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Die Kulturgeschichte der Vulva

Und der Klitoris. Und der Menstruation. Findet man alles in Liv Strömquists lustigem und informativem Comic „Der Ursprung der Welt“.
Interview von Nadja Schlüter
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    Foto: Livia Rostavaniy

Wie wurde die Vulva im Laufe der Geschichte in Medizin und Kunst dargestellt? Welche Ansichten und kruden Theorien gab es schon über den weiblichen Orgasmus? Und wieso wurde aus der Menstruation, einst Sinnbild der Fruchtbarkeit, eine so schambesetzte Angelegenheit? Die schwedische Comic-Zeichnerin Liv Strömquist, 39, hat diesen Fragen ein ganzes Buch gewidmet: „Der Ursprung der Welt“ ist kürzlich beim Avant-Verlag auf Deutsch erschienen und fasst extrem amüsant und informativ die Kulturgeschichte des weiblichen Geschlechtsorgans zusammen. Über Skype erzählt Liv von Malmö aus von ihrer Arbeit an den verschiedenen Comics im Buch und den Reaktionen ihrer Leser und Leserinnen.

jetzt: Wie viele Aufklärungsbücher hast du während der Recherche für deine Comics gelesen?

Liv Strömquist: Sehr viele. Sie liegen hier bei mir Zuhause stapelweise rum. Wenn jemand mich besucht, denkt er sicher, dass ich ein totaler Freak bin – lauter Vagina-Bücher!

 

Gab es einen bestimmten Anlass für dich, Comics über das weibliche Geschlechtsorgan zu machen?

Als Teenagerin hatte ich immer sehr starke Menstruationsschmerzen, aber habe mich viel zu sehr dafür geschämt, um es jemandem zu sagen. Einmal waren die Schmerzen im Unterricht so stark und ich habe so sehr versucht, sie einfach auszuhalten, dass ich in Ohnmacht gefallen bin. Daran habe ich mich wieder erinnert und angefangen, darüber nachzudenken, warum wir uns so sehr dafür schämen. Es gibt ja einen wichtigen Unterschied zwischen Schuld und Scham: Schuld fühlst du wegen etwas, das du getan hast, Scham wegen etwas, das du bist. 

Aber in deinem Buch geht es nicht nur um Menstruation, sondern zum Beispiel auch um die künstlerische und medizinische Darstellung der Vulva, die Funktion der Klitoris und um den weiblichen Orgasmus.

Während ich zur Kulturgeschichte der Menstruation recherchiert habe, habe ich angefangen, mich auch für das weibliche Geschlechtsorgan generell zu interessieren, weil das Menstruationsblut nun mal aus der Vulva kommt. Und weil Scham auch generell mit dem weiblichen Körper verbunden wird, viel mehr als mit dem männlichen. Ich fand dann die Idee, einen weiteren Comic über die Kulturgeschichte der inneren Schamlippen zu machen, sehr lustig und interessant. So sind Comics über Dinge entstanden, über die sonst nicht gesprochen wird. 

 

„In der Steinzeit hatte die weibliche Fruchtbarkeit einen extrem hohen Stellenwert“

 

Die Comics im Buch sind extrem lustig – obwohl darin auch sehr grausame und absurde Geschichten auftauchen, wie zum Beispiel die, dass im 19. Jahrhundert Frauen die Klitoris zwangsentfernt wurde, damit sie nicht onanieren. Wie hast du dich während deiner Recherche und der Arbeit am Buch gefühlt?

Manchmal war ich schockiert, aber andererseits war es auch sehr spannend zu sehen, wie sich der Blick auf das weibliche Geschlecht im Laufe der Geschichte verändert hat. Vor 300 Jahren zum Beispiel wurde der weibliche Orgasmus in jedem medizinischen Buch erwähnt und man ging davon aus, dass er wichtig für die Fortpflanzung ist. Aber vor etwa 200 Jahren wurde die weibliche Sexualität völlig ausradiert. Vorher galt die Frau als übersexualisierte, unkontrollierte, lustgetriebene Figur, und dann hat sich das komplett gedreht. Das zu sehen hat mir Hoffnung gemacht.

 

Wieso das denn?

Weil es so deutlich zeigt, dass all diese Annahmen kulturelle Konstruktionen sind – und das bedeutet eben, dass es immer möglich ist, sie zu verändern. Ich finde, das ist eine sehr hoffnungsvolle Botschaft, die man aus dem Studium dieser Geschichte mitnehmen kann. 

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      Illustration: Liv Strömquist
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      Illustration: Liv Strömquist
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      Illustration: Liv Strömquist
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      Illustration: Liv Strömquist
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      Illustration: Liv Strömquist
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      Illustration: Liv Strömquist
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      Illustration: Liv Strömquist
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      Illustration: Liv Strömquist
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      Illustration: Liv Strömquist
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      Illustration: Liv Strömquist
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      Illustration: Liv Strömquist
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      Illustration: Liv Strömquist
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      Illustration: Liv Strömquist
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      Illustration: Liv Strömquist

Ich hatte beim Lesen manchmal den Eindruck, dass in der Steinzeit und der Antike alles besser und die Geschlechter viel gleichberechtigter waren – und dann kam das Christentum und hat in vielen Teilen der Welt alles kaputt gemacht!

(lacht) Ich glaube, so einfach ist es nicht. Aber zumindest kann man in steinzeitlicher Kunst erkennen, dass die weibliche Fruchtbarkeit damals einen extrem hohen Stellenwert hatte. Im Christentum wurden Weiblichkeit und weibliche Sexualität dann zur Antithese des Heiligen: Es gab keine weiblichen Gottheiten mehr und Schwangerschaft und Geburt galten als unrein. In Schweden gab es lange die Regel, dass Frauen, die ein Kind bekommen haben, für einige Zeit danach nicht zur Kirche kommen durften – als „Unreine“ durfte sie den heiligen Ort nicht betreten. Mit der Reformation wurde in protestantischen Ländern noch dazu die Jungfrau Maria gestrichen – es gibt dort keine weibliche Repräsentantin des Göttlichen mehr. 

 

Du spielst oft damit, weibliche und männliche Rollen zu vertauschen. In deinem Buch gibt es zum Beispiel Rodins „Der Denker“ als Denkerin, die sich den Bauch hält. 

Der Rollentausch ist ein sehr einfach Weg, um zu zeigen, wie unterschiedlich wir Männer und Frauen betrachten. Es gibt eine Seite im Buch, auf der eine Männerrunde über den Orgasmus spricht, und sie sagen so Sachen wie: „Denkst du, es ist wichtig, einen Orgasmus zu haben?“ Ein Gespräch eben, wie es unter Frauen geführt wird, aber bei Männer wirkt das total absurd. Daran sieht man, dass das männliche Verhältnis zu ihrer Sexualität viel weniger kompliziert ist. 

 

„Viele haben sich über die Zeichnung einer Eisläuferin beschwert, die einen Flecken Menstruationsblut zwischen den Beinen hat“

 

Ich liebe ja den Teil über PMS besonders, weil es darum geht, dass die Beschwerden auch etwas Gutes und Nützliches sein können.

Ja, genau. Viele haben zum Beispiel depressive Verstimmungen, bevor sie ihre Periode bekommen, und spielen das damit runter, dass es eben nur PMS sei. Aber ich glaube, der Ärger und die Traurigkeit haben oft einen bestimmten Grund, über den du im Alltag nicht nachdenkst, und diese Phase kann dir dabei helfen, eine Verbindung dazu zu finden. Wenn du also während deiner PMS wütend auf jemandem bist, ist das oft völlig berechtigt.

 

Welche Reaktionen hast du bisher auf das Buch bekommen?

In Schweden wurde es sehr positiv aufgenommen, es wurde oft gekauft und viele waren sehr glücklich damit. Und es kommen jetzt sehr oft Frauen auf mich zu, um mit mir über ihre Menstruation und ihre Probleme damit zu sprechen.

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    Foto: Avant-Verlag

Gab es auch negative Reaktionen?

Eine Zeichnung aus dem Buch zeigt eine Eisläuferin, die einen Flecken Menstruationsblut zwischen ihren Beinen hat. Dieses Bild wurde in einer Wanderausstellung gezeigt – und in fast jeder Stadt haben sich Besucher darüber beschwert. Ich habe auch gesehen, dass jemand auf einem Poster mit der Zeichnung ein Höschen drüber gemalt hat.

 

Hast du das Buch eigentlich für Männer oder für Frauen geschrieben?

Wenn ich ein Buch mache, denke ich eigentlich nie über die Leser nach, sondern mache es erstmal nur für mich selbst. Meine Leser sind jetzt mehrheitlich Frauen, aber ich weiß auch von vielen Männern, die das Buch gelesen haben. Und die Kulturgeschichte des weiblichen Geschlechtsorgans ist ja auch für sie interessant – immerhin haben viele von ihnen eine Freundin oder Schwester oder Mutter.

Mehr über das weibliche Untenrum: 

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