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Im Einsatz auf der tödlichsten Fluchtroute der Welt

Wie die Freiwilligen von "Jugend rettet" auf dem Mittelmeer Flüchtlinge vor dem Ertrinken bewahren.
Von Lukas Ondreka
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    Foto: Lukas Ondreka

Später wird sie sagen, sie heiße Joy. Und Florian, Florian wird sagen: “Joy, das ist ein schöner Name”. Woher Joy kam? Ob sie Kinder hat? Welche Musik sie gerne hört? Was aus ihr wird? Florian wird es nie erfahren - ihm wird nur die Gewissheit bleiben, dass er dieser Frau das Leben gerettet hat. Und es ist ein gutes Gefühl, wenigstens ihren Namen zu kennen.

 Noch aber sitzt Joy eingepfercht mit etwa 140 Flüchtlingen auf einem viel zu kleinen Schlauchboot und von Florian ist noch nichts zu sehen. Sie hat viel riskiert und viel gezahlt, um es auf dieses Boot zu schaffen. Und sie weiß, dass der gefährlichste Teil der Reise erst begonnen hat.

 

Florian sitzt zehn Seemeilen weiter nördlich am Bug des Seenotrettungsschiffes Iuventa und sucht mit einem Fernglas den Horizont nach Flüchtlingsbooten ab. Florian sagt von sich, er sei als “Retter” geboren. Früher rettete er für die Bergwacht Menschen, dann für die Organisation Sea Shepard Fische. Nun ist er 30 Jahre alt und will Flüchtlingen helfen.

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    Foto: Lukas Ondreka

Mit an Bord: die Crew von "Jugend Rettet". So heißt die Berliner Organisation, die den alten Fischkutter zum Rettungsschiff mit Krankenstation umgebaut hat. Finanziert von Spenden kreuzt die Iuventa vor Libyens Küste und sucht Boote in Seenot. 

 

Seit Italien Ende 2014 die Rettungsmission "Mare Nostrum" eingestellt hat, der zunächst nur die für Rettungen völlig unzureichende EU-Grenzschutzoperation "Triton" folgte, versuchen immer mehr Nichtregierungsorganisationen die Lücken zu füllen und den Flüchtenden auf dem Mittelmeer zu helfen. Inzwischen hat die EU-zwar die wesentlich größere Operation "Sophia" im Einsatz, deren Auftrag auch Grenzschutz und Kampf gegen Menschenschmuggler ist, deren Marineschiffe mit Italiens Küstenwache aber auch den Großteil der dieses Jahr bisher 153 000 Flüchtlinge aus dem Mittelmeer gerettet hat.

 

Ohne die Freiwilligen würden Abertausende jedoch nicht überleben: Sie heißen Ärzte ohne Grenzen, Migrant Offshore Aid Station, Sea Watch oder nun auch Jugend Rettet. Unzählige Freiwillige arbeiten auf diesen Schiffen, damit das Mittelmeer nicht ein Massengrab für Flüchtlinge bleibt. Nirgends sterben mehr Menschen auf der Flucht - seit Jahresanfang mehr als 3700.

 

Die meisten, die übers Mittelmeer fliehen, kommen aus Afrika, aus Eritrea, dem Sudan, Somalia, Nigeria und Mali. Vor allem junge Männer, aber auch Frauen und Kinder steigen in die Schlepperboote. Sie fliehen vor Bürgerkrieg, Verfolgung, Hunger, Armut. Der Großteil kommt durch die Sahara. Im Transitland Libyen werden sie oft Opfer von Kidnapping, Folter, sexueller Gewalt, Zwangsarbeit, Mord. Legale Wege nach Europa gibt es nicht - die Flüchtlinge riskieren ihr Leben für die vage Hoffnung auf eine bessere Zukunft in Europa.

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    Foto: Lukas Ondreka

Joy hat wie die meisten Menschen aus Afrika ihre Überfahrt nach Europa in Libyen gestartet. Fünf Jahre nach dem Bürgerkrieg herrscht dort Chaos: Milizen, Dschihadisten und eine vom Westen unterstützte Regierung kämpfen um die Herrschaft - beste Bedingungen für Schlepper. In der Hauptstadt Tripolis und den Fischerorten Zuwara und Sabratah laden sie die Flüchtlinge auf Boote, die meist so miserabel sind, dass sie nur einige Seemeilen tragen.

 

Für die Schlepper ist das ein lukratives Geschäft. Joy dürfte wie die meisten Passagiere etwa 1000 Dollar gezahlt haben. Nach den Kosten für Boot, Sprit, Versorgung der Migranten und Bestechung lokaler Milizen, verdienen Schlepper pro Fahrt etwa 40 000 Euro. Schätzungen zufolge zahlen Menschen jährlich mehr als eine Milliarde Euro, um nach Europa zu kommen. Das meiste kassieren Schlepper.

 

Auf der Brücke dröhnt Musik von The Clash aus den Boxen. Benedikt nickt zum Beat. Der 31 Jahre alte Münchner ist Kapitän der Iuventa. Dafür hat Benedikt seine Arbeit bei einer Versicherung in der Schifffahrtsbranche hingeschmissen. Seine Mutter hat sich sorgenvoll erkundigt, wie es um seine Zukunftspläne bestellt sei. Er hat sie vertröstet. "Was wir hier machen, ist so wichtig. Da ist alles andere erst mal egal."

 

Tag acht der Mission. Nach mehr als einer Woche Warten und Vorbereitung geht ein Notruf ein. Die italienische Küstenwache hat von Joys Schlauchboot erfahren und meldet: Boot mit Flüchtlingen, etwa zehn Seemeilen südlich der Iuventa. Alles muss schnell gehen. Benedikt befiehlt, das Schnellboot zu wassern. Die Crew verstaut Hunderte Schwimmwesten an Bord. Florian leitet das Team und fährt mit Vollgas los. Benedikt und die Iuventa folgen.

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    Foto: Lukas Ondreka

Das italienische Innenministerium meldet neue Rekordzahlen: Im laufenden Jahr sind bereits 153 450 Flüchtlinge über die zentrale Mittelmeerroute nach Italien gelangt und damit mehr als in den Jahren davor. 2015 waren es zwischen 1. Januar und 24. Oktober 139 712 gewesen; 2014, dem bisherigen Rekordjahr, hatten in derselben Zeit 152 100 Menschen die gefährliche Bootsfahrt unternommen.

 

Die meisten Flüchtlinge legten im politisch instabilen Libyen ab und mussten auf halbem Weg aus Seenot gerettet werden, weil die Schlepper die Fluchtboote überladen und nur knapp betankten. Offenbar mehren sich neuerdings aber auch Überfahrten, die in Ägypten beginnen.

Mittlerweile sind die italienischen Auffangzentren überlastet. Insgesamt verfügen sie über 115 000 Plätze. Derzeit müssen aber 167 000 Menschen versorgt werden, unter ihnen 20 000 Minderjährige.

 

Da die Umsiedlungspolitik der Europäischen Union trotz Abkommen noch immer nicht funktioniert, bleiben die meisten Flüchtlinge in Italien stecken. Unter ihnen sind auch viele Afrikaner, deren Aussicht auf Asyl in Europa gering sind. Italiens Innenminister hat die Präfekten überall im Land angewiesen, neue Zentren zu schaffen. Auch alte Kasernen sollen umfunktioniert werden.

 

Zuweilen verkommt die Verteilung zum traurigen Spießrutenlauf. In diesen Tagen sollten zwölf afrikanische Mütter mit ihren Kindern in zwei Dörfer an der Adria gebracht werden. Die Dorfbewohner aber errichteten Straßenbarrikaden, um den Bus zu stoppen, worauf die Flüchtlinge schnell auf andere Ortschaften verteilt werden mussten.

 

Florian weiß, dass er mit der Crew der Iuventa nur wenig ausrichten kann. Auch an diesem Tag kentert wenige Seemeilen weiter ein Flüchtlingsboot. Mehrere Menschen sterben, Florian und sein Team erfahren davon zu spät. Aber den Flüchtlingen auf Joys Boot, denen können sie helfen. Jetzt kommt es auf sie an. "Endlich Einsatz", ruft Florian seinen Kameraden zu. Adrenalin verdrängt die Anspannung.

 

Benedikt koordiniert den Einsatz. Er hält Funkkontakt zum Schnellboot und zu anderen Rettungsschiffen im Einsatzgebiet. Das medizinische Team - ein Arzt und eine Intensivkrankenschwester - bereitet sich auf die Versorgung der Flüchtlinge vor. Die sind oft dehydriert, krank, verängstigt. Die Crew auf der Iuventa spannt ein Sonnensegel und stapelt Wasserflaschen - alles geht zügig, aber ruhig.

 

Was in diesem Moment nur Benedikt auf der Brücke weiß: Die Lage auf dem Flüchtlingsboot spitzt sich dramatisch zu.

 

Aus beschädigten Kanistern ist Benzin in den Innenraum gelaufen. Das Benzin mischt sich mit Wasser im Boot, die Kleidung der Menschen saugt sich voll. Bei langem Kontakt verätzt das Benzin die Haut. Die Menschen stürzen sich deshalb auf die miserabel gefertigten Luftschläuche.

Auf der Iuventa gibt Benedikt der Crew um Florian via Funk den Befehl, Menschen aufzunehmen, um das völlig überfüllte Flüchtlingsboot zu entlasten.

 

Ein Schnellboot von Sea Watch kommt zur Hilfe. Erst läuft alles nach Plan. Das Team verteilt Schwimmwesten. Dann gibt einer der Luftschläuche dem Druck nach und viele Flüchtlinge stürzen ins Wasser. Die meisten können nicht schwimmen und bekommen trotz Schwimmweste Panik. Sie wollen an Bord der Rettungsboote klettern. Die Helfer versuchen sie zu beruhigen, um eine geordnete Rettung zu ermöglichen. Sie wissen: Die Schnellboote können leicht unter Wasser gedrückt werden - dann wird es gefährlich für die Crew, weil auch ihr Boot fahruntüchtig wird. Genau das passiert dem Schnellboot der Sea Watch.

 

Langsam beruhigt sich alles. Das Iuventa-Team schafft es, die Menschen geordnet aufzunehmen und hilft den Sea-Watch-Leuten. Die Topaz Responder trifft ein von der Organisation Migrant Offshore Aid Station (MOAS) und kann Hunderte aufnehmen und nach Italien bringen.

Benedikt gibt Florian Kommando, die Menschen auf das MOAS-Schiff zu bringen.

 

Florian gibt Gas und fragt Joy: "Wie heißt du?"

 

Sei mit der Crew auf dem Boot – in Virtual Reality:

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