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Danke, Donald!

Das Horror-Szenario wird Präsident. Und wir lernen, was passiert, wenn aus all dem Mahnen Realität wird.
Von Friedemann Karig
  • trump desaster love
    Illustration: Katharina Bitzl; Fotos: dpa, ap

Hallo Donald Trump,

 

Du hast die Wahl gewonnen. Aus dem Kandidaten, dem Schreckgespenst, dem Horror-Szenario Trump wird jetzt: Präsident Trump. Dem Kandidaten Trump sage ich: Goodbye. Oder besser: Badbye. Es war nicht schön mit Dir. Wir hätten auf Dich verzichten können. Und trotzdem würde uns etwas fehlen, ohne Dich. Denn seit Du vor ein paar Jahren zum ersten Mal so getan hast, als würdest Du tatsächlich Politiker werden wollen, ist viel passiert. Viel geschrieben und gesagt worden. Und: Viel kaputtgegangen.

Du hast mich ein bisschen auf Deine Seite gezogen – auf die dunkle Seite

 

Zuallererst das Vertrauen auf das, was wir „Wahrheit“ und „Vernunft“ nennen. Du hast gelogen und betrogen und gelästert und verleumdet. Und sie haben Dich machen lassen. Wahrheit und Vernunft, diese Begriffe hast Du ausgehöhlt wie Termiten einen Baum, bis er leblos in der Steppe verdorrt. Diese Erkenntnis, dass Lügner nicht trotz, sondern wegen ihrer Lügen Erfolg haben, diese bittere Pille der Erkenntnis, die Du uns so oft in den Mund gedrückt hast, wird noch wichtig werden.

 

Kaputt ist damit auch das Vertrauen auf das, was wir vor langer, langer Zeit mal bewundernd „Amerika“ genannt haben. Und ein bisschen, so viel muss man dir lassen, auf das, was wir „Demokratie“ nennen. Vielleicht, noch eins tiefer, auf die Menschen an sich.

 

Denn ich gebe zu, Du hast mich ein bisschen auf Deine Seite gezogen. Auf die dunkle Seite. Seit ich Dich regelmäßig erlebe, sehe ich den Menschen, sowohl den machtgierigen, skrupellosen Narzissten an der Spitze, als auch die vielen machtgeilen, skrupellosen Minderwertigkeitskomplexler, die ihn groß machen, mit anderen Augen. Mit zu Schlitzen verengten, kalten Augen. So wie Du sie vermutlich siehst.

 

Ein letzter Funke Mitleid glimmt irgendwo dahinter in meinem müden Geist, der nach diesem Wahlkampf, obwohl der weit weg über dem großen Teich wütete, gerne monatelang schlafen würde. Nach all der Anstrengung, dem Dauerfeuer, den endlosen rhetorischen Aufputschern eines egomanen Einpeitschers, hattest Du mich soweit, dass ich mit der Fallsucht des todmüden Schlafwandlers mir fast ein bisschen wünschte, du würdest gewinnen.

 

Damit sie alle die Rechnung bekommen. 

 

Damit wenigstens einmal aus all dem Mahnen und Warnen erlebbare Realität wird, und diese Leute auf die harte Tour lernen, was passiert, wenn man das personifizierte Extrem wählt. Wenn man Politik mit Entertainment verwechselt. Wenn man über die Haare statt über den Hass eines Kandidaten spricht. Wenn man zu lange mit lustigen Memes und Gifs auf bitterernste Ideologie reagiert. Wenn man Dir, wie Du immer gerne geprahlt hast, mehr Titelseiten gibt als jedem Topmodel. Wenn man jeden noch so armseligen Fix aus Deiner menschenfeindlichen Spritze bejubelt, weil er die graue Wirklichkeit einfärbt – blutrot zwar, aber immerhin in Farbe.

 

"Ihr Guten habt Recht. Aber wir Bösen haben die Aufmerksamkeit."

 

Jetzt bekommen sie die Rechnung. Wir alle. Was draufsteht, weiß noch keiner.

 

Was sicher nicht draufsteht, denn das kannst Du nicht: Langeweile. Kaum eine Atempause hast Du uns gelassen, die wir uns abwechselnd fragten, ob das Dein und der Amerikaner Ernst sein könnte, und warum wir Deinen Nervereien nicht auskommen. Du hast einen magischen Instinkt bewiesen für das richtige falsche Timing, uns immer wieder mit Provokationen und Dummheiten aus der Lethargie unserer satten Leben zu reißen. Du hast dir immer wieder etwas Neues, oder wenigstens etwas neuartig Ekelhaftes einfallen lassen. Du hast den Guten, zu denen wir uns selbstzufrieden zählen, mal wieder gezeigt: Ihr Guten habt Recht. Aber wir Bösen haben die Aufmerksamkeit.

 

Ob du zuletzt überhaupt noch Präsident werden wolltest? Keine Ahnung. Vermutlich war dir der ganze Zirkus viel zu anstrengend geworden, weswegen du energieeffizient mit Halbsätzen die halbe Welt in Aufruhr versetztest – statt so etwas Anstrengendes wie eine mögliche Politik zu entwickeln. Es ging nur noch ums Austeilen. Nicht mehr um den Sieg. Die Gegnerin immerhin noch blutig hauen, damit sie beim Jubeln scheiße aussieht. „Männer! Wenn wir keine Chance haben“, sagte mein Fußballtrainer früher in den Halbzeitpausen sich abzeichnender Niederlagen, „treten wir ihnen wenigstens den Rasen kaputt.“

 

Und jetzt hast du doch gewonnen. Du verschwindest nicht, wie wir alle dachten, als böser Geist wieder in der Flasche, aus der dich eine Mischung aus Rassismus, Abstiegsangst, Elitenhass, wirtschaftlicher Depression und noch mehr Rassismus herausholte.

 

Danke. Danke für alles, was wir gelernt haben

 

Du wirst also zum politischen Untoten, halb verfault, halb beißwütig. Obwohl wir doch so überzeugt waren, dass wir Dich in ein paar Jahren einfach als irre Episode abheften, in den Leitz-Ordner der historischen Kuriositäten irgendwo zwischen David Hasselhoffs Mauerkonzert und Dennis Rodmans Besuch bei Kim Jong-Il. Dass die Heirat der großen Politik mit dem noch größeren Showbusiness nicht lang genug hält, um hässliche Kinder zu zeugen. Dass wir die echten Probleme lösen können, deren unheimlicher Golem du warst. Dass das, was längst mehr ist als eine Person, längst mehr als Du, Donald, sich noch stoppen lässt.

 

Wovor müssen die Minderheiten in Deinem Land jetzt Angst haben?

 

Du bist nun also tatsächlich Präsident. Und ich und wir alle sind fassungslos. Und trotzdem, oder nein, gerade deswegen, will ich hier sagen: Danke, Donald. Danke für alles, was wir gelernt haben. Danke für die Chance, es besser zu machen. Danke für den schmerzhaften, schonungslosen Spiegel, den du uns vorgehalten hast.

 

Jetzt lass uns bitte ein paar Momente Ruhe. Und dann mach den Job, den sie Dir gegeben haben. Während wir darüber nachdenken, wie wir hier einen deutschen Trump verhindern können, wie wir reparieren können, was anscheinend kaputt ist, während wir die Ärmel hochkrempeln, musst Du jetzt beweisen, dass Du nicht ganz der Teufel bist, den viele in Dir sehen. Auch das wird spannend. Mit einem Unterschied: Jetzt haben, zum ersten Mal, Deine Gegner weniger zu verlieren als Du.

 

Also denke daran, in diesen Tagen, wenn die Lichter aus sind, wenn die Welt sich weiterdreht, dass Dein Volk, the People, die Du so gerne beschwört hast, eine Wahl hatte, was Dich angeht. Sie konnten sich entscheiden, ob sie lieber mit Dir oder ohne Dich leben wollen.

 

Egal was Du jetzt tust, vergiss niemals: Diese Wahl hast Du nicht.

 

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