ist: Irgendwie sind hier alle gleich.  

 

Wir hängen die Jacken immer hinter einem Vorhang auf und man weiß nie, wer als nächstes vor einem steht, wenn man wieder hervorkommt. Wenn das dann Thomas Gottschalk, Oliver Pocher, H.P. Baxxter und Boris Becker auf einmal sind, schluckt man schon kurz. Und so etwas passiert einem einfach nur hier, deswegen mag ich es so. Ich kann mittlerweile von meinem Modeblog „thelostboy“ leben, aber wenn ich in München bin, übernehme ich trotzdem immer Schichten im P1. Für mich ist das auch eine große Inspiration. Man sieht immer, was gerade angesagt ist. In einem Monat hängen ohne Ende Jacken von einer bestimmten Marke hier, in einem anderen ist auf einmal alles blau. Und hier kommen ja auch ganz edle Stücke rein, die man sonst nie in den Händen halten würde. Heimlich anprobiert habe ich aber noch nie etwas.  

Bei uns verlieren und vergessen die Gäste das gleiche wie in anderen Clubs, nur dass es oft etwas mehr wert ist. Und die Zahl an verlorenen Kreditkarten – 20 bis 30 pro Woche – dürfte etwas höher sein.  

 

Die Garderobe ist im P1 außerdem auch eine Sozialstation. Wir verarzten, wenn sich jemand wehtut, trösten, wenn jemand weint und laden die Handyakkus auf, wenn jemand sonst nicht mehr nach Hause kommt. Und manchmal hören wir auch nur zu, denn – und auch das habe ich hier gelernt: Nur weil Menschen Geld haben, heißt das nicht, dass sie nicht auch manchmal einsam sind. Ob die Party den Leuten gefällt, kriegen wir auf jeden Fall als erstes mit, denn wenn sie die Musik nicht mögen, dann gehen sie nicht zum DJ, zur Bar oder zum Geschäftsführer, sondern zu uns. Aber sie erzählen uns natürlich auch, wenn sie den Abend besonders toll fanden. 

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    Fotos: Juri Gottschall

Isabel, 20, Rote Sonne

Meinen ersten Tag an der Garderobe hatte ich vor eineinhalb Jahren – ausgerechnet zur Wiesn-Zeit. Da ging irgendwann gar nichts mehr. Ich war zu langsam, weil ich so nett war und mich mit jedem unterhalten wollte. Mittlerweile hab ich das raus. Ich rede zwar immer noch sehr gerne mit den Gästen, aber manchmal muss es eben auch ein bisschen schneller gehen. Und auf manche Gespräche darf man sich auch einfach nicht einlassen.  

 

Man wird schon häufig mal angemacht, aber wenn es mir zu viel wird, setze ich mein Piss-off-Face auf, und wenn das nicht hilft, hole ich den Türsteher. An der Garderobe bekommt man ab und zu nicht so viel Respekt wie an der Bar. Ich arbeite trotzdem lieber hier. Die meisten Gäste sind super entspannt und die Garderobe ist gut gelegen, man bekommt viel mit und kann sich auch mal was zu Trinken holen zwischendurch – und außerdem muss man nicht so viel kopfrechnen wie an der Bar.  

 

Wenn die Party richtig gut ist, merken wir das daran, dass die Leute ihre Jacken gar nicht erst abgeben, sondern direkt loslegen.   Ich arbeite immer gerne. Klar, man mag manche DJs lieber als andere, aber wenn mir die Musik gar nicht gefällt, kann ich sie mittlerweile auch einfach ausblenden. Nur die Dubstep-Partys mag ich nicht so, da kommen dann schon mal ein paar Kifferjungs und Gäste, denen man gerne zusammen mit ihrer Jacke auch noch einen Sprühstoß Deo geben würde.  

 

Darauf gekommen, an der Garderobe zu arbeiten, bin ich durch meinen Bruder. Der war früher oft im Palais dafür zuständig und hat immer gute Geschichten erzählt. In der Abizeit zum Beispiel saß er mal in der After Hour während der Arbeit über einer Matheaufgabe und da war diese total betrunkene, mittelalte Frau, die fragte, was er macht und dann wie wild drauflos schrieb und zeichnete. Mein Bruder dachte, die ist einfach nur total fertig. Aber als er es zu Hause überprüfte, war alles richtig.

 

 

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    Fotos: Juri Gottschall

Julia, 27, Pimpernel

Ich hab meinen BWL-Master in Passau gemacht und hatte zu viel Zeit. Deswegen habe ich hier an der Garderobe angefangen – mit Pendeln sogar. An meinem ersten Tag gab es gleich Stress zwischen zwei Gästen, direkt vor der Garderobe. Da hab ich mir schon überlegt, ob ich hier richtig bin. Aber das war nur eine Ausnahme.

 

Die Gäste hier sind sonst total lustig und haben immer eine Geschichte zu erzählen. Am witzigsten sind sie allerdings, wenn sie am nächsten Tag wieder kommen und irgendwas abholen wollen, was sie gar nicht hier verloren oder vergessen haben. Ein typisches Gespräch ist dann: „Hey, hab ich meine Jacke hier gestern vergessen?“ „Nein, sorry.“ „Hmm, hab ich dir erzählt, wo ich vorher war?“ „Ich glaube nicht, gestern war aber auch viel los.“ „Und mit wem bin ich nach Hause gegangen?“  

 

Wirklich was vergessen hat zuletzt ein Hollywoodstar, der hier mit einem deutschen Schauspieler gefeiert hat. Wir geben keine Namen raus. Aber sie hatte ihre Jacke nicht abgegeben – und sie dann auch prompt inklusive Handy liegen lassen. Am nächsten Tag wurde beides abgeholt. Sie blieb aber draußen im Wagen sitzen.  

 

Unter der Woche ist bei uns normalerweise nicht so viel los wie am Wochenende. Ich mag das aber auch gerne, dann kann man die Menschen auf der Tanzfläche beobachten und ihre Beziehungen zueinander. Wenn ich sehr neugierig bin, frag ich schon auch mal nach. Dann kommt zum Beispiel raus, dass zwei Menschen, die total komisch miteinander umgehen, Ex-Partner sind, die aber aus unerfindlichen Gründen noch einmal miteinander feiern gehen wollten.  

 

Vom Nachtleben kann ich mich noch nicht trennen, weil es einen Kontrast zum normalen Büroalltag bietet und ich die Arbeit und die Menschen hier viel zu gern mag. Es kommt schon oft vor, dass wir uns, wenn alle Gäste so gegen sieben oder acht weg sind, auch noch zusammensetzen, trinken und reden oder sogar noch weiterziehen.

 

 

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    Fotos: Juri Gottschall

Dominic, 29, Harry Klein

Das Schöne an der Garderobe ist, dass jeder mindestens zweimal an uns vorbei muss. Die Stammgäste erzählen uns dann sowieso immer, was bei ihnen gerade so los ist. Aber man bekommt auch sonst von jedem Gast einen kleinen Ausschnitt seines Abends mit. Manchmal ist das auch nur so ein Gefühl der Stimmung, in der sie sind. Im Laufe des abends tauen viele natürlich etwas mehr auf und es wird lauter und gesprächiger.  

 

Ich habe sogar an meiner Garderobe hier schon live einen Heiratsantrag mitbekommen. Die beiden haben vor mir die ganze Zeit geturtelt und plötzlich hat er sie gefragt. Ob die beiden wirklich geheiratet haben oder ob der Antrag überhaupt ernst gemeint war, weiß ich nicht – die gefragte Dame allerdings hat ihn ernst genommen, glaube ich.   Wie die Party sich entwickelt, merke ich – wenn die Tür aufgeht – an den Rufen, die immer lauter werden, und daran, wie sehr der Boden bebt auf dem Weg zur Toilette. Und klar, wenn die Party gut ist, dann wollen die Gäste nicht gehen, das ist hier aber meistens so.  

 

Ich arbeite seit acht Jahren an der Garderobe, vier davon hier im Harry Klein. Ich mag den Job also offensichtlich. Klar ist es manchmal nervig, wenn Leute ihre Zigarettenschachtel in der Tasche lassen und dann wegen jeder Kippe ihre Jacke noch einmal haben wollen. Aber seit das bei uns jeweils 50 Cent kostet, ist das besser geworden. Man hat insgesamt einfach einen guten Kontakt zu den Gästen, es sind ja auch sehr persönliche Sachen, die sie uns anvertrauen. Manchmal auch etwas zu persönlich: Es gibt eine Frau mittleren Alters, die immer erst einmal fast alles ablegt, in dem sie gekommen ist – inklusive ihrer Unterwäsche. Das müsste nicht unbedingt sein. Aber sie hat immer einen riesen Spaß hier und wir sind nicht besonders zimperlich an der Garderobe.

 

Nur bei Pelzjacken kann es sein, dass ich mal anfange zu diskutieren. Die mag ich nicht.   

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